Die Stadt Bern soll 1191 gegründet worden sein. So steht es in den Schulbüchern. «Viele Leute glauben das tatsächlich», sagt der renommierte Pflanzenwissenschaftler Willy Tinner von der Universität Bern, «aber das ist ein Mythos, denn wir wissen heute dank der Pollenanalyse: Die Stadt Bern und die Kulturlandschaft darum herum ist zwei bis drei Jahrhunderte älter.»
Willy Tinner steht nördlich von Bern am Moossee, neben Adriano Boschetti, der Leiter der Berner Kantonsarchäologie. Die beiden arbeiten seit vielen Jahren zusammen. Boschetti ist begeistert von den Pollenanalysen, die Tinner und sein Team jetzt so detailliert machen können, wie nie zuvor. «Diese Methode hilft uns, zeitliche Lücken zu stopfen», sagt Boschetti, «sie gibt uns wertvolle Hinweise über Jahrhunderte aus denen wir keine archäologischen Funde haben».
Stinkiger Schlamm – «für uns wertvoll wie Gold»
Pollen sind die männlichen Keimzellen der Samenpflanzen oder kurz: Blütenstaub. Dieser Staub fliegt mit dem Wind je nach Pollenart einige hundert Meter bis wenige Kilometer weit und landet also auch in den Seen. Dort lagert er sich ab im Seeschlamm und das seit Jahrtausenden. Wenn die Wissenschaftler nun runterbohren in den Schlamm und einen Bohrkern raufholen mit einem Durchmesser von etwa neun Zentimetern, dann tönt das für Laien unspektakulär, teilweise stinkt es sogar nach Faulschlamm, «aber für uns ist das so wertvoll wie Gold», sagt Tinner.
Sein früherer Mitarbeiter Fabian Rey hat die Bohrkerne am Mikroskop Schicht für Schicht in minutiöser Kleinarbeit analysiert. In 400-facher Vergrösserung sehen die Pollen aus wie unterschiedlich geartete Kügelchen, jede Art hat eine andere Form und Oberfläche und aufgrund der Dichte und der Art der Pollen lässt sich die historische Landschaft rekonstruieren.
Wie die Pollen analysiert werden
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Bild 1 von 4. Hanf-Pollenkorn (Cannabis Sativa), wie es sich unter dem Mikroskop bei 400-facher Vergrösserung zeigt. Bildquelle: Sina Aregger, Uni Bern.
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Bild 2 von 4. Finden sich Roggenpollen (Secale cereale) in den Seesedimenten, so weiss man, dass in Seenähe Getreide angebaut wurde. Bildquelle: Sina Aregger, Uni Bern.
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Bild 3 von 4. Paläoökologe Willy Tinner am Mikroskop. Bis man eine vergangene Landschaft direkt aus den Pollenkörnern lesen kann, braucht es jahrelange Übung. Bildquelle: SRF/Christian von Burg.
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Bild 4 von 4. Im Kühlraum bewahren die Pflanzenwissenschaftler die Bohrkerne auf, die sie aus verschiedenen kleineren Schweizer Seen gezogen haben. Bildquelle: SRF/Christian von Burg.
Wie viel Wald gab es? Wie viel Getreide wurde angebaut? Wie viele Tiere wurden gehalten? Auf all diese Fragen können die Pflanzenwissenschaftler Antworten geben und im Fall vom Moossee nun so genau wie noch nie: über 7000 Jahre zurück mit einer Genauigkeit von zehn Jahren.
Entdeckungen werden voraussagbar
So haben die Pflanzenwissenschaftler bestätigt, dass etwa 3800 vor Christi zur Zeit der Pfahlbauer der Wald um den Moossee stark zurückging, dass mehr Felder angelegt und mehr Tiere gehalten wurden.
Um 2700 vor Christi fanden die Pflanzenwissenschaftler ein ähnliches Signal. Tatsächlich entdeckten die Archäologen kurz darauf im See alte Pfähle, die sie mit der Jahrring-Analyse genau in diese Zeit datieren konnten. «Vorher wussten wir nichts von dieser Siedlung», sagt Boschetti, «die Pflanzenwissenschaftler haben uns die Entdeckung also quasi vorausgesagt.»
Die Spuren der Pfahlbauer am Moossee
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Bild 1 von 5. Seit 170 Jahren werden die Pfahlbauten am Moossee von den Archäologen erforscht. Pfahlbauten galten lange als eine Schweizer Erfindung. Bildquelle: Javier Alberich/Archäologischer Dienst Bern.
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Bild 2 von 5. Heute ist klar, dass in Albanien schon 2000 Jahre früher Seeufersiedlungen existierten. Von dort kamen dann wohl auch die ersten Bauern zu uns. Bildquelle: Javier Alberich/Archäologischer Dienst Bern.
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Bild 3 von 5. Weniger Buchenpollen, mehr Holzkohlepartikel aus Rodungen und Algenblüten wegen schlechter Wasserqualität: So präsentierte sich der Moossee zur Zeit der Pfahlbauer. Bildquelle: Oculus Illustration/Archäologischer Dienst Bern.
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Bild 4 von 5. Die Landschaft um den Moossee zur Römerzeit. Die Pollenanalyse zeigt: Starke Ausweitung der Wiesen und neu auch Pollen von Walnussbäumen, Edelkastanien und Weinreben. Bildquelle: Oculus Illustration/Archäologischer Dienst Bern.
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Bild 5 von 5. Autobahn und dichte Besiedlung: In den Seesedimenten der letzten Jahrzehnte findet man deutlich die Spuren der fossilen Brennstoffe und viele Pollen neu eingewanderter Arten. Bildquelle: Thomas Stadler/Archäologischer Dienst Bern.
Dank der Pollenanalysen wurde auch klar, dass in der Schweiz nicht erst seit dem Beginn der Jungsteinzeit Getreide angebaut wurde. Der Übergang von Jägern und Sammlern zu den ersten Bauern war komplexer als bisher gedacht. «Die ersten Getreidepollen finden wir schon mehr als 1000 Jahre früher», sagt Willy Tinner.
Und schliesslich zeigt die Pollenanalyse eben auch, dass das Gebiet um Bern schon, zwei, drei Jahrhunderte vor der angeblichen Gründung der Stadt Bern wirtschaftlich stark prosperierte. «Die Stadtgründung um 1191 im dichten Wald durch die Zähringerherzöge ist also ein Mythos», sagt Tinner. Und vermutlich war auch die Vorgängersiedlung von Bern deutlich älter als bisher gedacht – so sagen es jedenfalls die Pollenkörner.