Wien liegt in Trümmern. Der Zweite Weltkrieg hat der einstigen Hauptstadt der Welt arg zugesetzt. Die Donaumetropole wird von den vier alliierten Mächten kontrolliert und die Stadt hungert. Praktisch jeder Wiener treibt sich auf dem Schwarzmarkt herum.
In dieses trostlose Wien kommt Holly Martins, ein amerikanischer Autor von Groschenromanen. Er ist abgebrannt, sein alter Freund Harry Lime hat ihn nach Wien gelockt.
Jagd auf ein Phantom
Doch Harry Lime ist tot – überfahren vor seiner eigenen Wohnung. Lime, der sein Geld mit gepantschtem Penicillin verdient, ist aber nicht tot. Nachts sieht Holly Martins in einem Türbogen eine dunkle Gestalt: Es ist Harry Lime.
Für den österreichischen Filmjournalisten Bert Rebhandl ist das eine der schönsten Szenen des Films von Carol Reed. «Ein Filmkritiker hat diesen Moment, in dem das Licht ganz plötzlich auf Orson Welles fällt und sich sein Gesicht aus dem Dunkel abhebt, mal mit der Mona Lisa verglichen.»
Brennpunkt Wien
Bert Rebhandl hat sich den Film unzählige Male angeschaut und dabei immer wieder neue Details und Anspielungen entdeckt, die weit über den Film hinausreichen.
Vordergründig ist «Der dritte Mann» ein Thriller mit dem dämonischen Orson Welles in der Hauptrolle. In scheinbaren Nebenrollen erleben wir aber auch das Flüchtlingsdrama, die politischen Wirren und das privilegierte neue Österreich, auferstanden aus Ruinen.
«Ein Land, das drei, vier Jahre davor im Grunde noch Nazi-Verbrecher-Land war, aber schon so tun konnte, als wäre es das nicht mehr» – das sei, so Rebhandl, in dem Film auf eine interessante Weise präsent.
Fluchtpunkt Kloake
Bis heute ist die Kanalisation von Wien untrennbar mit der Jagd auf Harry Lime verknüpft. Durch in die Litfasssäulen eingelassene Türen gelangte man über eine Eisentreppe in den übelriechenden Untergrund, der ganz Wien durchzieht.
In der rauschenden Kloake tummelten sich schon vor Harry Lime Nachtgestalten und Verfolgte der Wiener Gesellschaft. Ein nicht nur für Touristen faszinierender Ort, meint Bert Rebhandl, der an die politischen Unruhen von 1934 erinnert, als Österreich am Rande eines Bürgerkrieges stand.
«Die Kanalisation ist nicht nur der Rückzugsort für Verbrecher und für korrupte Leute, die den Leuten alles Lebensnotwendige gewissermassen abgraben», sagt Rebhandl, «sondern auch für die Leute, die versucht haben, ein progressives, kommunistisches Österreich zu errichten.»
Filmischer Geniestreich
Bis heute begeistern die Schattenspiele des «Dritten Mannes». Ein zeitloser Film voller politischer Anspielungen, ein filmischer Geniestreich und natürlich auch: eine wunderbar tragische Liebesgeschichte vor der Ruinen-Kulisse Wiens, die in Rebhandls Film-Hommage noch einmal aufblüht.