Pizza und Glacé sind schwer wegzudenkende Seitenwagen an Anlässen auf der Piazza Grande. Dieser Abend aber riecht nach sauren Zungen und der unerschwinglichen Bravo am Badi-Kiosk in den späten 80er-Jahren. Auf der Bühne des «Moon and Stars»-Festivals stehen Duran Duran.
Die Briten, mittlerweile Mitte 60, touren seit rund 45 Jahren um die Welt und katapultieren mich innert Sekunden in eine Zeit, in welcher Sonnencreme einigermassen freiwillig und der Sony-Walkman das höchste der Gefühle war.
Hits, Hits, Hits
Die Hitze drückt auf der Piazza Grande und es regnet Hits von Anfang an. Nach «Is There Something I Should Know?» und «The Wild Boys» beglücken Duran Duran ihre Fans mit ihrem 1985er-Bond-Song «A View to a Kill».
Abgesehen davon, dass diese Agenten-Nummer per se schon einer der besten Bond-Songs ist, ist es durchaus bemerkenswert, wenn man als Band einen solchen Song an dritter Stelle der Setlist spielen kann. Im Wissen, dass die Hitdichte für den Rest des Abends nicht merklich abnehmen wird.
Sing Simon Sing
Beeindruckend und nicht selbstverständlich ist, was Simon Le Bon an Tönen noch trifft. Natürlich sitzt nicht alles restlos. Dafür sitzen aber die Songs so sehr in unseren Ohren und Erinnerungen, dass wir den einen oder anderen Entgleiser wohlwollend ausgleichen und abfedern.
Grandios auch, wie Le Bons Stimme noch immer gezielt und an den richtigen Stellen überschlägt. Das nicht zu unterschätzende gesangliche Markenzeichen der Band funktioniert also noch einwandfrei.
Faule Eier
Weniger grandios sind die Coverversionen, die Duran Duran in ihr Set einflechten. Dabei geht es nicht um die Songauswahl an und für sich. Es geht um die Interpretation.
Das kann diese Band schlicht und einfach nicht und ich verstehe ebenso wenig, wieso sie es tut. Spätestens bei der Paarung ihres Superhits «Girls On Film» mit dem «Talking Heads»-Meisterwerk «Psycho Killer» klebt auf meinen Stirnrunzeln ein «Qu’est-ce que c’est?».
Da macht bedeutend mehr Spass, dass man in zahlreichen Songs daran erinnert wird, wie intensiv und wichtig die Zusammenarbeit von Nile Rodgers und Duran Duran war.
Der Musiker und Musikproduzent hinterliess mehr als eine Duftnote im Sound von Simon Le Bon, John Taylor, Roger Taylor und Nick Rhodes, was natürlich auch auf der Piazza Grande immer wieder hörbar war.
Keine Karikaturen
Duran Duran 2026 treten abgeklärt auf. Sie sind sicher nicht mehr sehr wild – die «Boys». Aber solide und glaubwürdig. Und vor allem keine Karikaturen ihrer selbst. Während andere altgediente Bands mit Ironie oder gar Sarkasmus auf bestimmte Abschnitte ihrer Karrieren reagieren, bleiben Duran Duran seriös. Klingt langweilig. Ist aber durchaus mutig.
Die Band ist sich ihrem Weg und Sound grösstenteils treu geblieben und zelebriert den für sie typischen wuchtigen Pop der 80er-Jahre. Duran Duran sind eine Art Zeitmaschine. In ihrer Show in Locarno machten sie nur einen einzigen Sprung in die Gegenwart. Und zwar, als auf dem grossen Screen für ein paar Sekunden anstelle der Animation das hochmoderne Dashboard der Screenbespielung zu sehen war.