Für mich als Mann ist die Damentoilette Sperrgebiet. Aber natürlich bin ich neugierig, denn hinter der Tür mit dem Frauen-Piktogramm sollen sich Dramen abspielen. Zumindest haben es mir Filme und Serien so beigebracht: Dort drängen sich die Frauen vor dem Spiegel und ziehen ihren Lippenstift nach, bevor sie zur nächsten Eroberung aufbrechen.
Am Lavabo lästern Mädchen über Mitschülerinnen. In den Kabinen werden Liebeskummer und Lebenskrisen ausgeheult. Freundinnen sprechen sich durch die Trennwände Mut zu und spenden Trost. Die Damentoilette als Rückzugsort, Beichtstuhl und Krisenzentrum. Soweit das Klischee.
Wo Frau Mensch sein kann
Auch die Autorinnen des Bandes «Die Damentoilette» greifen diese Bilder auf, oft inspiriert von sogenannten «Frauenserien» wie «Fleabag» oder «Sex and the City». Die Realität sei aber unspektakulärer, verrät etwa Filmemacherin Jovana Reisinger im Buch. Zwar spreche sie auf dem Klo gelegentlich über Lovers und Dates, vor allem wolle sie dort aber einfach «in Ruhe pieseln (…) und für ein Sekündchen die Lage kontrollieren».
Und doch ist die Damentoilette mehr als ein Ort der Grundbedürfnisse. Das WC ist ein sozialer, ja sogar lehrreicher Raum. Autorin Marlene Sørensen führt eine Liste der Dinge, die sie auf dem Klo gelernt hat: Lifehacks, («Die halbe Hockstellung», «Wodka in Plastikbecher ausschenken, die auf einem Toilettenpapierspender balancieren»), aber auch Sozialkompetenzen («Teilen», «Selbstakzeptanz», «Mit Fremden ins Gespräch kommen»).
Die meisten Texte in der WC-Anthologie sind essayistisch, manche anekdotisch, wenige fiktional. Aber für alle 22 Autorinnen ist das stille Örtchen ein politischer Raum. Immer wieder lese ich von der Erleichterung über einen männerfreien Rückzugsort und vom Wunsch, das Damenklo möge ein Ort weiblicher Solidarität sein, wo das Verschenken eines Tampons zur schwesterlichen Geste wird.
«Es ist ein Ort nur für Frauen, aber zugleich der Ort, an dem man mal kurz nicht Frau sein muss, sondern Mensch sein darf», schreibt «Zeit Magazin»-Redakteurin Claire Beermann, also «sich unter den Armen kratzen, die Unterwäsche im Schritt zurechtrücken, in der Nase bohren, Essensreste aus dem Mund schaben, hörbar rülpsen, bluten, weinen, wütend sein darf».
Auf dem WC ausgeschlossen
Aber nicht alle Texte feiern das Frauen-WC. Für die non-binäre Person Sonja Finck wird gerade dort spürbar, dass sie nicht dazugehört.
Auch Schriftstellerin Dana Vowinckel kann nicht in den Lobgesang einstimmen. Die Damentoilette sei für sie der Ort des Vergleichs, an dem sie sich neben «dünnen Damen in schönen Kleidern» wie ein Sack Kartoffeln fühle. Und auch wenn auf dem Frauen-WC die Männer abwesend sind, sei das Patriarchat dort präsent.
«In den Schulen des Patriarchats gehen Frauen zusammen aufs Klo, und dann sagen sie, ‹krass, dass du dich da nicht rasierst. Das ist ja mega unhygienisch.› In den Schulen des Patriarchats sagen sie, ‹krass, dass du dich da rasierst, machst du das nur für ihn?›»
Ein Buch für Männer
In dieser Textsammlung über die Damentoilette zeigen die Autorinnen, wie viele soziale Themen sich an diesem Ort verhandeln lassen – gerade weil der Hälfte der Gesellschaft der Zutritt verwehrt bleibt. Letztlich geht es in diesem WC-Buch um die Welt draussen.
Dass diese Gedanken über eine frauenfreundlichere Gesellschaft nicht hinter verschlossenen Türen bleiben, ist wichtig, ganz besonders für Männer.