Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Nicht alles nur Krise Positive Erlebnisse prägen Jugendliche stärker als Krisen

Jugendliche berichten vor allem von positiven Ereignissen in ihrem Leben – mehr als von Krisen. Das zeigt eine Studie.

Laut einer Studie der Universität Zürich prägen positive Alltagserlebnisse Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 24 Jahren mehr als negative. Auf die Frage, was das wichtigste persönliche Ereignis in den letzten Jahren war, antworteten sie mehrheitlich mit positiven und alltäglichen Erfahrungen aus Schule, Ausbildung, Beziehungen und Freizeit.

Bemerkenswert ist laut Studienautorin und Leiterin der Forschungsgruppe Lilly Shanahan einerseits das Ausmass, in dem positive Ereignisse berichtet wurden, und andererseits auch die Art dieser Erlebnisse.

«Meist ging es nicht um Ausnahmemomente, sondern eher um das, was man als ‹normale Lebensereignisse› bezeichnet – die aber eben in diesem Alter sehr bedeutsam sind: einen Lehrvertrag unterschreiben, eine enge Freundschaft entwickeln, die erste Liebe, die erste eigene WG oder Wohnung, die erste grosse Reise ohne die Eltern», sagt Lilly Shanahan, Professorin für klinische Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich.

Langzeitstudie mit über 1400 Teilnehmenden

Box aufklappen Box zuklappen

Forschende der Universität Zürich werteten für die Studie die Antworten von 1442 Teilnehmenden einer Langzeitstudie aus. Die jungen Menschen wurden im Alter von 15, 17, 20 und 24 Jahren nach den wichtigsten Ereignissen der letzten Jahre befragt.

Für die Analyse der insgesamt 5670 kurzen Textantworten nutzte das Forschungsteam Methoden der automatisierten Sprachverarbeitung.

Laut den Autoren gehört die Studie zu den ersten grossen Langzeituntersuchungen, bei welchen solche Verfahren eingesetzt werden. Dies erlaube es, ein strukturiertes Bild vom Erleben junger Menschen zu erhalten und gleichzeitig deren Perspektive in ihren eigenen Worten sichtbar zu machen.

Die Stichprobe wurde 2004 mittels eines kontrollierten Auswahlverfahrens aus Zürcher Primarschulen gezogen. Die Ergebnisse beziehen sich auf eine urbane Deutschschweizer Stichprobe.

Laut Shanahan wurde in der Forschung bisher oft untersucht, was mit der psychischen Gesundheit «schieflaufen» kann, um Jugendliche davor zu schützen. So sei etwa nur nach belastenden und negativen Lebensereignissen gefragt worden.

Die Antworten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Die aktuelle Studie mit Fokus auf die wichtigsten Ereignisse zeige etwas Ermutigendes: «Junge Menschen können auch in herausfordernden Zeiten Schönes und Positives erleben und wahrnehmen. Genau das ist eine wichtige Ressource und Stärke des Jugendalters – und als Gesellschaft sollten wir gezielt darauf aufbauen, um die psychische Gesundheit der Jungen zu stärken.»

Ausbildung und Arbeit für Junge wichtig

Am häufigsten berichteten die Befragten von Schule, Ausbildung und Lehre. Dieser Bereich machte fast die Hälfte aller Nennungen aus. Danach folgten Freundschaften und Liebesbeziehungen mit rund zwölf Prozent.

«Das zeigt, welch grossen Wert junge Menschen auf die Entwicklung im Bereich Schule, Ausbildung, Arbeit und Beruf legen», sagt Lilly Shanahan. Entsprechend freuten sie sich zusammen mit ihren Familien und seien stolz, wenn etwas klappt. «Es unterstreicht aber auch, dass dadurch grosser Druck entstehen kann.»

Zwei Personen sitzen auf einem Handtuch und essen im Freien.
Legende: Weit weg vom Chillen: «Wenn man Jugendliche ab 15 beobachtet, dann sehen wir oft vielbeschäftigte Menschen, die oft gar nicht mehr so viel Zeit für Freizeit haben», sagt Lilly Shanahan. Keystone/MARTIN RUETSCHI

Die genannten Themen verändern sich zudem mit dem Alter. Mit 15 geht es viel um Schule und Freunde, mit 24 dann eher um den Beruf, die Partnerschaft, und die erste eigene Wohnung. «Das reflektiert wichtige Entwicklungsmeilensteine, die junge Menschen in dieser Zeit durchlaufen», sagt Shanahan dazu.

Unterstützung auch für positive Erfahrungen

Jugendliche und junge Erwachsene mit stärkeren Symptomen von Angst und Depression berichteten auch deutlich häufiger von belastenden Erfahrungen wie Konflikten oder Verlusten.

Positive Ereignisse wie Reisen oder Ausbildungserfolge nannten sie seltener. «Die psychischen Probleme vieler Jugendlicher sind real und müssen ernst genommen werden», sagt Lilly Shanahan.

Konkrete Empfehlungen zur Unterstützung

Box aufklappen Box zuklappen

Laut Lilly Shanahan sollen zur Untestützung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen Settings geschaffen werden, in denen Jugendliche kleine oder grosse Erfolge erleben, gute Freundschaften aufbauen, schöne Erlebnisse haben, erste Schritte in die Unabhängigkeit ergreifen, und das Gefühl von Selbstwirksamkeit entwickeln können.

Das bedeutet laut der Professorin konkret:

  • Für Eltern und Fachpersonen: Nicht nur auf Probleme schauen. Auch kleine und grosse Erfolge wahrnehmen, feiern, ernst nehmen. Ein Jugendlicher, der eine Präsentation hält, eine Prüfung besteht, eine Freundschaft schliesst, einen Tagesausflug mit den Kollegen und Kolleginnen organisiert – das sind keine Kleinigkeiten.
  • Für das Bildungssystem: Verschiedene Arten von Erfolgserlebnissen sollten für alle möglich sein. Junge Menschen können viele Misserfolge in der Schule, bei den verschiedenen Prüfungen und auch bei der Lehrstellensuche und im Studium erleben. Für junge Menschen können solche gehäuften Misserfolge zermürbend sein und stark am Selbstwert nagen.
  • Zuhören – auch in der Forschung und in der Politik. Auf die Jugendlichen hören, was sie in ihren eigenen Worten sagen. Es sollen nicht nur Fragen gestellt werden, die Erwachsene entworfen haben.

Trotzdem solle das Positive nicht aus dem Blick geraten. «Wer weiss, was jungen Menschen Freude bereitet und Kraft gibt, kann gezieltere Unterstützungsangebote entwickeln», sagt Shanahan. Diese Angebote sollen sich laut Professorin deshalb nicht nur auf die Bewältigung von Belastungen konzentrieren, sondern auch positive Erfahrungen fördern.

Diskutieren Sie mit:

Heute Morgen, 23.6.2026,6 Uhr;sda;liea

Meistgelesene Artikel