«Hier gilt’s der Kunst» – dieser Satz aus Richard Wagners Oper «Die Meistersinger von Nürnberg» war lange Devise der Bayreuther Festspiele. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wollte Bayreuth die Schatten seiner Vergangenheit loswerden.
Eine Vergangenheit, in der Adolf Hitler bei der Familie Wagner als «Onkel Wolf» ein- und ausging. Er finanzierte die Festspiele grosszügig. Die Elite des NS-Staates besuchte Bayreuth. Die Organisation «Kraft durch Freude», geleitet von von einem angeheirateten Mitglied des Wagner-Clans, schleuste Tausende von Soldaten zu den Festspielen. Propagandaminister Goebbels hielt hier seine Reden.
Kein «brauner Zirkus»
Trotz all dem sei Bayreuth kein «brauner Zirkus» gewesen, meinte später Wolfgang Wagner. Der Enkel von Richard Wagner leitete zusammen mit seinem Bruder Wieland die Festspiele der Nachkriegszeit. Wieland starb 1966. Wolfgang hielt das Szepter auf dem Grünen Hügel bis 2008.
Danach übernahm Wolfgangs Tochter Katharina Wagner die Festspielleitung, Urenkelin von Richard Wagner. Sie inszenierte eine bilderstürmerische Produktion der «Meistersinger» und ging dabei kritisch mit der Rezeptionsgeschichte dieser Oper um. Auch initiierte sie eine Gesprächs- und Buchreihe, «Diskurs Bayreuth», in der sie die problematischen Seiten der Festspiele und deren Verstrickung mit dem NS-Regime beleuchtet.
«Alles ist sporadisch»
Meinen es die Bayreuther Festspiele also ernst mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte? Ja und nein. Das Vor und Zurück in der aktuellen Diskussion um den jüdischen Publizisten Michel Friedman zeugt nicht gerade von einem klaren Plan. Das sagt auch der Musikwissenschaftler und Autor Anno Mungen: «Es gibt kein Konzept, alles ist sporadisch.» Mungen hat ein Buch geschrieben, «Von Bayreuth nach Auschwitz», in dem er die jüngere Geschichte Bayreuths aufrollt.
Man könnte sagen, Aufgabe der Festspiele ist es, Festspiele zu veranstalten. Chronische Unterfinanzierung und eine schmal besetzte Festivalorganisation dürften die Ressourcen hier schon arg ausreizen. Doch, so Autor Anno Mungen: «Die Festspiele dürften ruhig offener auf die Wissenschaft zugehen.» Denn an dieser liegt die Aufarbeitung in erster Linie.
Nachlässe für die Bibliothek
Immerhin: Die Familie Wagner hat die Nachlässe von Wolfgang und Wieland Wagner dem Münchner Hauptstaatsarchiv übermacht. Dort sind diese frei zugänglich. Das ist vorbildhaft. Doch gibt es immer noch blinde Flecken. So etwa die Nachlässe von Siegfried Wagner, dem Sohn Richard Wagners. Und von Winifred Wagner, Wagners Schwiegertochter.
Winifred behauptete noch 1975 in einem Filminterview: «Wenn der Hitler heute hier zur Türe reinkäme, ich wäre genauso fröhlich und glücklich wie immer.» Ihr Sohn Wolfgang verbot der Mutter danach, das Festspielhaus jemals wieder zu betreten. Dass allerdings, wie er behauptete, die Politik seit 1951 aus Bayreuth «weggewischt» sei, ist klar ein Irrtum.