Lange Haare, ein Holzfällerhemd, eine Gitarre: So steht Jesse Welles in einem Feld oder Waldstück und besingt die aktuellen Umstände in den USA. Der Folksänger aus dem US-Bundesstaat Arkansas postet seit anderthalb Jahren kurze, bissige Protestlieder online und erreicht damit ein Millionenpublikum.
Singen, was ist
Ein Musik-Neuling ist Jesse Welles nicht. Schon seit 15 Jahren veröffentlicht der 33-Jährige in verschiedenen Formationen Musik. 2024 findet er seine Nische und beginnt, kurze, beinahe tagesaktuelle Protest-Songs zu schreiben und online zu stellen.
Ich bin eines Tages aufgewacht und dachte mir: Dann werde halt ich darüber reden. Ich habe nichts zu verlieren.
Er thematisiert in seinen Texten aktuelle Ereignisse der US-amerikanischen Politik: in «United Health» etwa den Mord des Krankenkassen-CEOs, in «Venezuela» die steigenden Spannungen zwischen den USA und Venezuela im Herbst 2025. Seine Melodien sind eingängig und simpel, die Texte direkt und beissend.
In einem Interview mit CNN sagte Welles dazu einmal, niemand in seinem Umfeld habe über diese Dinge gesprochen: «Ich bin eines Tages aufgewacht und dachte mir: Dann werde halt ich darüber reden. Ich habe nichts zu verlieren.»
Warum ist er damit erfolgreich?
Seine unprätentiöse Art scheint bei vielen anzukommen. Ohne Stimmeffekte oder grosse Show steht er auf der Bühne – oder eben in einem Wald – und singt seine Meinung. Gerade in Zeiten von Hochglanz-Social-Media-Feeds und KI scheint das eine willkommene Abwechslung zu sein.
Gleichzeitig funktionieren die kurzen, bissigen Songs gut in der Aufmerksamkeitswirtschaft der sozialen Medien, wo alles Extreme gut klickt. Welles nimmt kein Blatt vor den Mund: In seinem satirischen Anti-Kriegssong «War Isn’t Murder» kritisiert er etwa das Narrativ, dass im Krieg das Ende alle Mittel heiligt. Er singt sarkastisch: «Krieg ist kein Mord / gute Männer sterben nicht / Kinder verhungern nicht / und alle Frauen überleben.»
Welles positioniert sich klar gegen Trumps Administration und im linken Lager. Doch auch dort erntet er manchmal Kritik: Manchen sind seine Texte zu explizit oder einfach, andere finden, er würde die Songs opportunistisch herausgeben, um Klicks zu generieren. Sein Song über das Attentat auf den Charlie Kirk etwa spaltet die Gemüter.
Grosse Vorbilder
Die Art von Musik, die Jesse Welles macht, ist keineswegs neu. Folk-Protestsongs haben in den USA eine reiche Geschichte. Grosse Musikerinnen und Musiker wie Woody Guthrie, Joan Baez oder Bob Dylan haben im 20. Jahrhundert schon über Armut, Ausbeutung, die Regierung oder den Vietnamkrieg gesungen.
In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts haben sich die Genres auch diversifiziert: Punk, Rock und Hip-Hop sind gross geworden und haben immer wieder Künstlerinnen und Künstler hervorgebracht, die in ihren Songs über soziale und politische Missstände gesungen haben.
Jesse Welles’ Musik vereint also neu und alt: Es ist eine Rückkehr zu einem Genre, das lange nicht im Rampenlicht stand und richtet sich gleichzeitig nach dem heutigen Social-Media-System. Ob das nun ein Protestsong-Revival einläutet, wie viele US-Medien schreiben, wird sich noch zeigen. Klar ist: Welles trifft damit bei Millionen von Menschen in den USA einen Nerv.