Ein schmaler Grat, eine Aussichtsplattform oder nur schon eine hohe Treppe: Für manche Menschen reicht das, damit das Herz rast, die Knie zittern und der Kopf Alarm schlägt. Höhenangst – fachlich Akrophobie – ist weit verbreitet. Doch was viele nicht wissen: Oft wird sie mit Höhenschwindel verwechselt.
Höhenangst vs. Höhenschwindel
Höhenangst ist eine psychische Reaktion. Betroffene haben intensive Angst vor der Höhe – oft unabhängig davon, ob tatsächlich Gefahr besteht. Typisch sind: Panik, Schweissausbrüche und Katastrophengedanken. In schlimmen Fällen bleiben die Betroffenen plötzlich stehen, sind blockiert und können sich weder nach vorn noch nach hinten bewegen. Höhenangst entsteht aus einem Mix aus biologischem Schutzmechanismus, gelerntem Verhalten und fehlerhafter visueller Verarbeitung.
Höhenschwindel hingegen ist ein körperliches Phänomen. Er entsteht, wenn dem Gehirn visuelle Orientierungspunkte fehlen. Die Augen finden keinen Halt, während der Körper stabil steht – das führt zu Unsicherheit und Schwindel. Dieses Gefühl kann zum Beispiel auf Wanderungen bei Nebel oder bei einem Ausflug auf einem grossen See oder dem Meer auftauchen und kann grundsätzlich jeden treffen.
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Bild 1 von 5. Menschen mit Höhenangst können eine Aussicht oft nicht geniessen, weil schon der Blick in die Tiefe ein starkes Unsicherheitsgefühl auslöst. Bildquelle: Keystone/Urs Flüeler.
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Bild 2 von 5. Der Körper eines Menschen mit Höhenangst reagiert mit Anspannung, obwohl objektiv keine Gefahr besteht. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni.
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Bild 3 von 5. Die enorme Höhe und die steil abfallende Wand verstärken das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Betroffene haben Angst, das Gleichgewicht zu verlieren oder «hinuntergezogen» zu werden. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni.
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Bild 4 von 5. Auf einem Gipfel fehlt oft der schützende Rahmen (z.B. Geländer oder Bäume). Diese Weite und Offenheit kann bei Höhenangst Schwindel, Herzklopfen und ein starkes Bedürfnis auslösen, sich sofort zurückzuziehen. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni.
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Bild 5 von 5. In der Luftseilbahn kommt zur Höhe noch das Gefühl des Ausgeliefertseins hinzu. Die fehlende Kontrolle über die Situation verstärkt die Angst, sodass die Aussicht in den Hintergrund rückt. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni.
Outdoor-Reporter Marcel Hähni kennt solche Situationen aus seiner Arbeit: «Ich selbst habe keine Höhenangst. Aber auf Wanderungen mit Gästen erlebe ich immer wieder, wie stark sie Menschen einschränken kann.» Entscheidend sei dann, Ruhe zu bewahren und Sicherheit zu vermitteln: «Oft hilft es schon, den Fokus weg von der Tiefe zu lenken.»
Wie kann man die Angst überwinden
Angstexperte Michael Rufer, Professor und Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Klinik Zugersee, erklärt: «Angst ist grundsätzlich ein sinnvolles Warnsystem. Bei einer Phobie ist dieses System jedoch überempfindlich eingestellt.» Das Gehirn spiele mögliche Gefahren durch – auch wenn sie unrealistisch sind. Aus einem kleinen Reiz wird ein grosses Bedrohungsszenario.
In einem Höhenangst-Seminar lernen Teilnehmende, in Gruppen oder im Einzelunterricht, ihre Angst schrittweise und kontrolliert zu bewältigen. Zunächst werden die körperlichen und psychischen Reaktionen auf Angst erklärt – etwa Herzklopfen oder Schwindel. Danach folgen praktische Übungen: gesichert auf Türmen, Brücken oder Plattformen stehen, langsam an den Rand gehen, bewusst atmen und den Blick lenken.
Wichtig ist die Begleitung durch Fachpersonen, die Sicherheit geben und individuell unterstützen. Solche Seminare sind gut und werden auch von medizinischen Fachexperten empfohlen, weil sie nachhaltig wirken: Statt Vermeidung entsteht Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit Angst umzugehen.
Fazit: Höhenangst ist unangenehm, aber behandelbar. Wer lernt, die eigenen Reaktionen zu verstehen und Schritt für Schritt zu trainieren, kann wieder mehr Sicherheit gewinnen – und die Aussicht irgendwann sogar geniessen.