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Kindheit mit ADHS Judith Holofernes und das Aufwachsen mit dem «Komischsein»

Die Sängerin Judith Holofernes hat sich aus dem Showbusiness zurückgezogen. Still geworden ist es um sie nicht, denn mittlerweile schreibt sie. Ihr drittes Buch «Hummelhirn» ist ein autobiografischer Text über ihre Kindheit mit ADHS.

Mit «Hummelhirn» meint die ehemalige Frontfrau der Band «Wir sind Helden» ihr eigenes Hirn – das sich eben anfühlt wie eine Hummel. Und auch angefühlt hat, denn das Buch spielt in der Kindheit.

Ständig ist es in Bewegung, ständig sausen die Gedanken hin und her, ständig hat sie Mühe, sich auf einen einzelnen zu konzentrieren. Dafür ist sie voller Ideen.

Frau mit Gitarre auf der Bühne während eines Konzerts.
Legende: Mit ihrer Band «Wir sind Helden» prägte Judith Holofernes die Nullerjahre – mit Hits wie «Nur ein Wort», «Denkmal» oder «Guten Tag (Die Reklamation)». Keystone/IMAGO/Stefan M Prager

Mit heutigen Begriffen beschrieben, würde man sagen, es ist das Hirn eines Kindes mit ADHS. Dass sie ADHS hat, weiss Judith Holofernes erst, seit sie es diagnostiziert bekommen hat. Und das nicht als Kind, sondern erst vor ein paar Jahren: mit 46 Jahren.

Zu laut, zu schnell, zu berlinerisch

In «Hummelhirn» erzählt Holofernes die Geschichte ihrer Kindheit: vom Aufwachsen zuerst in Berlin, im linksalternativen Milieu.

Nach der Trennung der Eltern kommt sie mit ihrer lesbischen und mittlerweile alleinerziehenden Mutter nach Freiburg im Breisgau. Hier eckt sie mit ihrem Hintergrund und ihrer ganzen Art an: zu laut, zu schnell, zu berlinerisch.

Dann fängt sie an, Musik zu machen, kehrt schliesslich nach Berlin zurück, findet ihre Band – und ihre sagenhafte Karriere beginnt.

Nicht einfach ein «komisches Kind»

Der Plan war ursprünglich, ein unterhaltsames Buch über eine verrückte Kindheit zu schreiben. Mitten im Schreiben aber erhält sie die ADHS-Diagnose und weiss nun: Es war nicht nur eine verrückte Kindheit, es war auch eine schwierige Kindheit. Denn ihre Andersartigkeit hat auch zu ihrer Isolation geführt.

Und jetzt weiss sie, dass sie eben nicht einfach ein «komisches Kind» war, wie die Erwachsenen immer sagten, sondern dass das einen Grund hatte. Das hilft ihr beim Verarbeiten.

Judith Holofernes erzählt jetzt nicht nur die Geschichte ihrer verrückten Kindheit, sondern auch von ihrer Strategie, trotz der Andersartigkeit dazuzugehören. Und diese Strategie ist: Nett sein. Um jeden Preis nett sein.

Das Resultat: Zwei Burnouts

Das hat zwar funktioniert, aber die Folgen sind fatal. Denn dieses Nettsein wird sie nicht mehr los. Auch während der Karriere nicht.

Also sagt sie nie nein. Macht alles, was man von ihr verlangt. Akzeptiert jede Regel. Ist immer für alle da, arbeitet rund um die Uhr. Das Resultat: zwei Burnouts. Und ein Stimmschaden, der ihre Musikerinnenkarriere beendet.

Person in einem blauen Kleid, die ihr Haar richtet, vor grauem Hintergrund.
Legende: Im Frühjahr 2026 stoppte Judith Holofernes ihre Gesangskarriere, weil sie nicht mehr mit ihrer Stimme arbeiten könne. Es handle sich wahrscheinlich um eine neurologische Stimmstörung, die sie 2017 entwickelt habe, so Holofernes. Marco Sensche

In ihrem Buch geht Judith Holofernes nun der Frage nach: Wie konnte das passieren? Warum ist sie so über ihre eigenen Kräfte gegangen?

Im Interview mit SRF erklärt Holofernes, dass sie in der Auseinandersetzung verstanden habe, wie sehr ihre Anpassungsversuche als Kind zur Bereitschaft geführt haben, sich selbst auszubeuten: für Anerkennung – und, um gespiegelt zu bekommen, einfach «in Ordnung» zu sein.

Buchhinweis

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Judith Holofernes: «Hummelhirn». Kiepenheuer und Witsch, 2026.

Ein tragisches Buch ist «Hummelhirn» nicht. Holofernes’ Ansatz ist komisch. Holofernes selbst ist komisch. Aber eben nicht im Sinne von «merkwürdig», sondern von «lustig».

Dennoch schwingt in ihrem Werk immer auch ein bisschen Trauer mit. Trauer darüber, sich so sehr verbogen zu haben. Trauer darüber, so alt werden zu müssen, um zu erkennen, dass sie eben nicht ein «komisches Kind» war, sondern einfach nur ein anderes.

Radio SRF 2 Kultur, Musik für einen Gast, 21.6.2026, 12:38 Uhr ; 

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