Antonia Wenger legt einen Fragebogen auf den Tisch. 19 Seiten, unzählige Fragen, Schriftgrösse zehn: Der «DIVA», ein diagnostisches Interview für ADHS im Erwachsenenalter, gilt als Goldstandard in der ADHS-Abklärung.
Dann stellt die Psychotherapeutin eine Frage – eine, die sie ihren Patientinnen bereits hundertfach gestellt hat: «Gelingt es Ihnen häufig nicht, sich ausreichend auf Details zu konzentrieren?»
Die Antworten der Betroffenen führen weit zurück: in chaotische Kinderzimmer, in Schulhefte voller Eselsohren. In Klassenräume, in denen man lernte, still zu sitzen, nicht aufzufallen, zu funktionieren.
Mehr Frauen betroffen denn je
Antonia Wenger kennt diese Geschichten. Sie hört sie täglich – in der ADHS-Sprechstunde an der Kornhausgasse, mitten im wuseligen Stadtzentrum Basels. Wer hier sitzt, hat oft sechs bis neun Monate auf einen Termin gewartet. Und immer häufiger sind das Frauen.
Sechs bis neun Monate Wartezeit: In der Schweiz ist das normal geworden. Psychiatrische Kliniken und spezialisierte Praxen im ganzen Land berichten von ähnlichen Zuständen, einzelne haben bereits Aufnahmestopps verhängt. Laut dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan haben sich die Verschreibungen von ADHS-Medikamenten zwischen 2020 und 2024 fast verdoppelt.
ADHS scheint plötzlich überall zu sein. Im Freundeskreis, in der Familie, im Internet sowieso. Trotzdem weiss niemand genau, wie viele Menschen in den vergangenen Jahren tatsächlich neu diagnostiziert wurden . Diese Daten werden in der Schweiz bis heute nicht systematisch erhoben.
Was man aber weiss: Dass mehr Frauen denn je in Schweizer Wartezimmern sitzen, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger Blindheit.
Viele von ihnen finden den Weg in die Sprechstunde nicht über eine Hausärztin, sondern über ihr Smartphone. Auf Tiktok und Instagram häufen sich seit einiger Zeit Videos, in denen Menschen zeigen, wie sie alles vergessen, in Gedankenschlaufen feststecken, rastlos sind, ständig zu spät kommen. Darunter tausende Kommentare: «OMG. Das bin ich!»
Aber sind sie das wirklich?
Eine Studie der Universität Oxford, die gerade im Fachmagazin «Nature Reviews Psychology» erschienen ist, gibt zu denken: Aufklärungskampagnen über psychische Erkrankungen können dazu führen, dass Menschen Symptome bei sich erkennen, die gar nicht auf sie zutreffen.
Wer wirklich den Schritt in eine Sprechstunde wagt, kommt nicht aus Neugier.
Jugendliche, die an einem ADHS-Workshop teilnahmen, vermuteten danach doppelt so häufig, selbst betroffen zu sein. Nicht weil sie kränker geworden waren, sondern weil sie sich quasi durch eine andere «Brille» betrachteten. Eine, durch die plötzlich alles nach ADHS aussah. Und: Studien zeigen, dass Tiktok-Videos zu ADHS oft Fehlinformationen liefern.
Auch viele Fachleute, darunter der Co-Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS, sprechen inzwischen offen von einer Modediagnose. Und trotzdem: «Wer wirklich den Schritt in eine Sprechstunde wagt, kommt nicht aus Neugier», sagt Victoria Block. Die Psychologische Leiterin an der UPK Basel hat jahrelang ADHS-Abklärungen gemacht.
Der Leidensdruck der Betroffenen sei real. Und so erhalten acht von zehn Menschen, die zur Abklärung kommen, am Ende auch eine Diagnose.
Verlieren, verlegen, vergessen
Zurück zum Fragebogen. Jede Frage wird zweimal gestellt: einmal für das Erwachsenenleben, einmal für die Kindheit. Denn ADHS muss zwingend schon früh begonnen haben.
Das ist eine der zentralen diagnostischen Bedingungen, die auch zur Hürde werden kann: Wer als Kind nie auffiel – weil man eher ruhig war, funktionierte, sich anpasste – hat heute eher Mühe, Erinnerungen hervorzukramen, die das offizielle ADHS-Diagnosesystem als Beweis verlangt.
Nur weil jemand den Unterricht nicht gestört hat, heisst das nicht, dass es keine Schwierigkeiten gab.
Victoria Block kennt das Dilemma: «Nur weil jemand den Unterricht nicht gestört hat, heisst das nicht, dass es keine Schwierigkeiten gab», sagt sie. «Verlieren, verlegen, desorganisiert sein, vergessen – das sind Hinweise. Manche entwickeln vor lauter Überkompensation sogar Zwangsstörungen.» Tatsächlich sind das vor allem Mädchen.
Mädchen fielen durchs Raster
Lange galt ADHS als Störung der Jungen. Laut, impulsiv, nicht stillsitzen könnend. Der Prototyp war männlich – und das nicht zufällig. Als Heinrich Hoffmann 1845 den Struwwelpeter schrieb und darin den «Zappel-Philipp» beschrieb, prägte er ein Bild, das die Medizin über ein Jahrhundert begleiten sollte.
Die ersten grossen Studien zu ADHS wurden fast ausschliesslich an Jungen durchgeführt. Der Standardpatient in der Medizin war – und ist in vielen Bereichen noch immer – männlich, 70 Kilo.
Kontrolle und Kompensation
Mädchen, die träumten statt zu toben, die still waren statt aufzuspringen, fielen durch das Raster. Nicht weil ihre Symptome fehlten, sondern weil sie niemand erkannte. Sie lernten früh, sich anzupassen: zu funktionieren, zu kontrollieren, zu kompensieren.
Block beschreibt, wohin das im späteren Leben führen kann: «Man stelle sich vor, dass eine Frau mit undiagnostizierter ADHS durchs Leben geht und versucht, alles richtig zu machen. Sie hat immer irgendwie alles hingekriegt. Sie hat sich für Aufgaben extra Zeit genommen, vielleicht sogar weniger geschlafen, alles gut versteckt.»
Doch dann ändern sich ihre Anforderungen durch einen neuen Job oder die Familie: «Plötzlich klappt das nicht mehr und das System bricht zusammen.» Bei vielen schleiche sich dann eine Depression oder ein Burnout ein. «Wenn sich die Frau dann therapeutische Hilfe holt, wird eine Depression diagnostiziert. Das ist aber nur eine Symptombehandlung. Darunter liegt nämlich oft die ADHS.»
Mit anderen Worten: Die Depression ist real. Aber sie ist eine Folge, nicht die Ursache. Wer nur die Depression behandelt, behandelt in solchen Fällen das Falsche.
Verstecken statt ausleben: Was «Masking» kostet
Während Jungen mit ADHS auffallen – oft laut, impulsiv, zappelig – lernen Mädchen früh, das zu verstecken. Die Hyperaktivität verschwindet nicht, sie wandert nach innen. In die Gedankenflut, die innere Unruhe, ins Kratzen am Tisch, ins Drehen am Ring.
Das passiert auch, weil emotionalen weiblichen Menschen häufig vorgeworfen wird, irrational zu sein, dramatisch zu sein, zu viel zu sein.
Fachleute nennen das «Masking». Eine dauerhafte, oft unbewusste Anpassungsleistung, die nach aussen Kontrolle suggeriert, innerlich aber enorme Energie kostet.
«Das passiert auch, weil emotionalen weiblichen Menschen häufig vorgeworfen wird, irrational zu sein, dramatisch zu sein, ‹zu viel› zu sein», so Victoria Block. Dann wird sehr schnell gelernt, sich zurückzunehmen.
Diagnose im Schnitt mit vier Jahren Verspätung
Die Folgen davon können gravierend sein: In 80 Prozent der Fälle entwickeln undiagnostizierte Betroffene mindestens eine weitere psychiatrische Störung: Bei Frauen sind das häufiger Depressionen und Angststörungen, bei Männern häufiger Sucht – auch das ein blinder Fleck, der lange unterschätzt wurde.
Im Schnitt werden Frauen vier Jahre später diagnostiziert als Männer. Vier Jahre, in denen sich eine Negativspirale festigen kann: Ich bin schlecht. Ich kann das nicht leisten. Ich bin nicht klug genug.
Wie viele Frauen heute mit einer Depressions- oder Angststörungsdiagnose in einer Therapie sitzen, obwohl vielleicht etwas anderes dahintersteckt? Ungewiss.
Gestörte Dopamin-Regulation
Doch da ist noch etwas: ADHS bei Frauen ist keine statische Sache. Um zu verstehen warum, werfen wir kurz einen Blick ins Gehirn.
- Dopamin ist ein Botenstoff, der dafür zuständig ist, dass wir uns konzentrieren können, Aufgaben zu Ende bringen, Impulse zu kontrollieren. Bei ADHS ist genau diese Dopamin-Regulation gestört. Das heisst, es ist zu wenig davon da, oder es wird zu schnell abgebaut.
- Östrogen beeinflusst diesen Botenstoff direkt. Es fördert die Produktion von Dopamin und verlangsamt seinen Abbau. Sinkt der Östrogenspiegel, sinkt also auch das verfügbare Dopamin – und bei Frauen mit ADHS, deren System ohnehin schon geschwächt ist, schlägt das besonders stark durch.
ADHS verschlimmert PMS-Symptome
Das zeigt sich bereits im monatlichen Zyklus. In der ersten Hälfte dominiert Östrogen: Konzentration, Motivation und Stimmung profitieren davon.
Fast jede zweite Frau mit ADHS leidet unter PMS – in der allgemeinen Bevölkerung ist es ein Drittel.
In der zweiten Hälfte sinkt der Spiegel und das Gehirn hat weniger Dopamin zur Verfügung. Viele Frauen reagieren empfindlicher, haben mehr Mühe, den Alltag zu strukturieren.
Die Zahlen sprechen für sich: «Fast jede zweite Frau mit ADHS leidet unter PMS – in der allgemeinen Bevölkerung ist es ein Drittel», sagt Ana Buadze, ADHS-Spezialistin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.
Bei einem Teil der Betroffenen fallen die Beschwerden so stark aus, dass Fachleute von einer prämenstruellen dysphorischen Störung sprechen – einer Art monatlich wiederkehrender depressiver Episode, hormonell ausgelöst.
Zyklusabhängige Medikation
Manche Kliniken passen Medikamentendosen bereits zyklusabhängig an, weil sie aus der klinischen Erfahrung wissen, dass es wirkt. «Wir machen das seit Jahren so», sagt Ana Buadze. Wie das bei anderen aussehe, wisse sie nicht. Denn: «Es gibt keine klaren Behandlungsempfehlungen dafür. Die Leitlinien sind seit 2018 ausstehend.»
Eine Diagnose mit 50 – was bedeutet das überhaupt noch? Mehr als manche vielleicht im ersten Moment erwarten würden. «Schon die Abklärung selbst hat therapeutischen Wert», versichert Victoria Block. Man beginne, das eigene Leben neu einzuordnen: Misserfolge, Beziehungen, chronische Erschöpfung würden eine Erklärung bekommen, die nicht mit Schuldgefühlen oder Selbstzweifeln zu tun hätten. «Viele Frauen sagen nicht: ‹Die Diagnose hat mein Leben zerstört.› Sie sagen: ‹Sie hat es zum ersten Mal erklärbar gemacht.›»
Wissen an alle weitertragen
Noch hinkt das System hinterher. Die Diagnosekriterien wurden an Männern entwickelt, die Forschungslücke bei ADHS und Hormonen ist gross. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) arbeitet auf Parlamentsauftrag an einem Bericht zur Verbesserung der ambulanten Versorgung – er soll Ende 2026 erscheinen, heisst es auf Anfrage.
Das Wissen ist also da – in spezialisierten Kliniken, bei engagierten Forschenden. Nur: Es sollte, da sind sich die Expertinnen einig, auch weitergetragen werden: Zu den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, die täglich Frauen sehen. Zu den Frauen selbst. Zu ihren Partnern, ihren Vätern, ihren Brüdern. Zu allen.