Es kann frustrierend sein: Selbst, wenn man eine Fremdsprache sehr gut beherrscht und sich mühelos verständigen kann, fällt man meist sofort als Nicht-Muttersprachler auf. Wie wird man einen Akzent los? Spracherwerbsforscher Raphael Berthele kennt sich mit den Tücken und Möglichkeiten des Fremdsprachenlernens aus und gibt Entwarnung.
SRF: Woran erkennt man einen Nicht-Muttersprachler am schnellsten?
Raphael Berthele: Vermutlich schon an der Aussprache. Unser Sprechapparat und unser Gehirn gewöhnen sich in den ersten Lebensjahren an die Sprache oder die Sprachen, die wir hauptsächlich sprechen. Der Mund lernt die Bewegungen, die es braucht, um die Laute dieser Sprachen zu bilden.
Der Aufwand, um die Aussprache zu perfektionieren, ist wahnsinnig gross.
Wenn man später zusätzlich Laute aus anderen Sprachen richtig aussprechen können will, zum Beispiel das englische «th» oder die nasalen Vokale des Französischen, müssen die spezifischen Bewegungen dazu mühsam erlernt werden.
Aber man kann grundsätzlich lernen, diese Laute auszusprechen?
Ja, das ist durchaus möglich. Aber der Aufwand, um die Aussprache zu perfektionieren, ist wahnsinnig gross. Die Forschung zeigt, dass dieser Aufwand für Kinder, die eine Fremdsprache früh und intensiv sprechen lernen, noch viel kleiner ist, da sich ihr Sprechapparat noch nicht so starr eingespielt hat.
Es scheint immer verbreiteter zu sein, dass auf Englisch gewechselt wird.
Mit jedem Jahr nimmt dieser «Frühstarter»-Bonus jedoch stark ab. Aber man kann auch im Erwachsenenalter noch eine Sprache akzentfrei lernen.
Muss man dafür besonders sprachaffin sein?
Talent hilft zweifellos, auch musikalisches. Sängerinnen und Sänger zum Beispiel lernen eine neue Sprache tendenziell ziemlich schnell relativ akzentfrei. Je weniger Talent man hat, desto mehr Aufwand muss man betreiben.
Und wie trainiert man sich einen Akzent ab?
Für grosse Sprachen gibt es dazu Übungsmaterial: Videos etwa, auf denen man sieht, wie man den Mund bewegen muss, um bestimmte Laute zu bilden. Dann heisst es: nachmachen und üben, üben, üben. Aber diese Zeit könnte man aber auch besser nutzen, finde ich.
Warum?
Wenn ich beispielsweise mit Italienern interagieren möchte, brauche ich dafür ja kein akzentfreies Italienisch. Ein gutes Italienisch mit Deutschschweizer Akzent reicht. Ich muss nicht so tönen wie Muttersprachler, um mich zu verständigen. Ein Problem wird es erst, wenn mein Akzent so stark ist, dass ich nicht richtig verstanden werde.
Aber es kann einem zum Beispiel in den Ferien passieren, dass man eine Antwort auf Englisch bekommt, wenn man als Nicht-Muttersprachler zu erkennen ist. Das kann frustrierend sein.
Diesen Frust kenne ich gut, das passiert mir mit meinem schlechten Italienisch auch regelmässig. Es scheint auch immer verbreiteter zu sein, dass auf Englisch gewechselt wird. Sicher auch, weil das Englischniveau der Menschen steigt.
Ich finde das schade. Aber auch wir in der Deutschschweiz müssen uns da an der eigenen Nase nehmen: Nicht gleich ins Französische oder Englische wechseln, wenn jemand aus der Romandie sich Mühe gibt, Deutsch zu sprechen. Ist doch toll, wenn es jemand versucht! Ob mit oder ohne Akzent, das spielt doch gar keine so grosse Rolle.
Das Gespräch führte André Perler.