Zum Inhalt springen

Schweiz Grüner Strom aus der App

Eine neue Strom-App soll private Produzenten und Konsumenten zusammenbringen – und zwar ohne das Elektrizitätswerk als Zwischenhändler. Die Behörden beobachten die Entwicklung mit Interesse.

Legende: Video Strom aus der App abspielen. Laufzeit 1:49 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 11.10.2016.

Was heute schon mit Fahrdiensten wie Uber oder Reisevermittlern funktioniert, könnte bald auch beim Strom Schule machen: Die Industriellen Werke Basel (IWB) lancieren gemeinsam mit dem App-Entwickler Change38 einen Vermittlungsdienst für Strom.

Dabei beziehen die Haushalte den Strom nicht mehr beim regionalen Energieversorger, sondern wählen in ihrer Handy-App zwischen verschiedenen Kleinproduzenten aus der Umgebung aus. Statt Mix- oder Wasserstrom aus unbekannter Herkunft soll so Grünstrom aus der Nachbarschaft gefördert werden. Neben dieser Förderung erhoffen sich die Initianten, dass die Konsumenten ihren Stromverbrauch bewusster steuern.

Anreiz für Konsument und Produzent

Die Strom-App zielt darauf ab, dass Strom dann verbraucht wird, wenn er produziert wird. Sie erlaubt dem Konsumenten einerseits, seinen Stromverbrauch zu überwachen und andererseits die Elektrogeräte so zu steuern, dass sie sich an die aktuelle Stromproduktion angleichen. Diese Überwachung und Steuerung des Stromverbrauchs kostet den Konsumenten rund 20 Franken im Monat. Der verbrauchte Strom wird zu Marktpreisen verrechnet.

Ein Produzent wird mit einigen Rappen pro Kilowattstunden belohnt, wenn er überschüssigen Strom dann liefert, wenn die Abonnenten in der Nachbarschaft diesen nachfragen. Dieser Anreiz soll das Verhalten lenken und somit die Stromnetze entlasten.

Neue Regulierung nötig?

Marianne Zünd vom Bundesamt für Energie beobachtet die Entwicklung mit Interesse: «Es sind neue Strukturen und neue Akteure», sagt sie. Beides werfe aber auch neue Fragen auf – etwa, ob die Konsumenten ausreichend geschützt seien, ob es staatliche Regulierung brauche oder aber eine Verpflichtung der Produzenten.

So sieht das Bundesamt für Energie im Angebot Parallelen zu anderen Vermittlungsdiensten, wie beispielsweise dem Fahrdienstvermittler Uber, der umstritten ist.

Virtuell statt physisch

Solange der Strommarkt für die Endkunden nicht liberalisiert ist, wird der Strom nicht physisch, sondern rein virtuell geliefert. Trotzdem verfolgen viele Energieversorger die Strom-App von IWB und Change38 mit Interesse.

Mithilfe der App könnten neue Kunden – Konsumenten und Produzenten – ausserhalb des angestammten Versorgungsgebiets gewonnen werden. Kunden gewinnen sei laut Geschäftsführer David Thiel allerdings nicht das Wichtigste. Der Energieversorger wolle bisherige Kunden binden, eigenen Strom aus Biogas, Wasserkraft oder Windenergie verkaufen und Erfahrungen mit einer neuen Technologie sammeln. Der App-Entwickler Change38 plant, sein Geschäftskonzept mit der Strom-App im Franchisingsystem an weitere Energieversorger zu vertreiben.

Über die App

Die Strom-App von Change38 wird am Mittwoch offiziell vorgestellt.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Benedikt Jorns (Benedikt Jorns)
    Diese App bringt unseren Stauseen bei der kurzfristigen Stromspeicherung Konkurrenz. Sie wirkt in einem Bereich, der in der Schweiz schon lange gut abgedeckt ist und früher ca. 30 Mitarbeiter jährlich ca. 100 Mio. für unsere Stromkonzerne verdienen konnten. Für die kritische Stromversorgung im Winterhalbjahr bringt sie im Gegensatz zu Stauseen praktisch nichts. Diese App bewirkt, dass der Bau von neuen Staudämmen finanziell noch kritischer wird und zunehmend Kohlestrom eingekauft werden muss.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Martin Hess (MH)
    Naja. Dass der Zwischenhändler ausgeschaltet wird ist für den Endverbraucher gut. Aber es handelt sich wie erwähnt nur um ein idealistisches und theoretisches Modell. Niemand wird dem Endverbraucher garantieren könnne, dass er dann tatsächlich den "bestellten" Bio-Strom vom Nachbarn Müller erhält. Das wird technisch gar nicht möglich sein. Daher finde ich diesen Ansatz und wie er beworben wird etwas irreführend. Zumindest müsste hier richtig aufgeklärt werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von M. Jaeger (jegerlein)
      Es ist wie bei den Katholiken, der Pfarrer kommt und segnet das Haus und dann ist Frieden. Die Grünen können damit natürlich nichts anfangen und brauchen ihre eigenen Riten. Hauptsache man glaubt dran.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Kim Hansson (Freddy Tobler)
    Absolut grandios! Regionale Wirtschaft ohne Zwischenhändler...Auch wenn es bei Strom nur rein theoretisch funktioniert ist dies der richtige Ansatz.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen