«Ich werde nicht als Mensch gesehen, sondern als das, was ich zwischen den Beinen habe», sagt der Sänger mit dem Künstlername Ablexu. Er bringt auf den Punkt, was für viele rassifizierte Menschen im Ausgang oder auf Dating-Plattformen bittere Realität ist.
Auf Haut und Haare reduziert
Ablexu hat schon im Alter von 16 Jahren gemerkt, dass er im Ausgang anders wahrgenommen wird als seine weiss gelesenen Freunde. Die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wurde, habe sich falsch angefühlt, erzählt er auf dem Weg zur «Heldenbar», einem Treffpunkt der queeren Community in Zürich.
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Bild 1 von 2. Ablexu wurde schon als 16-Jähriger exotisiert und sexualisiert: «Man hat gar nicht die Möglichkeit, richtig Kind zu sein.». Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Ablexu zeigt seinem Kollegen Igor eine rassistische Nachricht, die er auf einer Dating-App gekriegt hat. Es hilft ihm mit seinen Freunden über die Vorfälle zu reden. Bildquelle: SRF.
Er sei auf seine Hautfarbe und Haare reduziert und schon früh sexualisiert worden – mehrheitlich von älteren, weissen Männern, sagt der 26-Jährige. «Ich war schockiert, wie schamlos und direkt sie sind.»
Auf Dating-Apps erhält Ablexu rassistische Nachrichten von homosexuellen Männern. Anfangs fühlte er sich beschmutzt und fragte sich, ob es an ihm liegt, dass er solche Messages erhält: «Ich musste stark daran arbeiten, dass ich mich heute von solchen Sprüchen nicht mehr runterziehen lasse.»
Druck und Erwartungen
Joel ist 32, Kaufmann und spielt in der Freizeit Basketball. Er kennt diese Sprüche und Vorurteile. In der Sportgarderobe oder im Dating-Leben wurde er häufig mit dem Klischee konfrontiert, schwarze Männer hätten ein grosses Geschlechtsteil und seien besonders wild und überdurchschnittlich gut im Bett. Frauen fragten ihn sogar explizit nach der Grösse seines Penisses.
Die Erwartungen an seinen Körper und an ihn als Sexualpartner bauten enormen Druck auf. Das verunsichere ihn: «Ich hatte das Gefühl, ich müsse dem Standard entsprechen, sonst würden die Erwartungen der Frauen nicht erfüllt und sie würden enttäuscht.»
Vorlieben hinterfragen
Ablexu und Joel erleben ein Phänomen, das oft als Kompliment oder Vorliebe getarnt daherkommt, in Tat und Wahrheit aber eine Form von Rassismus ist: Sexotisierung.
«Es ist wichtig, die eigenen Vorlieben und Präferenzen zu hinterfragen», sagt Rahel El-Maawi, Anti-Rassismus-Expertin und Dozentin für Soziokultur. Was ist es, was anzieht? Welche Bilder stecken hinter den sexuellen Präferenzen? Ist ein Kompliment wirklich auf den Menschen bezogen oder auf stereotype Vorstellungen?
Unangemessene Nachrichten
«Als Latina kannst du dich sicher gut bewegen und bist gut im Bett», bekam Yanê schon als Zwölfjährige zu hören. Sie hat eine Schweizer Mutter und einen brasilianischen Vater. Auf Facebook erhielt sie als Teenager unangemessene Nachrichten, erinnert sie sich.
Er wollte mich nur, um sein Wunschkind zu kriegen
Ein junger Mann fantasierte beispielsweise über gemeinsame, perfekt aussehende «Mischlingskinder» mit seinen blauen Augen, blonden Haaren und ihren Locken. «Es fühlte sich komisch an. Er wollte mich nur, um sein Wunschkind zu kriegen», erzählt die heute 30-jährige Hebamme.
Angestarrt und angefasst
Als Jugendliche versuchte sie zunächst, dem Stereotyp der temperamentvollen, sexy Latina zu entsprechen. Ihre Mutter, Ruth, wollte sie damals vor den Blicken älterer Männer und Übergriffen schützen.
So verkürzte sie die Träger eines neuen Oberteils, damit der Ausschnitt weniger zur Geltung kam. «Du bist Brasilianerin, du kannst es dir nicht leisten, so sexy rumzulaufen», habe sie damals zu ihrer Tochter gesagt.
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Bild 1 von 3. Yanê und Joel sind seit neun Jahren ein Paar. Sie teilen ihre Erfahrungen mit der Sexotisierung. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Yanê wollte als Jugendliche dem Stereotyp der temperamentvollen Latina entsprechen. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Ruth wollte ihre Tochter vor den «ausziehenden» Blicken schützen und hat ihr untersagt sich «sexy» anzuziehen. Bildquelle: SRF.
Als Mensch mit dunklerer Hautfarbe als die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung wirke man für die Männer verfügbarer. «Auch ich wurde als junge, kurvige Frau angestarrt und ungewollt angefasst, aber es war nie in dem Masse, wie es bei Yanê der Fall war», erzählt Ruth.
In dieser Zeit hat Yanê angefangen, den «ausziehenden» Blicken der Männer auszuweichen und starr an ihnen vorbeizuschauen. Das mag überheblich wirken, für Yanê ist es ein Schutz. Ruth hat die Männer jeweils böse angeschaut oder laut geschimpft: «Sie ist erst 14 Jahre alt! Sie ist meine Tochter!»
Wir haben diese stereotypen Zuschreibungen gelernt. Aber wir können sie auch wieder verlernen
Die Abgrenzung vor entwertenden Äusserungen und Handlungen ist zentral für die betroffenen Personen. «Es ist wichtig, diese Gewalt von sich zu weisen und zurück an den Absender zu schicken», betont Rahel El-Maawi. «Das macht man, indem man darüber redet. So kann man einen Teil der Würde wiederherstellen, die einem in diesem Moment genommen wird.»
Die Rolle der Pornografie
Vanessa hat vietnamesische Eltern und ist ebenfalls von Fetischisierung und Exotisierung betroffen. Schon in jungen Jahren wurde sie mit dem «Yellow Fever» konfrontiert. So heisst das übermässige sexuelle Interesse weisser Menschen an ost- und südostasiatischen Personen.
«Ich habe schon Leute getroffen, die eine Vorliebe für Asiatinnen hatten. Wenn sie dann gemerkt haben, dass ich nicht typisch asiatisch, sondern eher westlich bin, haben sie das Interesse an mir verloren», erzählt die Studentin.
Vanessa gibt auch der Pornografie Schuld am «Yellow Fever». «Die asiatische Frau wird in Pornos als unterwürfig dargestellt – als könnte man alles mit ihr machen», weiss sie. Diese Darstellungen schwappen in die reale Welt über und erzeugen absurde Erwartungshaltungen. Beispielsweise wurde Vanessa schon gefragt, ob sie im Bett quietsche, weil asiatische Frauen in Pornos so gezeigt würden.
Denkmuster durchbrechen
Für die 25-jährige Studentin ist klar: Hinter solchen Zuschreibungen steht kein echtes Interesse an ihr als Individuum. Werden Menschen fetischisiert und exotisiert – also auf bestimmte körperliche oder kulturelle Merkmale reduziert –, dann hat das nichts mehr mit persönlicher Zuneigung zu tun, sondern mit struktureller Diskriminierung.
Sich dieser Denkmuster bewusst zu werden, ist laut El-Maawi der erste Schritt, um den Kreislauf zu durchbrechen: «Wir haben diese stereotypen Zuschreibungen gelernt. Aber wir können sie auch wieder verlernen. Und verlernen bedeutet, den Menschen hinter den Stereotypen zu sehen.»