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Q&A zu Lehrstellen «Warum finden trotz Fachkräftemangel viele keine Lehrstelle?»

Thomas Bolli, Domenica Mauch und Barbara Zbinden haben von 10.30 Uhr bis 12 Uhr Ihre Fragen zu Lehrstellen beantwortet.

Fachpersonen im Q&A

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Domenica Mauch
Geschäftsführerin yousty.ch
Yousty.ch

Thomas Bolli
Bildungs- und Arbeitsmarktökonom
ZHAW, Zentrum für Arbeitsmärkte, Digitalisierung und Regionalökonomie

Barbara Zbinden
Berufs- und Laufbahnberaterin
BIZ Berufsberatungs- und Informationszentren des Kantons Bern

Chat-Protokoll:

Ist es besser, einen Beruf zu wählen, der einen interessiert, oder einen, bei dem man weiss, dass später Jobs vorhanden sind? Danke

Barbara Zbinden: Es ist wichtig, dass dich der Beruf interessiert und du die Fähigkeiten hast, die zum Beruf passen. Schliesslich wirst du ja 2, 3 oder 4 Jahre in diesem Beruf lernen. Die Berufswelt verändert sich rasch. Bleib dran: Halte dein Fachwissen aktuell, befasse dich mit KI und erweitere auch deine Softskills.

Muss man heute für jede Lehrstelle schon perfekte Noten haben?

Domenica Mauch: Nein, absolut nicht! Das ist ein grosser Mythos. Perfekte Noten sind nicht alles. Natürlich gibt es Berufe, bei denen die Schulnoten eine grössere Rolle spielen (wie im KV oder bei sehr theoretischen IT/Tech-Berufen). Für die allermeisten Lehrbetriebe zählt heute aber das Gesamtpaket: – Die Motivation: Deine Begeisterung für den Beruf ist oft wichtiger als eine Fünf oder Sechs im Zeugnis. – Die Schnupperlehre: Wenn du beim Schnuppern zeigst, dass du verlässlich, handwerklich geschickt (jeweils passend zum Beruf) oder teamfähig bist, machst du schwächere Noten locker wett. – Arbeits- und Verhaltensnoten: Pünktlichkeit, Fleiss und dein Verhalten in der Schule werden von den Lehrbetrieben ganz genau angeschaut. Fazit: Lass dich von ein paar schlechteren Noten nicht verunsichern. Zeig deine Stärken einfach in der Schnupperlehre und mit einer motivierten Bewerbung!

Barbara Zbinden: Ich möchte noch ergänzen zu den perfekten Noten. Es ist wichtig, dass du schnupperst, am besten in mehreren Berufen. Das zeigt den Firmen, dass du dich aktiv mit der Berufswahl befasst hast. Manchmal erhält man gerade nach dem Schnuppern ein Angebot für eine Lehrstelle.

Vielleicht etwas provokativ gefragt: Sind gewisse Berufe einfach zu unattraktiv geworden oder erwarten die Jugendlichen heute etwas anderes? Als ich noch in dem Alter war, hat man für jeden Beruf eine bestimmte Begeisterung gefunden...

Thomas Bolli: Das Nahtstellenbarometer erlaubt einen Vergleich des Anteils der offenen Lehrstellen zwischen 2018 und 2025. Diese Daten zeigen, dass der Anteil offener Lehrstellen insgesamt relativ stabil geblieben ist. Ein Vergleich verschiedener Branchen deutet darauf hin, dass 2022 und 2023 der Anteil im Baugewerbe und Gastgewerbe höher lag. Allerdings hat sich dieser Anteil 2024 und 2025 wieder stabilisiert.

Vielleicht etwas provokativ gefragt: Sind gewisse Berufe einfach zu unattraktiv geworden oder erwarten die Jugendlichen heute etwas anderes? Als ich noch in dem Alter war, hat man für jeden Beruf eine bestimmte Begeisterung gefunden...

Thomas Bolli: Das Nahtstellenbarometer erlaubt einen Vergleich des Anteils der offenen Lehrstellen zwischen 2018 und 2025. Diese Daten zeigen, dass der Anteil offener Lehrstellen insgesamt relativ stabil geblieben ist. Ein Vergleich verschiedener Branchen deutet darauf hin, dass 2022 und 2023 der Anteil im Baugewerbe und Gastgewerbe höher lag. Allerdings hat sich dieser Anteil 2024 und 2025 wieder stabilisiert.

Hallo, unser Lehrer behauptete, dass Spitäler erst ab dem 1.8. Bewerbungen annehmen. Doch meine Freundin hat schon eine Lehrstelle in einem Spital erhalten. Stimmt die Behauptung des Lehrers nicht?

Barbara Zbinden: Es lohnt sich immer, direkt bei der Firma/beim Spital anzufragen, wie der Bewerbungsprozess abläuft. Jede Firma kann das anders handhaben. Frage auch nach, welche Unterlagen das Spital für das Bewerbungsdossier wünscht. Vielleicht findest du Informationen auf der Website der Firma.

Guten Tag, meine Tochter kam gerade aus der 9. Klasse und besucht nun bald das 10. Schuljahr in einer privaten Schule. Sie hat 300 Fehlstunden wegen Krankheit (postvirale Störung) im Zeugnis. Es reichte jedoch zu einem guten Realabschluss. Nun geht es ihr wieder gut. Macht es Sinn, dass sie im Bewerbungsdossier die zweite Seite mit den Fehlstunden auflistet? Oder reichen Noten 7–9? Kl. plus Sozialkompetenzen, Schnupperbericht usw. aus? Wann wäre der beste Zeitpunkt, um auf Lernstellensuche für 2027 zu gehen? LG

Barbara Zbinden: Ich würde auch die Seite mit den Fehlstunden aufführen und aktiv kommunizieren, was der Grund dafür war, und auch mitteilen, dass jetzt nicht mehr mit Absenzen zu rechnen ist. Es wird wichtig sein, dass Ihre Tochter in einen persönlichen Kontakt mit Lehrbetrieben geht und dort einen guten Eindruck machen und zeigen kann, was in ihr steckt. Je nach Beruf beginnt die Lehrstellensuche für 2027 gerade jetzt, im August, oder sie hat schon begonnen. Je nach Beruf gibt es offene Lehrstellen bis im Frühling und Sommer 2027. Eine BIZ-Beratung könnte sinnvoll sein für Ihre Tochter.

Guten Tag, mein Sohn interessiert sich für einen Beruf in der MEM-Branche. Z. B. als Konstrukteur. Kann ich das meinem Sohn mit gutem Gewissen empfehlen, oder macht es mit den aktuellen Entwicklungen wenig Sinn, eine Lehre in diesem Bereich zu suchen? Besten Dank für Ihre Einschätzung.

Domenica Mauch: Ja, das können Sie mit absolut gutem Gewissen tun! Das Wichtigste vorweg: Das Interesse und die Motivation Ihres Sohnes sind bereits die halbe Miete. Zudem bleibt der Beruf Konstrukteur/in EFZ trotz wirtschaftlicher Schwankungen extrem zukunftssicher: – Hohe Nachfrage: Ob Medizinaltechnik, Robotik oder erneuerbare Energien – ohne clevere Konstruktionen am Computer entsteht kein Produkt. – Modernste Ausbildung: Die Lehre setzt voll auf Digitalisierung und modernste CAD-Software. – Perfektes Sprungbrett: Nach der Lehre stehen ihm via Fachhochschule (FH) oder Höhere Fachschule (HF) alle Türen bis zum Ingenieur offen. Mein Tipp: Unterstützen Sie sein Interesse und lassen Sie ihn schnuppern. Wenn das Bauchgefühl und die Freude stimmen, ist das eine Top-Wahl!

Bei uns in der Familie hiess es immer: Wer eine Lehre hat, findet später Arbeit. Gilt das heute noch?

Domenica Mauch: Ja, das gilt heute sogar mehr denn je! Die Berufslehre ist und bleibt das Fundament der Schweizer Arbeitswelt. Die Zahlen des Bundes zeigen das Jahr für Jahr: Die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit einem Berufsabschluss ist extrem tief (sie liegt stabil bei unter 3 %). Die Schweizer Wirtschaft sucht in fast allen Branchen händeringend nach gut ausgebildeten Fachkräften. Es gibt heute im Vergleich zu früher aber einen kleinen, wichtigen Unterschied: -> Früher blieb man nach der Lehre oft das ganze Leben im gleichen Beruf oder sogar im gleichen Betrieb. -> Heute ist die Lehre nicht mehr der Endpunkt, sondern das Fundament. Der Arbeitsmarkt verändert sich schneller, aber das Schweizer Bildungssystem ist genial aufgebaut: Wer eine Lehre in der Tasche hat, kann sich später jederzeit weiterbilden, die Berufsmaturität nachholen, an eine Fachhochschule wechseln oder sich in eine ganz neue Richtung spezialisieren.

Thomas Bolli: Ich gehe davon aus, dass die Berufslehre in Zukunft (noch) attraktiver wird. Der Grund ist, dass voraussichtlich Tätigkeiten, die einen Umgang mit Menschen erfordern, wichtiger werden. Deshalb werden Sozialkompetenzen wichtiger. Sozialkompetenzen werden in einer dualen Berufslehre mehr gefördert als in einer schulischen Ausbildung. Dies ist insbesondere deshalb wichtig, als dass Sozialkompetenzen und andere Soft Skills in der Jugend besonders gut gefördert werden können.
Zudem gehe ich davon aus, dass auch handwerkliche Tätigkeiten und Berufe an Bedeutung gewinnen werden. Auch diese werden in der dualen Berufsbildung mehr gefördert.
Auswertungen von Daten des Bundesamtes für Statistik bestätigen diese Hypothesen für die Jahre 2022-2024. Personen mit einer beruflichen Grundbildung hatten eine leicht tiefere Erwerbslosenquote als Personen mit einem Hochschulabschluss. Am besten schnitten Personen mit einem Abschluss der höheren Berufsbildung ab.

Meine Tochter ist auf Lehrstellensuche und noch immer nicht fündig geworden. Sie ist schon mehrmals Schnuppern gegangen, aber es hat nie gepasst. Wie kann ich meine Tochter bei der Suche unterstützen?

Barbara Zbinden: Was hat denn genau nicht gepasst? Der Beruf? Die Firma? Oder etwas anderes? Ich empfehle Ihnen, eine BIZ-Beratung in Anspruch zu nehmen. Dort kann man gemeinsam die Situation analysieren, woran es liegen könnte. Besprechen Sie mit Ihrer Tochter welche Rückmeldungen sie nach dem Schnupper erhalten hat. Sprechen Sie mit ihr über Ihre Wunschberufe. Auf www.berufsberatung.ch findet man Angaben zu den Tätigkeiten der Berufe und auch zu den Anforderungen. Sie können das gemeinsam mit Ihrer Tochter anschauen. Es ist toll, wenn Sie für Ihre Tochter da sind und ihr Mut zusprechen.

Ab wann sollte man auf Plan B umschwenken, wenn die Lehrstellensuche nicht klappt?

Barbara Zbinden: Das kommt auf Ihr Gefühl und auf den Beruf an. Kann man im Wunschberuf viele Bewerbungen schicken? Oder nur wenige? Welche Rückmeldungen gab es nach den Schnupperlehren? Wird man zu Vorstellungsgesprächen eingeladen – das ist ein gutes Zeichen. Ist man offen, eventuell ein Zwischenjahr/Brückenangebot zu machen oder möchte man unbedingt in eine Lehre nach der Schule? Je nachdem würde ich früh beginnen mit Plan B oder gar Plan C. Viel Glück!

Sind die «goldenen Zeiten» für KV eigentlich vorbei oder ist das nur ein Gerücht?

Domenica Mauch: Das ist definitiv ein Gerücht. Aber das KV von heute ist nicht mehr dasselbe wie vor zwanzig Jahren. Es hat sich massiv verändert: – Der Fokus hat sich verschoben: Reine Routinearbeiten wie Daten abtippen oder Belege sortieren sterben durch die Digitalisierung und KI tatsächlich aus. – Die grosse KV-Reform: Die Lehre wurde komplett umgekrempelt (Reform 2023). Im Fokus stehen heute digitale Kompetenzen, Projektmanagement, agiles Arbeiten und das Lösen von komplexen Problemen. – Grosse Vielseitigkeit: Das KV ist nach wie vor ein sehr flexibles Fundament. Egal ob Bank, Reisebüro, Spital, Sportclub oder Tech-Start-up – kaufmännisches Denken wird überall gebraucht. Fazit: Die «goldenen Zeiten» für einfaches Büro-Abschreiben sind vorbei. Für künftige Organisationstalente, Kommunikationstalente und digitale Macher:innen ist das KV aber lebendiger und attraktiver denn je!

Ich begleite Lernende der Sek I bei der Lehrstellensuche. Dabei habe ich als schulische Heilpädagogin einen besonderen Fokus auf die schwächeren Lernenden. Lernende, die aufgrund fehlender Diagnosen kein Anrecht auf Unterstützung haben, fallen dabei für mich oft durchs Raster. Beispielsweise habe ich viele Bewerbungen mit einer Lernenden (2.Sek, Migrationshintergrund) geschrieben, die wegen ihrer Noten eigentlich nur für EBA-Lehrstellen infrage kommt. Dabei hat sie aber viele Absagen bekommen, weil Lehrbetriebe nur EFZ wollen, teilweise waren aber EBA-Lehrstellen auf ihren Webseiten ausgeschrieben. Soll sie sich, trotz schlechter Noten für EFZ bewerben? Zusätzlich habe ich manchmal den Eindruck, dass sie aufgrund ihres Namens zusätzlich diskriminiert wird. Wie kann ich dies minimieren und damit besser umgehen?

Barbara Zbinden: Ich empfehle eine enge Zusammenarbeit mit der Berufsberatung/mit dem BIZ, der Lehrperson und den Eltern. Bei den BIZ gibt es oftmals weitere Unterstützung für die Lehrstellensuche. Es gibt Jugendliche, die leider durch die Raster fallen. Wenn aus Ihrer Sicht EBA in Frage kommt, ist eine Bewerbung für EFZ nicht sinnvoll. Wichtig ist, dass die Jugendlichen schnuppern und dort gezielt Rückmeldungen einholen.

Mein Sohn hat mehrere Schnupperlehren gemacht, überall positives Feedback erhalten und trotzdem nur Absagen kassiert. Wie erklärt man einem 15-Jährigen so etwas?

Barbara Zbinden: Das tut mir sehr leid für Ihren Sohn. Haben sich die Firmen geäussert, wieso es eine Absage gab? Vielleicht lohnt es sich, nachzufragen. Ich wünsche Ihnen und Ihrem Sohn alles Gute.

Was sind Ihre Tipps für eine erfolgreiche Schnupperlehre? Ich kann meinen Kindern kaum etwas beibringen, weil sich so viel geändert hat in den vielen Jahren. Oder täuscht mich das.

Barbara Zbinden: Auf www.berufsberatung.ch findet man Adressen von Schnupperbetrieben. Dort können Ihre Kinder anfragen (anrufen oder mailen), ob Schnuppern möglich ist. Schnuppern darf man ab 13 Jahren. Je nach Beruf kann es sein, dass sie bereits eine kleine Bewerbung machen müssen. Das lernen sie in der Schule in der beruflichen Orientierung. Wichtig ist, dass die Jugendlichen beim Schnuppern Fragen stellen, aktiv sind und gut beobachten. Dauert die Schnupperlehre mehrere Tage, dann sollen sie eine Rückmeldung der Berufsbildner erhalten. Es gibt auch Tipps für die Schnupperlehre auf www.berufsberatung.ch.

Bei uns zu Hause wird viel über KI diskutiert. Gibt es Berufe, bei denen Sie Jugendlichen heute eher abraten würden, weil sich vieles verändern wird?

Domenica Mauch: Grundsätzlich gilt: Man muss heute vor fast keinem Beruf Angst haben, aber man muss wissen, dass die künstliche Intelligenz (KI) jeden Beruf verändern wird. KI ersetzt in den seltensten Fällen ganze Berufe – sie ersetzt vor allem einzelne Aufgaben. Abraten würden wir von keinem Beruf, wenn echtes Interesse da ist. Die beste Absicherung gegen den KI-Wandel ist nicht der «perfekte» Beruf, sondern die eigene Einstellung: Wer neugierig bleibt, bereit ist, sich digital weiterzubilden und lernt, die KI als Werkzeug zu nutzen, der wird in Zukunft in jeder Branche ein gefragter Profi sein!

Ich habe erst nach der Sek gemerkt, dass ich eigentlich lieber etwas Praktisches machen würde. Kommt so eine Erkenntnis zu spät?

Thomas Bolli: Nein, die Erkenntnis kommt nicht zu spät. Ich würde Ihnen raten, eine Ausbildung respektive Arbeit zu suchen, für die Sie motiviert sind. Eine grosse Stärke des schweizerischen Bildungssystems besteht gerade darin, dass die Durchlässigkeit sehr hoch ist.

Ich habe erst nach der Sek gemerkt, dass ich eigentlich lieber etwas Praktisches machen würde. Kommt so eine Erkenntnis zu spät?

Thomas Bolli: Nein, die Erkenntnis kommt nicht zu spät. Ich würde Ihnen raten, eine Ausbildung respektive Arbeit zu suchen, für die Sie motiviert sind. Eine grosse Stärke des schweizerischen Bildungssystems besteht gerade darin, dass die Durchlässigkeit sehr hoch ist.

Ich arbeite selbst in einem Betrieb und wir finden kaum Lernende. Gleichzeitig höre ich von Jugendlichen, die verzweifelt suchen. Wieso bringt man Angebot und Nachfrage nicht besser zusammen? Oder was machen wir falsch?

Domenica Mauch: Dieses Phänomen erleben viele Betriebe in der Schweiz. Man nennt es «Passungsproblem». Die Lehrstellen wären da, die Jugendlichen auch, aber sie finden nicht zueinander. Das hat meistens drei Hauptgründe – und an diesen Stellschrauben können Sie als Betrieb drehen: – Gehen Sie dorthin, wo die Jugendlichen sind: Ins Internet. Ein guter, jugendgerechter Auftritt ist z. B. für Google sehr relevant. Nutzen Sie gängige Portale wie yousty.ch oder berufsberatung.ch, um authentische Einblicke in Ihren Betrieb zu geben (Videos, Bilder etc.) und zeigen Sie sich auf Social Media (TikTok, Instagram). – Zu starre Kriterien beim Selektieren: Viele Betriebe filtern Bewerbungen immer noch primär nach Schulnoten oder dem Resultat von Eignungstests. Drücken Sie bei den Noten mal ein Auge zu und achten Sie auf die Motivation. Laden Sie Jugendliche schneller zu einem unkomplizierten Schnuppertag ein. Im Betrieb sehen Sie sofort, ob der Einsatz und die Chemie stimmen. – Der Bewerbungsprozess ist zu kompliziert: Machen Sie die Hürde für den Erstkontakt so tief wie möglich, so springen die Jugendlichen weniger ab. Jugendliche suchen heute oft nahbarer und digitaler. Betriebe, die von den klassischen, starren Bewerbungsmustern abweichen und ihre menschliche Seite zeigen, haben im Werben um die Lernenden aktuell die besten Karten!

Mich würde interessieren: Welche Berufe werden besonders oft abgebrochen und weshalb?

Thomas Bolli: Der einfachere Teil der Frage sind die Berufsfelder mit der höchsten Abbruchquote, respektive Lehrvertragsauflösungen: «Friseurgewerbe und Schönheitspflege» sowie «Gastgewerbe und Catering», gefolgt von «Chemie und Verfahrenstechnik». Der Grund ist hingegen schwieriger zu eruieren. Oft ist der Match von Jugendlichem und Firma oder Berufsbildner:innen nicht ideal. Auch der Match von Jugendlichen und Beruf kann ein Grund sein. Dies zeigt, dass eine Lehrvertragsauflösung nicht immer schlecht ist. Wenn der Match dadurch besser wird, kann sich eine Lehrvertragsauflösungen für alle Beteiligten lohnen.

Ich habe 40 Jahre mit Jugendlichen gearbeitet und mich unter anderem als Laufbahnverantwortlicher einer Schule für das Thema Berufswahl eingesetzt. Mir machen einige Punkte Sorgen, auf die ich hier hinweisen möchte: – Natürlich suchen Jugendliche einen Beruf, der ihnen gute Zukunftsperspektiven bietet. Und viele machen das prima! – Die Quote der 25-Jährigen, die einen Abschluss auf Sek. II (Lehre, Gym, FMS, WMS,IMS) haben, sinkt. Die EDK, usw. muss hier handeln, schläft aber, sonst haben wir zukünftig mehr Sozialfälle. Was für die Jugendlichen und die Gesellschaft schlecht wäre. Wie sehen Sie das? – Es geht aktuell vergessen, vor allem bei Expats, dass mit der Lehre neu die Abschlüsse Professional Bachelor und Professional Master möglich sind; als Titelzusätze zu den BP, HF und HFP was gute Weiterbildungen mit gutem Einkommen sind. Dafür sollte mehr Werbung gemacht werden.

Domenica Mauch: Ihre Sorgen sind berechtigt und treffen zwei sehr wunde Punkte der aktuellen Schweizer Bildungslandschaft: – Das Sinken der Abschlussquote: Das Ziel von 95 % Abschlüssen bei den 25-Jährigen wird aktuell verfehlt. Wer heute ohne Lehre oder Maturität bleibt, hat ein massiv höheres Risiko für Sozialhilfe. Hier müssen Politik und Kantone definitiv schneller und entschlossener handeln, um Jugendliche frühzeitiger aufzufangen. – Das «Geheimnis» um die neuen Titel: Es geht oft vergessen, dass die Lehre heute via Höhere Fachschulen (HF) oder Berufsprüfungen direkt zum «Professional Bachelor» oder «Professional Master» führt. Diese Titel sind international anerkannt und sind akademischen Abschlüssen absolut gleichgestellt. Besonders bei zugewanderten Familien (Expats) müssen wir viel mehr Werbung für diesen genialen Weg machen! Die Lehre ist keine Sackgasse, sondern ein Königsweg. Wir müssen das System und seine hochkarätigen Weiterbildungstitel viel lauter und selbstbewusster bewerben – hier haben wir auf alle Fälle noch Potential.

Mein Vater versteht bis heute nicht, warum ich Koch werden möchte. Er sagt, das sei zu stressig und schlecht bezahlt. Wie geht man damit um, wenn Familie und Berufswunsch auseinandergehen?

Domenica Mauch: Das ist eine schwierige Situation, die viele Jugendliche kennen. Dein Vater meint es im Grunde gut: Er sorgt sich um deine Zukunft und möchte, dass du es einmal gut hast. Seine Bedenken bezüglich Stress und Arbeitszeiten in der Gastronomie waren früher oft die Realität. Meine 3 Tipps an dich: Such das Gespräch und zeige auf, weshalb du für die Lehre brennst. Zeig ihm die Perspektiven auf: Die Koch-Lehre ist extrem vielseitig. Nimm ihn mit ins Boot; allenfalls kann dein Papa den Betrieb auch kennenlernen und Vorurteile abbauen. Schlussendlich ist es deine Berufswahl. Leidenschaft ist der beste Motor für einen erfolgreichen Einstieg in die Berufswelt. Viel Erfolg!

Überall heisst es, Jugendliche seien zu wählerisch. Gleichzeitig sollen wir uns einen Beruf aussuchen, den wir vielleicht 40 Jahre lang machen. Darf man da nicht anspruchsvoll sein???

Barbara Zbinden: Ich finde nicht, dass die Jugendlichen zu wählerisch sind. Aus meiner Sicht sind sie neugierig und interessiert. Meine Empfehlung ist: Man soll einen Beruf aussuchen, den man die nächsten paar Jahre lernen und ausüben will. Es lohnt sich, sich mit sich, seinen Interessen und Stärken, seinen Werten (was ist mir wichtig), seinen Bedürfnissen zu befassen und die Berufswelt dann genauer kennenzulernen. Die erste Ausbildung ist ein wichtiger Schritt. Viele weitere Laufbahnschritte werden folgen. Man bildet sich weiter, fachlich und persönlich. Unser Bildungssystem erlaubt Durchlässigkeit. Wer bereit ist, Zeit, Energie und Geld zu investieren, kann sich auch noch in eine ganz andere Richtung beruflich weiterentwickeln. Selten bleibt heute jemand 40 Jahre in seinem Beruf.

Studieren oder Lehre? Diese Fragen werden wir uns noch ewig stellen. Da haben auch Eltern unterschiedliche Ansichten, auch je nach Kulturkreis. Was raten Sie als Experte, Expertin? Auch zukunftsorientiert. Merci

Thomas Bolli: Auswertungen von Daten des Bundesamtes für Statistik zeigen für die Jahre 2022–2024, dass Personen mit einer Berufslehre eine leicht tiefere Erwerbslosenquote als Personen mit einem Hochschulabschluss hatten. Am besten schnitten Personen mit einem Abschluss der höheren Berufsbildung ab. Daraus schliesse ich, dass «Studieren oder Lehre» nicht pauschal beantwortet werden kann, sondern eine sehr individuelle Frage ist. Zentral ist aus meiner Sicht, dass es zu der Person passt und die Person motiviert ist.

Barbara Zbinden: Egal, ob man eine Lehre macht oder studiert. Wichtig ist, dass man sich fachlich und persönlich weiterentwickelt. Wir raten nicht A oder B. Der Weg muss zur Person passen. Weiterentwicklung ist möglich.

Mir fällt auf, dass bei Berufswünschen oft gefühlt dieselben zehn Berufe genannt werden. Gibt es Lehrberufe, die kaum jemand kennt, obwohl sie spannend wären?

Domenica Mauch: Das ist ein grosses Phänomen. Fast die Hälfte aller Jugendlichen konzentriert sich auf die immer gleichen Top-10-Berufe (wie KV, Informatik, Detailhandel oder Fachleute Gesundheit). Dabei gibt es in der Schweiz rund 250 verschiedene und sehr spannende Lehrberufe. Hier können zum Beispiel auch spielerische Tools helfen wie der Berufs-Finder von Yousty oder ein Gespräch mit deinem/deiner Berufsberater:in.

Meine Kinder wollen alle studieren, weil ihnen gesagt wird, dass das besser sei. Mir wäre aber wichtig, dass sie auch eine Lehre machen zuerst. Wird jungen Menschen heute zu oft ein Studium statt einer Berufslehre empfohlen, in Ihren Augen? Sollte man diese Dinge überhaupt gegeneinander ausspielen?

Barbara Zbinden: Man sollte Lehre und Studium nicht gegeneinander ausspielen. Beide Wege bieten in unserem Bildungssystem sehr gute Karrieremöglichkeiten. Die Ausbildung muss zur Person passen, von ihren Interessen, Fähigkeiten und Bedürfnissen her. Für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn sind Motivation und Freude entscheidend.

Trotz Fachkräftemangel finden jedes Jahr viele Jugendliche keine Lehrstelle. Woran liegt das Problem wirklich, oder täusche ich mich?

Domenica Mauch: Du täuschst dich überhaupt nicht – das ist ein grosses Paradoxon auf dem Schweizer Lehrstellenmarkt. Es gibt tausende offene Lehrstellen und gleichzeitig Jugendliche, die leer ausgehen. Man nennt das in der Fachwelt das „Passungsproblem“. Die Puzzleteile sind zwar da, aber sie passen oft nicht zusammen. Das liegt an drei Hauptgründen: 1) Der «Berufs-Mismatch» (Wunsch vs. Realität). 2) Geografische Hürden: Die offenen Lehrstellen sind oft nicht dort, wo die Jugendlichen wohnen. 3) Der «Noten-Filter» der Betriebe: Viele Firmen klagen über Fachkräftemangel, setzen die Messlatte bei den Schulnoten aber immer noch sehr hoch an. Es fehlen in der Schweiz nicht per se Lehrstellen, sondern die Flexibilität auf beiden Seiten. Jugendliche müssen mutiger werden, auch unbekanntere Berufe zu entdecken – und Lehrbetriebe müssen mutiger werden, auch Jugendlichen mit schwächeren Noten eine Chance beim Schnuppern zu geben.

Worauf achten die Lehrbetriebe besonders beim Bewerbungsgespräch mit jungen Jugendlichen? Wie kann ich mich optimal vorbereiten?

Barbara Zbinden: Es ist super, dass du dich vorbereitest. Eine Einladung bedeutet, dass dein Dossier überzeugt hat! Die Lehrbetriebe wollen herausfinden, ob du zu ihnen passt. Du willst herausfinden, ob sie zu dir passen. Mach dir Gedanken zu verschiedenen Fragen: Warum willst du den Beruf lernen? Warum willst du gerade in dieser Firma lernen? Welche Stärken hast du, die in diesem Beruf wichtig sind? Übe das Gespräch vorher z. B. mit deinen Eltern. Das gibt dir Sicherheit. Achte darauf, deutlich zu sprechen. Begrüsse die Gesprächspartner mit Namen. Schaue den Gesprächspartnern auch in die Augen. Notiere Fragen, die du stellen willst und nimm dein Bewerbungsdossier mit. Es ist normal, etwas nervös zu sein zu Beginn. Die Berufsbildenden haben Verständnis dafür und werden dir den Einstieg erleichtern. Schalte dein Handy aus und sei pünktlich. Tipps findest du auf www.berufsberatung.ch. Viel Glück!

Ich frage mich oft, ob es genügend Unterstützung für Jugendliche mit psychischen Belastungen oder Lernschwierigkeiten gibt in der Schweiz oder ob die sofort abgestempelt werden. Wie schätzen Sie das ein?

Barbara Zbinden: Mein Eindruck ist, dass es verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten gibt für Jugendliche mit psychischen Belastungen oder Lernschwierigkeiten. Erste Anlaufstelle während der Berufswahl ist das BIZ/die Berufsberatung. Dort gibt es oft weitere Unterstützungsmöglichkeiten wie das Case Management Berufsbildung. Je nachdem kann es sein, dass auch die IV Unterstützung bietet.

Ich kann mit einer Lehre nichts anfangen. Deshalb meine Frage: Welche Berufe bieten keine Lehre an, bzw. welche Berufe sind mit einem Studium besser erreichbar?

Thomas Bolli: Ein Studium kann zu sehr vielen Berufen führen. Welche, hängt stark von dem Studienfach ab. Die Wahl des Studenfaches gibt also eine erste Richtung vor, die aber auch verändert werden kann.

Haben Sie generelle Tipps für Bewerbungen, Bewerbungsgespräche und co.?

Barbara Zbinden: Sich fragen: Warum will ich mich für diese Stelle bewerben? Für sich gute Antworten finden vor einer Bewerbung. Sich Zeit nehmen für ein wirklich persönliches, sauberes, ansprechendes Bewerbungsdossier. Die Bewerbung auf die angeschriebene Stelle sorgfältig anpassen. Sich auf ein Bewerbungsgespräch gut vorbereiten. Bewerben und Stellensuche sind aufwendig und brauchen viel Zeit. Viele Tipps dazu finden Sie auf www.berufsberatung.ch. Viel Glück!

Warum ist es mittlerweile so viel komplizierter, eine Stelle zu finden? Im Vergleich zu vor ein paar Jahren haben ein gutes Bewerbungsschreiben und ein Gespräch gereicht. Mittlerweile muss man bis zu drei Bewerbungsrunden mit Case Studies durchmachen... Woher kommt der Wandel?

Domenica Mauch: Der Bewerbungsprozess für Lehrstellen ist in vielen Betrieben, vor allem KMU, noch nicht so kompliziert – im Gegensatz zu Bewerbungsprozessen in der «Erwachsenenwelt». Der Hintergrund liegt oftmals an folgenden Gründen: Massen an Bewerbungen filtern; bessere Passung (-> Schutz vor Lehrabbrüchen); Anforderungen abklären (sind die Jugendlichen den schulischen und beruflichen Anforderungen gewachsen?). Mein Tipp: Lass dich von mehreren Runden nicht einschüchtern! Sie sind auch für dich eine Chance, den Betrieb, die Aufgaben und das Team noch besser kennenzulernen, bevor du dich für drei oder vier Jahre verpflichtest.

Ist der Bewerbungsprozess für Jugendliche unnötig kompliziert geworden? Bei einigen werden diverse Tests gefordert und bis zu drei Interviews … Ich hätte das zu meiner Zeit abschreckend gefunden und mir nicht zugetraut.

Barbara Zbinden: Der Bewerbungsprozess ist tatsächlich manchmal sehr aufwendig. Das kommt auf den Beruf, die Branche und die Firma an. Manchmal gibt es aber auch bereits nach dem Schnuppern ein Lehrstellenangebot. Die Jugendlichen lernen und leisten im Berufswahlprozess sehr viel. Es ist gut, wenn sie erwachsene Begleitpersonen haben, die ihnen Mut zusprechen und mit ihnen dranbleiben.

Ich kann mich erinnern, ich wurde in der Schule ausgelacht, auch von der Lehrperson, als ich gefragt wurde, was ich mal machen wolle: Regisseur, habe ich gesagt. Nun, in der Retrospektive war das einfach ein kindlicher blöder Gedanke, aber haben Sie auch das Gefühl, dass man ab und zu zuwenig Rücksicht nimmt und zu wenig sensibel auf die Wünsche der Jugendlichen eingeht? Was weiss ich schon mit 13, wie meine Zukunft sich gestalten könnte.

Thomas Bolli: Es tut mir leid zu hören, dass Sie ausgelacht wurden. Der Weg, die eigenen Wünsche auf dem Arbeitsmarkt zu verwirklichen, ist eine Herausforderung. Wünsche zu belächeln, ist dabei nicht hilfreich. Vielmehr sollte es als Hinweis darauf verstanden werden, welchen Weg man gehen will und kann.

Welche Lehrstelle ist heute beliebter denn je, die vor Jahren noch belächelt wurde? Gibt es da Prognosen, was künftig wichtiger sein wird?

Domenica Mauch: Die Trends für die kommenden Jahre zeigen ganz klar, dass drei grosse Trends die Lehrstellen der Zukunft dominieren werden: «Nachhaltigkeit, IT & Handwerk». Das Prestige eines Berufs hängt zukünftig davon ab, wie sinnvoll und zukunftssicher die Arbeit für unsere Gesellschaft ist. So haben zum Beispiel Betreuungs- und Gesundheitsberufe in den letzten 5 Jahren an Interesse gewonnen.

Guten Tag, muss im Bewerbungsschreiben für eine Lehrstelle stehen, dass man die Berufsmaturität während der Lehre (BM1) absolvieren möchte? Danke und freundliche Grüsse

Barbara Zbinden: Am besten fragst du bereits vor dem Bewerben nach, ob die Berufsmaturität während der Lehre möglich ist. Nicht alle Lehrbetriebe bieten das an.

Guten Tag, als Lehrbetrieb (Applikationsentwicklung EFZ) stellen wir fest, dass wir immer weniger geeignete Bewerbungen erhalten. Lesen und Schreiben ist für viele eine Herausforderung. Zudem werden Termine nicht eingehalten und die Kommunikation gestaltet sich schwierig. Dadurch geht es länger, bis Lernenden praxisnahe Aufgaben überlassen werden können, wodurch die Ausbildungsqualität sinkt. Zudem entstehen für den Betrieb höhere Kosten, da Praxisbildner mehr Zeit dafür einsetzen müssen, um Fähigkeiten aufzubauen, die früher aus der Schule mitgebracht wurden. Ist dieses Problem den Volksschulen bekannt? Welche Massnahmen werden ergriffen?

Thomas Bolli: Das ist eine schwierige Frage. Sie ist sehr wichtig, weil der Erfolg der Berufslehre in der Schweiz stark vom Engagement der Betriebe abhängt. Insbesondere die Berufsbildner:innen spielen eine zentrale Rolle dabei, die Jugendlichen in den Betrieb zu integrieren. Aus meiner Perspektive ist eine Förderung der Beziehung von Jugendlichen und Berufsbildner:innen auch der Hebel, mit welchem Sie als Betrieb diese Herausforderungen am besten begegnen können.

Die Lehrstellensuche heutzutage ist deutlich schwieriger geworden bezüglich keine Rückmeldung, was für Lehrstellensuchende ziemlich unverschämt ist, da man viel Zeit verliert. Woran liegt es, dass heutzutage kaum noch Rückmeldungen zurückkommen, oder liegt es einfach an der heutigen Zeit und der Bequemlichkeit, dass man Bewerbungen einfach mehr auf die leichte Schulter nimmt? Freundliche Grüsse aus Ittingen, Basel-Landschaft Besten Dank für Ihre Kenntnisnahme!

Domenica Mauch: Es ist absolut verständlich, dass sich das «unverschämt» anfühlt, wenn man Stunden in eine Bewerbung steckt und dann wochenlang nur das grosse Schweigen hört. Wir empfehlen daher immer, nach 7–10 Tagen proaktiv den Lehrbetrieb telefonisch zu kontaktieren und nachzufragen. Und was wir auch empfehlen, ist, die Jugendlichen mit den Bewerbungsprozessen vertraut zu machen: mind. alle 2 Tage das E-Mail-Postfach überprüfen (auch den Spam-Ordner), telefonieren üben (und verpasste Telefonate zurückrufen) sowie aktiv bleiben und von sich aus die Betriebe nochmals kontaktieren.

Hallo. Mein Sohn schliesst diesen Sommer das 10. Schuljahr ab. Er war vorher in der Sek C. Notenmässig ist er ca. auf 4.5 im Durchschnitt. Schon das 2. Jahr jetzt, dass er keine Lehrstelle gefunden hat, trotz sehr vieler Bewerbungen in realistischen Berufen. Leider hat er in den Schulzeugnissen viele Absenzen (ca. 2–3 Wochen/Semester) aus verschiedenen (nicht gesundheitlich bedingten) Gründen (Schule schwänzen). Kann dies so stark ins Gewicht fallen, dass er trotz 200+ Bewerbungen in den 2 Jahren nur 4–5-mal zum Schnuppern eingeladen wurde? Ich kann mir nur das als Grund erklären, oder seinen «nichtschweizerischen Nachnamen»? … die Bewerbungsunterlagen sind sehr gut, da hat er professionelle Hilfe bekommen. Muss er einfach dranbleiben? Oder haben Sie andere Empfehlungen, wie er eine Lehrstelle bekommen könnte?

Barbara Zbinden: Um eine fachlich korrekte Einschätzung geben zu können, müsste ich ganz viele Informationen über Ihren Sohn haben. Das würde man in einer BIZ-Beratung analysieren. Allenfalls wäre es gut, weitere Fachstellen beizuziehen. Das Thema Absenzen ist für Lehrbetriebe tatsächlich ein grosses Thema und für die Jugendlichen auch. Es könnte sich lohnen, dort genauer hinzuschauen.

Was läuft im Schweizer Lehrstellen- und Arbeitsmarkt grundsätzlich falsch, worüber zu wenig gesprochen wird?

Thomas Bolli: Die Erwerbslosigkeit von Personen ohne nachobligatorischen Abschluss ist doppelt so hoch wie der Durchschnitt. Auch wenn relativ wenige Personen keinen nachobligatorischen Abschluss machen, steigt dieser Anteil eher an. Hier ist es wichtig, dass wir diesen Personen unter die Arme greifen, damit sie nicht abgehängt werden.

Vielleicht eine kritische Frage: Es fällt mir auf, dass auf Yousty weniger Lehrstellen ausgeschrieben sind als auf berufsberatung.ch. Auch werden in Suchergebnissen teilweise Stellen angezeigt, die gar nicht zum Ort passen oder wie Werbung wirken. Ich habe gehört, dass auf Yousty die Betriebe Geld bezahlen für ihre Accounts. Stimmt dies? Falls ja, schliesse ich demnach richtig, dass KMU auf Yousty eher weniger zu finden sind? Wäre es für Betriebe nicht «fairer» und für die Jugendlichen zugänglicher, wenn es einfach eine Plattform an Lehrstellen gäbe, die nicht monetarisiert ist, wie eben berufsberatung.ch?

Domenica Mauch: Das liegt an der unterschiedlichen Zählweise der beiden Portale. Bei berufsberatung.ch werden die Lehrplätze pro Lehrbetrieb angegeben, bei Yousty die Lehrberufe (sprich ein Betrieb hat z.B. 3 Stellen als Recyclist/in EFZ, was bei yousty.ch als 1 gezählt wird). Zum einen können Lehrbetriebe für ihr Profil auf yousty.ch bezahlen; aber im Sinne der Jugendlichen werden auch alle Betriebe, die auch auf berufsberatung.ch sind, kostenlos bei yousty.ch angezeigt (sofern man möchte). Somit wird dafür gesorgt, dass – unabhängig von der Unternehmensgrösse – ein Grossteil aller Lehrbetriebe auf yousty.ch aufzufinden sind. Der Unterschied zwischen berufsberatung.ch und yousty.ch liegt darin, wie sich die Unternehmen präsentieren dürfen. Auf yousty.ch werden die Jugendlichen sehr jugendgerecht angesprochen (Videos, Bilder, einfacher Bewerbungsprozess, nahe Begleitung), was ein sehr gutes Online-Schnuppern ermöglicht. Berufsberatung.ch hilft, einen Überblick über die verschiedenen Wege und Berufe zu erhalten; zudem ist die Dienstleistung des BiZ und das persönliche Gespräch sehr wertvoll.

SRF4 News, 3.7.2026, 16.12 Uhr ; 

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