Kommentatoren benutzen gerne den Begriff «Neubayreuth», wenn sie über die am Wochenende begonnenen Bayreuther Festspiele reden. Das ist falsch. In einer wichtigen Nuance. Doch von vorne.
Viel Beachtung lag auf dem Eröffnungswochenende. Einiger Wind ging ihm voraus: Festspielchefin Katharina Wagner, die kurzfristig ins Spital musste. Der Publizist Michel Friedman, der eingeladen war, ausgeladen wurde, dann von Wagner persönlich wieder eingeladen wurde. Die frühe Wagner-Oper «Rienzi», die noch nie in Bayreuth gezeigt worden war. Und die für Adolf Hitler einst ein Erweckungserlebnis war.
Eine Hand, zwei Hände
Michel Friedman nahm das Hin und Her um seinen Auftritt in seiner Rede auf. «Als Katharina Wagner mir die Hand gereicht hat, da habe ich ihr selbstverständlich auch die Hand gereicht.» In einer Zeit des Hasses und der Aggression wollen beide demonstrieren: «Es gibt Konflikte im Leben, es gibt Streit, es gibt eine Aufarbeitung und dann reicht man sich die Hand.»
Bayreuth und Wagner war für die Nationalsozialisten der Kern deutscher Kultur. In Bayreuth empfing Hitler zentrale Impulse für seine Ideologie. Diese, so Friedman, «braune Erde» habe man auf dem «Grünen Hügel» lange Zeit überdecken wollen.
«Neubayreuth» oder «neues Bayreuth»
Die Wagner-Enkel Wolfgang und Wieland Wagner wussten um diese Vergangenheit. Sie hatten sie selbst erlebt. Doch baten sie nach dem Krieg darum, «von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel» abzusehen. Eine Mentalität des Wegschauens.
Der Begriff «Neubayreuth», den Wolfgang Wagner für diesen angeblichen Neustart benutzte, stammt aus dem Jahr 1942. Das wies der Musikwissenschaftler Anno Mungen nach. Er ist also politisch belastet. Besser von einem «neuen Bayreuth» sprechen, so wie dies Friedman tut.
Sich der Vergangenheit stellen
Dieses «neue Bayreuth» müsse sich seiner Vergangenheit stellen. Gerade in einem Umfeld von zunehmendem Antisemitismus, von rechts wie von links. In einem Land, wo mit der AfD eine, so Friedman, «antidemokratische Partei wieder zur stärksten Partei werden konnte».
Es gehe darum, «Nein zu sagen» zu Rassismus, Chauvinismus und einer Verharmlosung der Geschichte, sagte auch Katharina Wagner. Als künstlerische Ansage in diese Richtung ist die erstmalige Produktion von Wagners Oper «Rienzi» in Bayreuth zu verstehen.
Aufstieg und Fall dieses römischen «Volkstribuns» lassen sich in die heutige Zeit versetzen. So haben das die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka getan. Sie zeigten, wie das Stimmvolk mit Fake News getäuscht wird.
Wagner begehrt auf
Hitlers angebliche Lieblingsoper «Rienzi» in dieser politisierenden Lesart zu zeigen, ist ein kluger Entscheid. Auch weil, nach dem Willen Richard Wagners, «Rienzi» in Bayreuth nicht gespielt werden sollte.
Katharina Wagner begehrt also auf. Nicht erst jetzt. Schon 2017 mit dem Engagement von Regisseur Barrie Kosky und seinen provokativ-kritisch inszenierten «Meistersingern». Oder mit der Reihe «Diskurs Bayreuth».
Sich der eigenen Geschichte stellen, positive Impulse ausstrahlen – diesen Weg weiterzugehen, ist wichtig. Gerade für Bayreuth. Gerade in Deutschland, in einer Welt, gefährdet durch politischen Extremismus. Der Start mit diesem «neuen Bayreuth» ist da ein wichtiges Zeichen.