«Shit, eine ist abgehauen!» Fledermausforscher Edward Hurme steht auf der Leiter und schaut der Fledermaus nach, die in den Wald fliegt. Dann dreht er sich zum Fledermauskasten um, der am Baum hängt. Mit blauen Plastikhandschuhen nimmt er vorsichtig ein Tier nach dem anderen heraus.
Es sind Abendsegler. Davon gibt es zwei Arten in der Schweiz. Sie gehören zu den grössten und häufigsten Fledermausarten hierzulande. Doch ein beträchtlicher Teil von ihnen wird von den Rotoren von Windkraftanlagen totgeschlagen. Deshalb untersuchen die Fledermausforscher nun ihr Zugverhalten akribisch. Hurme legt die Abendsegler in kleine Stoffsäckchen, um die Tiere wenig später zu untersuchen und zu besendern.
Wie der Zug der Fledermäuse erforscht wird
-
Bild 1 von 6. Edward Hurme sucht nach Abendseglern, die bei Frauenfeld überwintert haben. Bildquelle: Christian von Burg.
-
Bild 2 von 6. Nur die weiblichen Tiere fliegen im April trächtig in den Nordosten, um dort ihre Jungen zu gebären. Bildquelle: Christian von Burg.
-
Bild 3 von 6. Die Tiere werden ausführlich untersucht, gewogen und mit einem Chip zur individuellen Bestimmung versehen . Bildquelle: Christian von Burg.
-
Bild 4 von 6. Diese Sender verraten nicht nur den Standort der Tiere. Sie zeigen auch, wie hoch sie fliegen und wie aktiv die Tiere sind. Bildquelle: Christian von Burg.
-
Bild 5 von 6. Der Sender macht etwa vier Prozent des Körpergewichts aus und fällt nach etwa vier Wochen wieder ab. Bildquelle: Christian von Burg.
-
Bild 6 von 6. Zum Schluss der Prozedur kriegt der Abendsegler einige Mehlwürmer zur Stärkung. Bildquelle: Christian von Burg.
Die Forschenden vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie von der Universität Konstanz werden von Franziska Heeb unterstützt. Die langjährige Leiterin des Fledermausschutzes Thurgau ist fasziniert vom Wanderverhalten der Abendsegler: «Die ziehen im April 500 bis 1000 Kilometer in den Nordosten, um dort ihre Jungen zu gebären, und man weiss immer noch nicht so richtig, warum sie das machen.»
Dass es diesen Zug gibt, weiss man schon lange. Doch dank der neuen, kleinen Sender explodiert unser Wissen über dieses faszinierende Zugverhalten.
Seit 2022 untersucht Fledermausforscher Hurme dieses Zugverhalten mit Hilfe kleiner elektronischer Sender: «Wir wissen unterdessen: Die Männchen bleiben hier, aber die trächtigen Weibchen ziehen nach Norddeutschland, Polen, Tschechien oder darüber hinaus.»
Im Sommer bis Frühherbst kommen sie dann zusammen mit den Jungen wieder zurück. «Dass es diesen Zug gibt, weiss man schon lange. Doch dank der neuen kleinen Sender explodiert unser Wissen über dieses faszinierende Zugverhalten.»
Widersprüchliche Zahlen
Auf den langen Reisen kommen jedoch viele Tiere ums Leben, vor allem im Frühherbst, beim Rückflug in die Schweiz. Ein Teil der Tiere wird von den deutschen Windturbinen erfasst. «Jedes Jahr werden pro Windrad mindestens zehn Fledermäuse getötet», sagt Hurme, «mehr als Vögel».
Weit wandernde Arten wie die Abendsegler sind stärker betroffen. Der Bestand der Abendsegler – bisher eine der häufigeren Arten – ist am Sinken. Das steht im Gegensatz zu den meisten anderen Fledermausarten der Schweiz. Ihre Zahl nimmt nach dem absoluten Tiefpunkt in den 1970er-Jahren wieder zu.
Die Betreiber der Schweizer Windkraftwerke rechnen jedoch mit anderen Zahlen. «Im Rahmen neuester Untersuchungen wurden pro Turbine und Jahr im Durchschnitt je zwei bis drei tote Fledermäuse und Vögel gefunden», sagt Olivier Waldvogel von Suisse Eole, der Schweizerischen Vereinigung zur Förderung der Windenergie. Das sei gut viermal weniger als der in der Schweiz festgelegte Schwellenwert von zehn Vögeln pro Turbine und Jahr und zeige, dass Windenergie mit Vogel- und Fledermausschutz vereinbar sei.
Der für die Baugenehmigung bisher angewendete Massstab zur Beurteilung der erlaubten Vogelmortalität ist starr und unwissenschaftlich und müsste aus unserer Sicht überarbeitet werden.
Untersucht wurde diese Zahl der sogenannten Schlagopfer am neuen Windpark St. Croix im Waadtländer Jura. «Der für die Baugenehmigung bisher angewendete Massstab zur Beurteilung der erlaubten Vogelmortalität ist starr und unwissenschaftlich und müsste aus unserer Sicht überarbeitet werden», sagt Olivier Waldvogel. Die Zahlen der Fledermausforscher und der Windkraftbetreiber gehen also deutlich auseinander. Wer hat recht?
Alte deutsche Windkraftanlagen deutlich gefährlicher
Anruf bei einem der versiertesten Experten zum Thema: Christian Voigt leitet die Abteilung für Evolutionäre Ökologie am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Weil Deutschland ungleich mehr Windräder hat als die Schweiz, gibt es auch mehr und bessere Untersuchungen zum Thema. Voigt hat an vielen mitgewirkt.
«Bei den neuen Turbinen, die ab 2010 gebaut wurden, ist die Zahl der Schlagopfer im Durchschnitt tatsächlich auf weniger als zwei Fledermäuse pro Jahr gesunken», sagt Voigt. Das hat vor allem mit den Auflagen für den Betrieb zu tun. Vereinfacht gesagt: Sobald viele Fledermäuse oder Vögel unterwegs sind, müssen die neueren Anlagen in Deutschland abgestellt werden.
Der Haken an der Sache: 70 Prozent der deutschen Windkraftwerke sind vor 2010 in Betrieb gegangen und müssen sich nicht an diese Auflagen halten. Und so finden gemäss den Hochrechnungen von Voigt allein in Deutschland pro Jahr immer noch etwa 72'000 Grosse Abendsegler und 11'000 Kleine Abendsegler den Tod in den Turbinen.
Je nach Lage des Windparks und je nach Tierart präsentiert sich das Problem grösser oder kleiner: Störche zum Beispiel sehen die Gefahr rechtzeitig, weil sie beim Fliegen geradeaus schauen. Seeadler hingegen schauen beim Fliegen meist nach unten und werden deshalb viel öfter überrascht von den drehenden Spitzen der Windräder, die mit mehr als 100 Kilometern pro Stunde rotieren.
Anlagen fast ohne Opfer wären möglich
Unterdessen gibt es Antikollisionssysteme, um das Problem zu lösen: Kameras zum Beispiel, die heranfliegende grössere Vögel schon von weit her erkennen können. So lässt sich die Anlage frühzeitig stoppen. Doch kleinere Vögel und Fledermäuse werden mit diesem System nicht erfasst.
Auf dem Gotthard ist unterdessen eine noch ausgefeiltere Anlage in Betrieb. Es handelt sich um eine Radaranlage, die selbst kleine Zugvögel erfasst. Je nach Intensität des Vogelzugs wird die Anlage abgeschaltet. Doch Olivier Waldvogel sagt im Namen der Windkraftbetreiber: «Für uns wäre es nicht ökonomisch, wenn wir für alle Anlagen so aufwendige Systeme installieren müssten.» Sinn mache das vor allem da, wo das Kollisionsrisiko für gefährdete Arten höher liegt.
Ich wünschte mir mehr Entgegenkommen der Windkraftbetreiber.
Wildtierforscher Christian Voigt aus Berlin wiederum sagt: «Ich wünschte mir mehr Entgegenkommen der Windkraftbetreiber, denn unterdessen haben wir genügend Wissen, um Anlagen zu bauen, an denen sozusagen keine Fledermäuse mehr zu Tode kommen».
Zentral ist dabei nicht nur das vorübergehende Abschalten während der Hauptzugzeiten, sondern auch die Platzierung der Windräder. Liegen sie ungünstig, zum Beispiel entlang einer Zugroute, so können die Opferzahlen sehr hoch sein – bis zu 70 tote Fledermäuse pro Turbine in nur zwei Monaten.
Mehlwürmer zur Stärkung
Die fünf trächtigen Weibchen der Abendsegler im Thurgau sind unterdessen fast fertig vermessen und auf ihrem Rücken klebt je ein 1 Gramm schweres Kästchen mit Antenne, das kontinuierlich ihre Position verrät. So lässt sich nun nicht nur die Flugroute bestimmen, sondern auch die Flughöhe und wie lange die Tiere allenfalls um die Windkraftanlagen am Jagen sind. Etwa in vier Wochen löst sich der Sender dann wieder vom Fell und fällt zu Boden.
«Die Weibchen kehren immer an den genau gleichen Ort zurück für die Geburt ihrer Jungen», sagt Fledermausforscher Edward Hurme und leimt den letzten Sender in das Rückenfell, «wie bei den Meeresschildkröten, die genau dahin zurückkehren, wo sie geboren wurden, da sind sie zu Hause».
Heisst das, unsere Abendsegler sind in Tat und Wahrheit eigentlich deutsche, polnische oder tschechische Abendsegler, die bei uns nur überwintern? Franziska Heeb, die Leiterin des Thurgauer Fledermausschutzes, kommt ins Grübeln.
Sie schaut auf das Abendseglerweibchen, das sie in der Hand hält und sagt dann liebevoll lachend: «Deine Nationalität haben wir noch nicht herausgefunden, gäll?» Dann packt sie mit der Pinzette einen Mehlwurm und hält ihn dem Abendseglerweibchen vor den Mund: «Kleine Stärkung vor dem Abflug?» Schnell verschwindet die Insektenlarve zwischen den spitzen Zähnchen.