Das war 2016 Die musikalischen «Magic Moments» 2016

Die Musikredaktion von SRF 2 Kultur erzählt von ihren musikalischen «Magic Moments», die ihr das Jahr 2016 beschert hat.

Rock'n'Roll aus Kamboscha

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Bildlegende: Rock'n'Roll in Kambodscha: Der Dokumentarfilm «Don't Think I've Forgotten» zeigt ein vergessenes Stück Musikgeschichte. Argot Pictures

Es war der 16. Januar 2016 und ich sass tief in einem roten Sessel im Kino der Berner Reitschule – fasziniert und fassungslos zugleich. «Don’t Think I’ve Forgotten» flimmerte über die Leinwand, ein Dokumentarfilm über eine Musik und deren Geschichte, von der ich bisher noch nie etwas gehört habe: Rock’n’Roll im Kambodscha der späten 1960er und frühen 1970er-Jahre.

Die Roten Khmer löschten 1975 im Genozid auch eine ganze Generation von Musikerinnen und Musikern aus – weil sie zu viel Einfluss auf die Gesellschaft hatten.

Das Thema liess mich nicht mehr los und ich begann zu recherchieren, begann zu lesen und zu hören, was in dieser kambodschanischen Ära passiert ist, was es bedeutet für ein Land, wenn eine ganze Generation von Künstlern einfach plötzlich weg ist.

Aber so aus der Ferne diese Kultur zu betrachten, das reicht mir bei diesem Thema und bei diesen Klängen einfach nicht. Eine Radiosendung über das Thema und 12 Monate später ist es endlich soweit. Ich reise selbst nach Kambodscha. (Mariel Kreis)

Kambodschas vergessene Ära: Rock’n’Roll in Phnom Phen

Universal-Musikerin trifft Originalklang-Pionier

Die Violinistin Chouchane Siranossian blickt in die Kamera Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Violinistin Chouchane Siranossian vereint barocke und moderne Musik mit Leichtigkeit. Tashko Tasheff & Ralf Bauer

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Das war 2016

Redaktorinnen und Redaktoren von SRF Kultur schauen auf die Highlights des Jahres 2016 zurück:

Chouchane Siranossian ist eine der neuen Universal-Musikerinnen, die sich nicht aufs Entweder-Oder spezialisiert hat und sich mit Leichtigkeit im barocken wie im modernen Repertoire bewegt.

Zusammen mit dem Originalklang-Pionier und Cembalisten Jos van Immerseel nimmt sie uns auf einen spannenden Rundgang durch die Musik des Hochbarock mit.

Mit ihrer musikalischen Gestaltungskraft, die weit jenseits der technischen Meisterschaft beginnt, kann sie schweben und zupacken, mal waghalsig, mal verspielt. Historisch wohl begründet und total vital. Eine phänomenale Aufnahme. (Florian Hauser)

Teufelstriller mit Chouchane Siranossian und Jos van Immerseel

Skelettiertes «Hänsel und Gretel»

Hänsel und die böse Hexe, schwarz-weiss Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Komponistin Helga Pogatschar schrieb Humperdincks Märchenoper «Hänsel und Gretel» ordentlich um. SRF/Karin Dickel-Jonasch

Engelbert Humperdincks Märchenoper «Hänsel und Gretel» finde ich ja eigentlich eher etwas unappetitlich: ein schwülstiges, dickes Scheusal, überzogen mit dem Pathos der Spätromantik, geschrieben für Kinder, die eigentlich keine sein dürfen.

Und sie ist irgendwie auch etwas verlogen in ihrer Mischung von Kinderliedern, heiler Welt, Gewalt und muffigem Familienalltag. Kommen noch die vielen Leitmotive dazu, die symphonischen Ansprüche, die durchkomponierte Art – kurz: nein danke, lieber nicht!

Kommt jetzt die Komponistin Helga Pogatschar und schreibt daraus eine frische, heitere und kinder- sowie erwachsenenfreundliche Fassung. Dabei schickt sie erst einmal das Sinfonieorchester heim, dann holzt sie das humperdincksche Gestrüpp gründlich aus und beschränkt sich aufs Nötigste.

Was davon übrig bleibt, orchestriert sie für Volksmusikinstrumente, für Hackbrett, Blockflöte, Harmonium, Celesta, Akkordeon, Klarinette und sogar für eine E-Gitarre. Sie sagt: «Dieser Klang passt doch viel besser zu diesem armen, ländlichen Milieu.»

Ihr skelettiertes Hänsel und Gretel hat alles, was es braucht: Spuk und Zauber, Grusel und Schrecken, Spannung und Heiterkeit. (Gabriela Kaegi)

Märchenhaft! Engelbert Humperdinck: Hänsel und Gretel

Opernhaus Zürich: Giuseppe Verdi – Macbeth

Lady Macbeth spricht mit einer Krähe, die neben ihr auf einer Stuhllehne sitzt Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Tatjana Serjan als irre Lady Macbeth, die mit einer Krähe spricht. Monika Rittershaus

Eine Vorstellung, nach der ich erst mal sprachlos durch die Gänge schleiche, um an der Garderobe stumm meine Nummer für Schal und Mantel hinzulegen. Schon der Beginn war irritierend, verstörend. Die Hexen als nackte, geisterhafte, entsetzlich traurige Hermaphroditen, und Macbeth in einem wirren, bösen Traum.

Dann das Paar, in ihrem gemeinsamen Wahn gefangen, auf einer rabenschwarzen Bühne, in einem Schwarm von Rabenkrähen. Deren verstreute Federn - symbolisieren sie das Blut, das die beiden auf ihrem Weg zur unumschränkten Macht vergiessen? Ein Weg, der in den Wahnsinn führt.

Die Inszenierung von Barrie Kosky zieht mich unwiderstehlich hinein in diesen Abgrund der Seelen. Markus Brück und Tatjana Serjan singen ihre Rollen nicht, sie spielen, sie leben sie, gehen stimmlich an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, von Flüstern bis fast zu Schrei.

So dass ich selber schliesslich ein williges Opfer der Täuschung werde: Minutenlang verfolge ich im letzten Akt, wie sich die irre Lady Macbeth mit einer Krähe unterhält. Fliegt der Vogel auf der Stuhllehne denn nicht weg? - Nein. Es ist bloss Bühnentechnik. Aber die Sängerin hat sie zum Leben erweckt. (Andreas Müller-Crepon)

Seelendrama schlägt Schauermärchen: «Macbeth» in Basel und Zürich