Im Dezember 1777 begann Wolfgang Amadeus Mozart einen Brief an seine Cousine mit den Worten: «Bevor ich Ihnen schreibe, muss ich aufs Häusel gehen – ietzt ist’s vorbey! ach […], wenn man sich halt ausgeleert hat, ist’s noch so gut leben.»
Wo Mozart recht hat, hat er recht. Und er ist nicht der einzige, der über seine Verdauung geschrieben hat. Toiletten- und Stuhlgänge sind in der Literatur weitaus häufiger, als man vermuten könnte, erklärt der Germanist Magnus Wieland.
Die scheissenden Figuren sind oft Underdogs, Schelme oder Aussenseiter, die Kot als Mittel einsetzen, um Autoritäten zu demütigen.
In seinem Buch «Lokusblüten» hat der Schweizer rund 50 solcher «Schüsselstellen der Weltliteratur» zusammengetragen – von der Antike bis zur Gegenwart, von Aristophanes bis Sibylle Berg. Überall zeigt sich: Kot ist eine heitere Materie.
Wenn Thomas Bernhard über die ekelerregendsten Toiletten der Welt schimpft, wenn Gulliver auf seinen Reisen einen Gelehrten trifft, der menschliche Exkremente in Nahrung zurückverwandeln will, oder wenn Prinzessin Liselotte von der Pfalz über die «verdammte Scheisserei» am französischen Hof berichtet, dann ist das wahnsinnig witzig.
Waffe der Underdogs
Üblicherweise bleibt die Darmentleerung ein Tabuthema. Bricht die Literatur dieses Tabu, kann das Lachen befreiend wirken, erklärt Wieland. «Wer genauer liest, merkt aber, dass dahinter mehr steckt als nur Fäkalhumor.»
«Die scheissenden Figuren sind oft Underdogs, Schelme oder Aussenseiter, die Kot als Mittel einsetzen, um Autoritäten zu demütigen.» Etwa in einem mittelalterlichen Schwank von Hans Sachs, in dem Bauern einen Kothaufen genau dort platzieren, wo Ritter Neidhart der Fürstin ein Veilchen zeigen möchte.
Kacken in «Ulysses»
Im 19. und 20. Jahrhundert verschiebt sich die Fäkalpoetik zunehmend vom öffentlichen Raum in den verborgenen Rückzugsort: das Klo. Die Literatur bleibt aber radikal, vor allem in ausführlichen, lustvollen Schilderungen des Stuhlgangs.
Teil des Reizes ist die Fallhöhe zwischen dem niedrigen Gegenstand und der kunstvollen Art, wie man darüber spricht.
Wieland nennt als Beispiel Leopold Blooms Gang aufs WC in James Joyces «Ulysses»: «Über mehrere Seiten wird geschildert, wie Bloom auf dem Plumpsklo sitzt und genussvoll den Stuhl zurückhält, um den Akt auszukosten.»
Vom Mistfink und Donnerbalken
Solche Toilettenszenen öffnen buchstäblich einen Raum hinter den zivilisatorischen Kulissen. Viele der Gedichte und Prosatexte nennen das natürlichste aller Bedürfnisse schamlos beim Namen mit Wörtern wie «scheissen» oder «Kacke».
An anderer Stelle hat die Latrinenliteratur herrliche Sprachkreationen hervorgebracht: «keramischer Altar», «Donnerbalken», «Abführzeug» oder «das Gedruckte».
«Dass eine Banalität so viel sprachliche Aufmerksamkeit bekommt, ist der Reiz», sagt Wieland. «Teil davon ist die Fallhöhe zwischen dem niedrigen Gegenstand und der kunstvollen Art, wie man darüber spricht.»
Eine Sprachschöpfung des griechischen Dichters Aristophanes hat sich sogar in Wielands Alltag geschlichen: «Im Umgang mit meiner kleinen Tochter hat sich die Redewendung eingebürgert, dass der Mistfink an die Türe klopft.»
Magnus Wielands gesammelte «Lokusblüten» sind verblüffend wie vergnüglich. Das Buch macht sich hervorragend in jeder Wohnzimmerbibliothek – oder noch besser auf dem Spülkasten des stillen Örtchens.
Ganz im Sinne des Herausgebers: «Das WC ist vermutlich der beste Leseort, denn die Textausschnitte sind so portioniert, dass man sie bequem während eines Stuhlgangs lesen kann.»