Windräder liefern klimafreundlichen Strom, gefährden aber Zugvögel. Rund 114 Millionen pro Jahr sind es schätzungsweise. Mit Hilfe von Wetterradar-Daten liesse sich dieses Risiko vermindern – und das mit geringen Stromverlusten. Das zeigt eine aktuelle Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL.
Vermeiden, dass Vögel mit Windrädern kollidieren – dank Wetterradar-Daten: Wie soll das gehen?
Ein Wetterradar misst grundsätzlich mal Wetterdaten. Aber er kann auch die Daten von Vögeln und Vogelzügen erfassen, und zwar auf grossen Flächen, in grossen Lufträumen. Diese Daten kann man – theoretisch – nutzen, um tödliche Kollisionen der Tiere mit Windrädern zu verhindern. Dazu würde man die Windräder gezielt für eine kurze Zeit abschalten, und zwar dann, wenn besonders viele Vögel unterwegs sind. Solche Antikollisionssysteme mit Radar für Windräder gibt es bereits, vor allem lokal. Aber die Idee, dass man dafür auch Wetterradar-Daten verwenden könnte, die ist neu und innovativ.
Wie konkret werden diese Vogelzüge von den Wetterradar-Daten erfasst?
Über ganz Europa sind rund 200 Wetterradar-Anlagen verteilt – grosse Türme, 20 bis 30 Meter hoch, auf deren Spitze eine grosse weisse Kugel sitzt. In ihrem Innern rotiert eine Radarantenne und scannt pausenlos den Himmel rundum. Sie misst Regen, Schnee, Hagel und weitere Daten, die eben das Wetter ausmachen. Gemäss der Biodiversitätsforscherin Silke Bauer, die die WSL-Studie geleitet hat, erfassen die Radare noch viel mehr als Wetterdaten. Sie senden elektromagnetische Wellen aus, und alles, was in der Luft ist, sendet ein Echo zurück – Vögel, Fledermäuse, sogar Insekten. Aus diesem Echo könne man auch die Anzahl Vögel errechnen, die in einem Bereich fliegen, wo besonders viele Windräder stehen und die Vögel somit gefährdet sind.
Dann würden die Windräder angehalten und die Stromproduktion unterbrochen?
Genau. Und hier kommt der zweite Teil der Studie ins Spiel: Die Forschenden haben in einem Modell die Zahl der gefährdeten Vögel mit der Produktion des Stroms verknüpft, den der Wind und die Windräder erzeugen. Sie fragten: Wie viel Energie verlieren wir, wenn wir so und so viele Vögel vor dem Risiko schützen, mit rotierenden Windrädern zu kollidieren? Sie simulierten dann verschiedene Szenarien für eine zeitweise Abschaltung der Anlagen. Das effizienteste Szenario zeigte, dass wenn sie 50 Prozent der potenziellen Kollisionen vermeiden würden, es zu einem Produktionsverlust von 1,2 Prozent käme. Eine Reduktion der Gefahr um 90 Prozent würde zu einem Stromverlust von 7,6 Prozent führen. Das sind überraschend moderate Zahlen.
Windräder, Windparks polarisieren. Befürworter auf der einen, Naturschützerinnen auf der anderen Seite. Kann dieses neue System hier für Entspannung sorgen?
Das ist die Hoffnung – noch gibt es dieses System nur in der Theorie. Silke Bauer sagt, sie bedaure, dass Umweltschützer oft gegen Windenergie seien. Ihre Motivation für diese Studie sei gewesen, irgendwo einen Kompromiss zu finden, um sowohl die Energiewende hinzukriegen als auch den Klimawandel zu verlangsamen. Auch Olivier Waldvogel von Suisse Eole, der Schweizerischen Vereinigung zur Förderung der Windenergie, hat sich zur WSL-Studie geäussert. Er findet: Wetterradar-Daten zu nutzen, das sei interessant. Alles, was helfe, die Risikoanalyse und die Planung von naturverträglichen Windpark-Projekten zu verbessern, sei begrüssenswert. Und eine gute, umfassende Datenqualität das A und O.