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Bergsteigerlegende im Gespräch Reinhold Messner: «Sterben ist das Grossartigste, das es gibt»

Grenzgänger, Pionier und berühmtester Alpinist der Welt: Reinhold Messner stand auf allen 14 Achttausendern der Welt. Zu Fuss durchquerte er die Antarktis und die Wüste Gobi – und kletterte als erster ohne zusätzlichen Sauerstoff auf den Mount Everest.

Reinhold Messner

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Der gebürtige Südtiroler revolutionierte das Bergsteigen, indem er als Erster alle 14 Achttausender bestieg und den Mount Everest ohne Flaschensauerstoff bezwang. Messner prägte den «Verzicht-Stil» – puristisch, ohne Hochlagerketten. Neben seinen Erfolgen in Eis und Fels durchquerte er zu Fuss die Gobi und Antarktis. Heute bewahrt er als Autor und aktivem Engagement das Erbe der Berge.

SRF: Sie sind mit 81 noch sehr aktiv.

Reinhold Messner: Mir ist es wichtig, dass ich kreativ bleiben darf. Ich habe das Glück, eine Frau zu haben, die mit mir reist. Wir machen Vortragsreisen, Filme und schreiben derzeit ein Buch. Ich empfehle allen Alten, eine Tätigkeit zu finden, die sie ausfüllt.

Neugierde als Motor?

Auch. Aber Glück ist vor allem, einer Leidenschaft nachzugehen und zu verstehen, dass Gestalten wichtiger ist als Haben. Für mich bedeutet Abenteuer nicht nur das Tun, sondern auch die Erzählung dazu.

Haben Sie eine Bucket List?

Trotz meiner rund 100 Expeditionen bleiben viele Fragen offen. Eine Liste haben meine Frau und ich aber nicht. Wir entscheiden spontan. Noch sind wir so beschäftigt, dass wir Europa selten verlassen.

Sie sprechen oft von «wir». Waren Sie gar nie der Egomane, als der Sie galten?

Das ist ein falsches Bild. Ich bin kein einsamer Wolf. Ein paar wenige Dinge habe ich solo gemacht, aber ich bin lieber mit Partnern unterwegs – zu zweit oder zu viert.

Mit fünf Jahren standen Sie erstmals auf einem Dreitausender. Sind Sie primär glücklich auf einem Berg?

Unten bin ich ebenso glücklich. Am Berg gibt es harte Momente. Ich habe dort Brüder und Freunde verloren. Bergsteigen ist lebensgefährlich – und dabei zu Überleben, ist die grosse Kunst.

Ihr Bruder ist 1970 beim gemeinsamen Abstieg vom Nanga Parbat gestorben. Blicken Sie im Alter anders auf diese Tragödie zurück?

Damals wurden mir Verfehlungen angedichtet, die erst 35 Jahre später entkräftet wurden, als man seine Überreste fand.

Das schmerzt und verärgert Sie bis heute?

Verärgert würde ich nicht sagen.

Warum geht man dorthin, wo Lebensgefahr droht?

Das ist die Erfahrung schlechthin. Unser Leben ist zeitlich begrenzt, und die Natur ist immer stärker als wir. Wer vor einer Expedition den Tod nicht als Möglichkeit einbezieht, hat die Natur nicht verstanden.

Kürzlich kam live auf Netflix, wie der amerikanische Kletterer Alex Honnold einen Wolkenkratzer in Taiwan besteigt.

Ich habe es gesehen und mich gelangweilt. Er ist einer der besten Freikletterer aller Zeiten, aber diese Aktion war nicht besonders schwierig.

«Gredig direkt» neu als Podcast

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Urs Gredig
Legende: SRF

Urs Gredig empfängt in seiner wöchentlichen Talkshow prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft, Unterhaltung, Sport und Gesellschaft. Seit Januar dieses Jahres gibt es seine Sendung auch als Podcast.

Ist das noch Alpinismus?

Das ist reine Show. Aber Honnold darf das machen.

Er könnte dabei verunglücken?

Das zeugt von Voyeurismus. Das ist ein Kick – aber für die Zuschauer. Doch Alpinismus in der Natur ist kein Kick, sondern der vermutlich radikalste Weg zur Selbsterkenntnis.

Trotzdem geht es um Bestleistungen.

Jede junge Generation hat versucht, das zu schaffen, was ihre Vorgänger für unmöglich hielten. Aber Alpinismus ist primär eine Auseinandersetzung zwischen Mensch und Bergwelt, draussen in der Wildnis.

Sie halten alles für möglich, aber nichts für gegeben?

Ich habe den Tod stets vermieden, ihn aber für möglich gehalten. Im Alter fahre ich fort, mich mit meinen Begrenzungen und Unfähigkeiten auseinanderzusetzen. Durch unsere Ängste erfahren wir, wer wir sind.

Aber Sie haben keine Angst vor dem Tod?

Nein, ich bin einverstanden damit, ohne Bedauern.

Sie hatten 1970 auch eine Nahtoderfahrung. Ihre Schilderungen davon wirken fast zärtlich.

Nahtoderfahrungen sind einerseits schrecklich, denn sie verdeutlichen uns die Endlichkeit unseres Lebens. Aber letztlich ist Sterben das Angenehmste und Grossartigste, das es gibt.

Das Gespräch führte Urs Gredig.

SRF 1, 16.04.2026, 22:25 Uhr ; 

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