Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Höhenangst überwinden Höhenangst ist unangenehm, aber behandelbar

Das Herz rast, die Knie zittern: Höhenangst ist weit verbreitet, doch oft wird sie mit Höhenschwindel verwechselt. Was ist der Unterschied und wie überwindet man die Angst?

Ein schmaler Grat, eine Aussichtsplattform oder nur schon eine hohe Treppe: Für manche Menschen reicht das, damit das Herz rast, die Knie zittern und der Kopf Alarm schlägt. Höhenangst – fachlich Akrophobie – ist weit verbreitet. Doch was viele nicht wissen: Oft wird sie mit Höhenschwindel verwechselt.

Höhenangst vs. Höhenschwindel

Höhenangst ist eine psychische Reaktion. Betroffene haben intensive Angst vor der Höhe – oft unabhängig davon, ob tatsächlich Gefahr besteht. Typisch sind: Panik, Schweissausbrüche und Katastrophengedanken. In schlimmen Fällen bleiben die Betroffenen plötzlich stehen, sind blockiert und können sich weder nach vorn noch nach hinten bewegen. Höhenangst entsteht aus einem Mix aus biologischem Schutzmechanismus, gelerntem Verhalten und fehlerhafter visueller Verarbeitung.

Höhenschwindel hingegen ist ein körperliches Phänomen. Er entsteht, wenn dem Gehirn visuelle Orientierungspunkte fehlen. Die Augen finden keinen Halt, während der Körper stabil steht – das führt zu Unsicherheit und Schwindel. Dieses Gefühl kann zum Beispiel auf Wanderungen bei Nebel oder bei einem Ausflug auf einem grossen See oder dem Meer auftauchen und kann grundsätzlich jeden treffen.

Outdoor-Reporter Marcel Hähni kennt solche Situationen aus seiner Arbeit: «Ich selbst habe keine Höhenangst. Aber auf Wanderungen mit Gästen erlebe ich immer wieder, wie stark sie Menschen einschränken kann.» Entscheidend sei dann, Ruhe zu bewahren und Sicherheit zu vermitteln: «Oft hilft es schon, den Fokus weg von der Tiefe zu lenken.»

Wie kann man die Angst überwinden

Angstexperte Michael Rufer, Professor und Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Klinik Zugersee, erklärt: «Angst ist grundsätzlich ein sinnvolles Warnsystem. Bei einer Phobie ist dieses System jedoch überempfindlich eingestellt.» Das Gehirn spiele mögliche Gefahren durch – auch wenn sie unrealistisch sind. Aus einem kleinen Reiz wird ein grosses Bedrohungsszenario.

In einem Höhenangst-Seminar lernen Teilnehmende, in Gruppen oder im Einzelunterricht, ihre Angst schrittweise und kontrolliert zu bewältigen. Zunächst werden die körperlichen und psychischen Reaktionen auf Angst erklärt – etwa Herzklopfen oder Schwindel. Danach folgen praktische Übungen: gesichert auf Türmen, Brücken oder Plattformen stehen, langsam an den Rand gehen, bewusst atmen und den Blick lenken.

Was konkret hilft

Box aufklappen Box zuklappen
Ein Mann klettert an einer Felswand.
Legende: SRF/Marcel Hähni

Die gute Nachricht: Höhenangst lässt sich trainieren. Entscheidend ist, sich der Situation schrittweise zu stellen – ein Prozess, den Fachleute Desensibilisierung nennen.

  1. Schrittweise Gewöhnung: Beginnen Sie in geringer Höhe, etwa auf einer Treppe oder Plattform. Bleiben Sie so lange, bis die Angst nachlässt.
  2. Blick gezielt steuern: Vermeiden Sie den direkten Blick in die Tiefe. Fixieren Sie stattdessen nahe Punkte wie Geländer oder den Boden vor Ihnen.
  3. Stabilität schaffen: Halten Sie sich fest, spannen Sie kurz die Muskeln an oder gehen Sie in die Hocke. Das vermittelt Sicherheit.
  4. Ruhig atmen: Bewusstes Atmen hilft, den Körper zu beruhigen und die Stressreaktion zu senken.
  5. Gleichgewicht trainieren: Übungen wie Balancieren stärken das Körpergefühl und geben Sicherheit in der Höhe.

Wann ist professionelle Hilfe sinnvoll?

Wenn die Angst den Alltag stark einschränkt oder konsequent zu Vermeidung führt, kann eine Verhaltenstherapie helfen. Ziel ist es, das Angstsystem neu zu kalibrieren und den Umgang mit der Höhe zu verbessern.

Wichtig ist die Begleitung durch Fachpersonen, die Sicherheit geben und individuell unterstützen. Solche Seminare sind gut und werden auch von medizinischen Fachexperten empfohlen, weil sie nachhaltig wirken: Statt Vermeidung entsteht Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit Angst umzugehen.

Fazit: Höhenangst ist unangenehm, aber behandelbar. Wer lernt, die eigenen Reaktionen zu verstehen und Schritt für Schritt zu trainieren, kann wieder mehr Sicherheit gewinnen – und die Aussicht irgendwann sogar geniessen.

Radio SRF 1, «Ratgeber Fit und Gesund», 8.6.2026, 11.50 Uhr.

Meistgelesene Artikel