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Barock – mon amour Acht barocke Helden von heute

Stilisierung, Lust am Ornament und Stilmix, kaum gezügelte Leidenschaft unter züchtiger Oberfäche, Prunksucht und Machtbewusstsein: Barocke Merkmale lassen sich bis in die Gegenwart aufspüren. Eine Liste, die sich fortsetzen lässt ...

Werke von Niki de Saint Phalle in einer Ausstellung.
Legende: Alle Macht den Nanas: Werke von Niki de Saint Phalle in einer Ausstellung in Paris. Keystone

Barocke Helden von heute

  • Lady Gaga trägt ein schwarzes Kleid und einen grossen hellen Hut.
    Legende: Lady Gaga 2010 in Las Vegas. Keystone

    Lady Gaga «Tausendschön»

    Vom rosa Pelzmantel bis zur Fetischmaske, im hautengen Silberkleid oder als Weihnachtsbaum, im Smoking oder im Korsett, freizügig oder hochgeschlossen, Gothic Queen oder Blumenfee – die Pop-Diva treibt die Selbstinszenierung zur Perfektion. Mit ihrem ersten Album «The Fame» hatte sie 2008 das Ziel klar definiert. Die Popmusik hat sie nicht revolutioniert, aber sie ist unterdessen mit fünf Grammy-Awards und 90 Millionen verkauften Tonträgern so erfolgreich, dass sie es sich leisten kann, im Duett mit Swing-Ikone Tony Bennett Jazz-Standards zu singen.

  • Karl Lagerfeld, mit Rossschwanz und schwarzen Kleidern, sitzt vor einer Bücherwand.
    Legende: Karl Lagerfeld: ohne gepuderte Frisur geht er nicht aus dem Haus. Keystone

    Karl «Pferdeschwanz» Lagerfeld

    Ohne gepuderte Frisur geht er nicht aus dem Haus. Fächer, schwarze Handschuhe und Sonnenbrille sind seine Accessoires. Die ironische Haltung verrät den Hanseaten, der von sich sagt: «Stress – kenne ich nicht. Ich kenne nur Strass. Ich bin in der Modebranche». Sein Ideenreichtum und eine Kreativität, die Grenzen zwischen Parfümkreation, Kostümdesign, Fotografie und Bühnenbildnerei überschreitet, sind von echt barocker Fülle. Der Mode-Zar stellt auch zu seinen Finanzen ein echt barockes Verhältnis zur Schau: «Das Geld muss zum Fenster raus, damit es zur Tür wieder reinkommt.» – Le style, c’est l’homme!

  • Ein Totenkopf mit lauter Edelsteinen besetzt.
    Legende: Damien Hirsts edelsteinbesetzter Schädel «For the Love of God». Keystone

    Damien «Diamond» Hirst

    Sein edelsteinbesetzter Schädel «For the Love of God» von 2007 treibt den Kontrast zwischen morbider Todesahnung und glänzendem Prunk auf die Spitze. Tatsächlich hat das barocke «Memento mori» den britischen Künstler schon fasziniert, als er in London seine erste Ausstellung plante. 1991 legte er einen Tigerhai in Formalin ein und verwies im Titel auf die «Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden». Sein Werdegang zu einem der reichsten Künstler der Gegenwart liest sich teilweise wie ein barocker Schelmenroman. Sein humanitäres und humanistisches Engagement hingegen verbindet ihn mit den Denkern der Aufklärung.

  • Gérard Depardieux in einer Filmrolle 1990.
    Legende: 1990 in «Cyrano de Bergerac». Concorde Film

    Gérard «Le Russe» Depardieu

    Keiner hätte den alternden Barockmeister der Gambe, Marin Marais, glaubwürdiger verkörpern können als der Arbeitersohn aus Chateauroux. Nach dem Besuch einer Molière-Aufführung hatte er beschlossen, Schauspieler zu werden. Für «Cyrano de Bergerac» erhielt er 1990 den César als bester Hauptdarsteller. Auch mit dem legendären Chefkoch Vatel im gleichnamigen Film von 2000 gelang ihm eine Figur aus der Ära von Ludwig XIV. Seine Ess- und Trinkgewohnheiten haben dem vielfach prämierten Schauspieler unterdessen eine wahrhaft barocke Körperfülle beschert. Und mit seiner Einbürgerung in Russland vollzieht er eine Wanderbewegung nach, die seit der Zeit von Zar Peter I. viele europäische Künstler in die Dienste russischer Prunkliebe zog.

  • Das Innere eines prunkvollen Palastes in der Ukraine.
    Legende: Janukowitschs Palast. Reuters

    Viktor «Schlossherr» Janukowitsch

    Eine Datscha, zu deren Schlosspark auch ein Golfplatz gehört. Dazu persönliche Golfschläger mit dem Label «Majesty». Im Park auch ein runder, tempelartiger Pavillon, und – am Ufer des Dnepr vertäut – eine Yacht im Stil einer spanischen Galeone: Das Anwesen des gestürzten Präsidenten der Ukraine verrät nicht nur, welchen Grad die Korruption im Lande erreicht hatte. Die Einrichtung der präsidialen Residenz verweist auch als entfernter Abklatsch noch auf das grosse Vorbild des Absolutismus – das Versailles des Sonnenkönigs.

  • Prince bei einem Auftritt.
    Legende: Prince. Keystone

    Prince, der Unaussprechliche

    Sieben Jahre lang verweigerte er sich dem Künstlernamen, unter dem er Weltruhm erlangt hatte. Ersetzte ihn durch ein unaussprechliches Symbol, einer Mischung aus Venus- und Marszeichen, aus Männlich und Weiblich. Schon seinen ersten Hit, die Rockballade «Purple Rain», sang er 1984 im Kostüm eines barocken Opernstars wie Farinelli oder Senesino: Überrock aus purpurner Seide und Jabot aus Satin gehörten dazu. Androgyn-rätselhafter Botschafter eines barocken Funk, Rebell für eine reine Musik, Zeuge Jehovas und erklärter Feind der Smartphones und Klingeltöne, lässt sich Prince in keine Schublade stecken.

  • Kim Jong-un mit einer Gruppe von Menschen in Uniform in einem Palast.
    Legende: Kim Jong-un in Begleitung seiner Entourage. Reuters

    Kim Jong-un, Besichtiger

    Tritt stets in Begleitung protokollierender Hofschranzen mit Notizblöcken auf. Millionen Bauern Europas litten Hunger und mussten Frondienste leisten, um die Barockschlösser zu bauen, in denen ihre Fürsten Hof hielten. Die gottähnliche Selbst-Inszenierung der nordkoreanischen Kim-Dynastie weist unverkennbar Züge barocker Herrschsucht auf, auch im Kontrast zur bitteren Armut der Bevölkerung.

  • «Dancing Nana» von Niki de Saint Phalle in Paris.
    Legende: «Dancing Nana» von Niki de Saint Phalle in Paris. Keystone

    Niki de Saint Phalle und die Nanas

    Der Slogan «Alle Macht den Nanas» hätte wohl auch Peter Paul Rubens schockiert. Der Schilderer barocker Leibesfülle war schliesslich ein patriarchalischer Meister und als Künstler und Diplomat ein Kind seiner Zeit. Doch die farbenfrohen, ausladenenden Frauengestalten der schweizerisch-französischen Plastikerin formulieren heute unübersehbar ihre Gegenbotschaft zum Effizienzgebot der Märkte. Anstelle von sportlich gestählter Askese: barock-verspielte Sinnenfreude!

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