Mehr als tausend Infektionen mit Ebola, 269 Tote – das sind die offiziellen Zahlen. Das reale Ausmass sei viel grösser, sagt die Medizinerin Esther Sterk. Sie war für «Ärzte ohne Grenzen» bis vor Kurzem vor Ort in Mongbwalu, einer 150’000-Einwohner-Stadt, die das Zentrum des Ebola-Ausbruchs im Osten der Demokratischen Republik Kongo ist.
SRF Wissen: Esther Sterk, was haben Sie vor Ort erlebt?
Esther Sterk: Als wir ankamen, war das Krankenhaus leer, die Kinderstation leer, die innere Medizin leer, nur Ebola-Patienten waren da. Aus Angst kam sonst keiner mehr. Wir haben geholfen, die Ebola-Patienten zu isolieren und das Krankenhaus wieder für alle sicher zu machen. Dann haben wir eine eigene Station ausserhalb des Krankenhauses für Ebola-Patienten aufgebaut, und bauen gerade an einer weiteren. Wir tun, was wir können, aber es ist zu wenig. Die Betten, die wir haben, sind sehr schnell belegt. Gleichzeitig erzählen uns die Menschen, dass Nachbarn krank werden und sterben, ohne dass wir sie je zu Gesicht bekommen.
Seit der Ausbruch bekannt ist, ist doch schon einiges passiert, reicht das nicht?
Ja, es ist Einiges passiert. Aber die Hilfe hinkt dem Ausbruch massiv hinterher. Es braucht mehr Material, mehr Autos und mehr Personal. Ein Beispiel: Wenn Menschen an Ebola sterben, dann sind die Leichen sehr ansteckend. Es ist wichtig, dass sie sicher beerdigt werden. Wir versuchen, das auf eine möglichst würdige Art zu tun, und haben Teams dafür.
Wäre dieser Ausbruch auf ein oder zwei Orte beschränkt, wäre die Hilfe, die es bis jetzt schon gibt, wohl genug, um alles in den Griff zu bekommen. Der Ausbruch ist aber sehr verstreut.
In der gesamten Provinz Ituri sind es aber zurzeit nur sieben Teams, wir bräuchten mindestens 49, so schätzt das Africa CDC, die afrikanische Seuchenschutzbehörde. Die Menschen begraben ihre Toten also einfach selbst, und stecken sich an. Das Gleiche gilt für die Kontaktnachverfolgung. In einer Stadt wie Mongbwalu schätzen wir, dass jeder Infizierte mit 40 Menschen Kontakt hat. Im Moment erreichen wir nur etwa jeden zehnten dieser Kontakte. Neun von zehn leben ohne Warnung einfach ihr Leben weiter.
Immerhin gibt es inzwischen die ersten, die von Ebola genesen, das sind doch Erfolge?
Über diese Fälle sind wir sehr froh. Diese Menschen erzählen dann auch davon, was in den Ebola-Stationen passiert, und sind der Beweis, dass nicht jeder, der reingeht im Sarg wieder rauskommt. Das ist sehr wichtig für uns. So wächst Vertrauen. Wir spüren das auch schon, die Menschen, die hier sehr skeptisch sind, kommen inzwischen eher zu uns.
Warum ist dieser Ausbruch so schwer einzudämmen?
Wäre dieser Ausbruch auf ein oder zwei Orte beschränkt, wäre die Hilfe, die es bis jetzt schon gibt, wohl genug, um alles in den Griff zu bekommen. Der Ausbruch ist aber sehr verstreut. Ständig erfahren wir von neuen Verdachtsfällen an neuen Orten. Im Ort Fakati, 100 Kilometer östlich von Mongbwalu, sind uns gerade Verdachtsfälle gemeldet worden, das Gleiche gilt für Flüchtlingscamps dort in der Nähe.
Es ist die Rede von Medikamenten und auch von einer Impfung. Wieviel Hoffnung macht ihnen das?
Wir werden sie brauchen. Die Sterblichkeit ist im Moment sehr hoch, auch weil die Menschen erst sehr spät zu uns kommen. Ich hatte in der Zeit, als ich dort war, nur einen Patienten, der überlebte. Wir brauchen dringend spezifische Medikamente. Um das medizinische Personal zu schützen, brauchen wir die Impfung. Aber gleichzeitig ist klar: Wir können darauf nicht warten. Wir sind weit davon entfernt, den Ausbruch zu bremsen, oder ihn gar in den Griff zu bekommen.
Das Gespräch führte Katrin Zöfel.