Sie gehören zu den gefährlichsten Naturgefahren in der Schweiz und können innerhalb kürzester Zeit eine zerstörerische Kraft entwickeln: Murgänge. Die Schlammlawinen lassen nach starken Regenfällen ganze Bäche anschwellen und verwandeln sich in gefährliche Ströme, die grosse Schäden verursachen.
«Bisher wurden Murgänge meist nur an einzelnen Punkten gemessen. Nun gelang uns erstmals eine kontinuierliche Beobachtung über den gesamten Verlauf», erklärt Geophysiker und Studienautor Christoph Wetter vom WSL. Den Forschenden der eidgenössischen Forschungsanstalt für Schnee, Wald und Landschaft ist es erstmals gelungen, einen Murgang im Walliser Illgraben auf zwei Kilometer Länge zu vermessen.
Die neu veröffentlichten Daten liefern wichtige Einblicke in den Ablauf und die Entwicklung von Murgangwellen. Die Messungen sollen helfen, Simulationen zu verbessern und das Gefahrenpotential genauer vorherzusagen.
Forschungslabor Illgraben im Kanton Wallis
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Bild 1 von 3. Panoramablick. Links am Berg ist der Illgraben. Unten im Tal liegt Leuk. Tal abwärts fliesst die Rhone Richtung Siders in den Genfersee. Bildquelle: WSL / Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft.
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Bild 2 von 3. Blick zum Illhorn. In diesem Tal unterhalb des Illhorns entsteht der Illbach, der gewöhnlich nur ein kleiner Bach ist. Bildquelle: WSL / Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft.
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Bild 3 von 3. Blick auf die Ebene. Die Murgänge aus dem Illgraben werden kontinuierlich überwacht und es gibt ein optisches und akustisches Alarmsystem für Brücken und Übergänge. Bildquelle: WSL / Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft.
Im Illgraben im Kanton Wallis gibt es ideale Bedingungen für die Erforschung von solchen Schlammlawinen. Hier gehen jedes Jahr mehrere Murgänge nieder – so oft wie nur an wenigen Orten in Europa. Für die Wissenschaft ist das Gebiet wie ein Outdoor-Labor, in welchem solche gefährlichen Ereignisse gut erforscht werden können.
Rund 50 seismische Messgeräte im Einsatz
Der Geophysiker hat mit seinem Team auf einer Länge von zwei Kilometern sogenannte Geofone entlang des Bachbetts installiert. Das sind kleine Messgeräte, die Bodenerschütterungen aufzeichnen können.
Weil unterschiedlich grosse Wellen und Gesteinsblöcke jeweils unterschiedlich starke Erschütterungen verursachen, kann Christoph Wetter und sein Team anhand der Geofon-Daten rekonstruieren, wie sich die Murgänge talwärts bewegen.
Drei Meter hohe Wellen
Die neuen Messungen zeigen erstmals detailliert, wie im Inneren des Schlammstromes wellenartige Schübe entstehen. Diese sogenannten Murgangwellen können bis zu drei Meter hoch werden und sie erreichen Geschwindigkeiten bis zu 20 Kilometer pro Stunde – oft schneller als der restliche Strom aus Geröll und Schlamm.
Die Wellen beginnen klein und türmen sich immer grösser auf, je weiter sie ins Tal hinabfliessen. Die seismischen Daten machen sichtbar, wo diese Wellen entstehen und wie sie sich bewegen. «Wir wollen diese Wellen besser verstehen, weil sie ein grosses Schadenspotential haben können», sagt Christoph Wetter.
Geschwindigkeiten von vier bis sechs Metern pro Sekunde wurden gemessen. Damit liefern die Daten ein viel genaueres Bild als bisherige Modelle, die solche Prozesse nicht abbilden konnten. «Das Ziel unserer Messungen ist, dass wir in Zukunft existierende Murgangmodelle verbessern können» erklärt der Geophysiker anhand einer grafischen Aufarbeitung in den Räumlichkeiten der WSL in Birmensdorf.
Mit genaueren Modellen könnten Fachleute die Gefahrenzonen künftig präziser bestimmen. Und ein besseres Verständnis hilft, Murgänge und ihren Verlauf genauer vorauszusehen, damit die Bevölkerung in gefährdeten Gebieten besser geschützt werden kann.