Gertrude Bell sei «eine perfekte Figur» für einen Roman. «Sie hat so viele Seiten: Archäologin, Spionin, Gründerin des modernen Irak», so der französische Bestsellerautor Olivier Guez.
Vier Jahre Recherche habe sein Roman gebraucht, sagt der Autor. Und viel Ausdauer. In «Die Welt in ihren Händen» erzählt er das schillernde Leben einer der einflussreichsten Frauen ihrer Zeit.
Vor der Kulisse der Welthistorie
Der Roman spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs in Mesopotamien, dem heutigen Irak. Das Gebiet ist bis 1914 Teil des Osmanischen Reichs. Dann marschieren britische Truppen ein. 1921 wird der Irak zum Königreich, bleibt aber abhängig vom britischen Imperium. Bei diesen Umwälzungen dabei ist die Britin Gertrude Bell.
Bell wird 1868 geboren, studiert als eine der ersten Frauen an der Eliteuniversität Oxford und lernt eine Vielzahl von Sprachen, darunter Persisch und Arabisch.
Spionin im Dienst ihrer Majestät
Sie lässt sich vom britischen Geheimdienst anwerben. Man schickt sie in den Orient, nach Bagdad. Sie verschafft sich Einfluss auf dem politischen Parkett – auch bei der Gründung des Königreichs Irak. Der erste irakische König, Faisal, ist das Resultat ihres Strippenziehens im Hintergrund.
Olivier Guez' Buch ist ein Roman. Doch er hält sich an die Fakten. Er beruht auf der Originalkorrespondenz von Gertrude Bell. Auf bereits bestehenden Biografien. Auf historischen Darstellungen. Auch habe er viel «Literatur von damals gelesen, um die Mentalität von Frauen in der damaligen Zeit zu verstehen», erzählt Guez.
Der Roman schildert die historischen Zeitumstände plastisch. Nie papieren. Zudem entwirft er ein glaubwürdiges Porträt dieser Figur, die so gar nicht ins Frauenbild des viktorianischen Zeitalters passt.
Gertrude Bell heiratet nie. Bekommt keine Kinder. Und sie steht – als Frau – in entscheidenden Momenten an den Scharnieren der Weltgeschichte. Etwas vom Stärksten in diesem Roman sind die atmosphärisch dichten Schilderungen des Alltags der Diplomatin – etwa wenn sie auf dem Rücken eines Kamels durch die Wüste reitet.
Zwiespältiger Charakter
Doch Olivier Guez benennt auch die problematischen Seiten dieser Figur. Etwa ihre prüde Körperfeindlichkeit. Oder dass sie im Innern zerrissen ist.
Als Frau geht sie zwar persönlich unbeirrbar ihren Weg. Doch gleichzeitig profiliert sie sich als Gegnerin des Frauenwahlrechts – und erweist sich damit als durchschnittliches Kind ihrer Epoche.
Der Roman ruft nicht nur die vergessene Gertrude Bell in Erinnerung. Sondern auch eine historische Weichenstellung, die bis heute die Welt prägt: Im Ersten Weltkrieg setzte sich die Weltmacht Grossbritannien in der Region fest, die wegen ihrer Rohstoffe wie Erdöl entscheidend war für die globale Wirtschaft – und es bis heute geblieben ist.
Grenzen ohne Rücksicht
Die Europäer zogen Grenzen von neuen Staaten im Nahen Osten und ignorierten dabei nur zu oft die Gegebenheiten vor Ort. Etwa dass es im neuen Staat Irak Konflikte geben könnte zwischen verschiedenen Volksgruppen wie Schiiten, Sunniten oder Kurden.
Von dieser fatalen Kurzsichtigkeit war Gertrude Bell nicht ausgenommen. Das Vermächtnis dieser Frau – auch dies zeigt der Roman – ist zutiefst ambivalent.