Ein tiefer Atemzug, dann geht es abwärts. Eben noch rauschte das Meer, der Bootsmotor knatterte – jetzt verschluckt das Wasser fast jeden Ton. Nur der eigene Atem aus der Druckluftflasche ist noch zu hören.
Der Tauchsport zieht weltweit Millionen Menschen an. Doch was macht die Faszination für eine Welt aus, für die der menschliche Körper eigentlich nicht gemacht ist? Eine Spurensuche in vier Kapiteln.
1. Das Meditative: absolute Stille unter Wasser
«Tauchen ist extrem entschleunigend und ruhig. Sobald man den Kopf unter Wasser hat, ist die Welt wie ausgeschaltet», sagt Tauchlehrerin Anita Rohner. Die 37-Jährige verbringt die Wintermonate im Ausland.
Hektik hat unter Wasser keinen Platz: Wer sich zu schnell bewegt, verbraucht zu viel Luft. Der Sport zwingt zur Konzentration auf das Hier und Jetzt, während man schwerelos durchs Wasser gleitet. «Man muss mental komplett abschalten. Das ist das eigentliche Ziel.»
2. Die Begegnung: im Angesicht mit einem Mantarochen
Für Rohner sind es vorwiegend die unvorhersehbaren Begegnungen mit Meeresbewohnern, die das Tauchen unvergleichlich machen. Letzten Sommer erfüllte sich für sie im Roten Meer ein Traum.
«Ein Mantarochen bremste auf mein Tempo ab und tauchte zwei, drei Minuten lang direkt neben mir her. Wir hatten Augenkontakt», erinnert sich Rohner. Da sei auch die eine oder andere Freudenträne geflossen. Später liess sie sich das Tier als Tattoo verewigen.
Tauchen ist etwas für neugierige Leute, die gerne mal über den eigenen Schatten springen.
Auch Taucherin Yvonne Kremser hatte bei einem Tauchgang auf den Malediven grosses Glück. Mit weniger als 20 Tauchgängen im Logbuch trieb sie im Wasser, als plötzlich eine Herde Mantas um sie herum schwamm.
Als wäre das nicht genug, kreuzten kurz darauf zwei Walhaie über der Gruppe ihre Wege. Einer davon war rund zwölf Meter lang. «Man machte uns Zeichen, dass wir im Sand knien, ruhig bleiben und keinen Sand aufwirbeln sollten – das war in dieser Situation gar nicht so einfach.»
3. Das Unbekannte: Nervenkitzel spüren
Tauchen bedeutet auch, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich einer gänzlich fremden Umgebung anzupassen. «Es ist etwas für neugierige Leute, die mal über ihren Schatten springen und sich etwas zutrauen, das sie im ersten Moment vielleicht nicht für möglich gehalten hätten», so Rohner.
Dazu gehört anfangs auch die Überwindung von Ängsten – sei es der Respekt vor der Technik oder die physische Hürde des Druckausgleichs.
Für jene, die den Schritt in die Tiefe wagen, ist die Belohnung gross. Rohner sieht es täglich bei ihren Schülerinnen und Schülern: «Am Anfang sind sie nervös. Doch wenn sie wieder auftauchen, sieht man dieses unglaubliche Strahlen im Gesicht.»
4. Das Unberührte: wilde Naturspektakel
Wer gerne taucht, muss nicht zwingend weit reisen. Wer das Tauchen in Schweizer Seen wie dem Thunersee lernt, geniesst zudem weltweit einen exzellenten Ruf. «Die Sicht ist oft schlechter und das Wasser deutlich kälter als im Meer», sagt Rohner. «Wer in der Schweiz tauchen lernt, kann es überall.»
Taucher Alessandro zieht es am liebsten in die heimischen Bergseen. Das Wasser sei zwar «arschkalt», aber dafür warte eine faszinierende Unterwasserwelt: «Das smaragdgrüne Lichtspiel zusammen mit alten, versunkenen Baumstämmen, Flechten und Felsspalten – alles ist ziemlich unberührt.»
Am Ende ist Tauchen wohl genau das: die Kunst, den Alltag an der Oberfläche zurückzulassen, um unter Wasser auf etwas völlig Neues zu stossen – und das in absoluter Ruhe zu geniessen.