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«Skazka»: technisch innovativ, aber anstrengend
Aus Kultur-Aktualität vom 08.08.2022.
abspielen. Laufzeit 5 Minuten.
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75. Filmfestival Locarno «Skazka»: Treffen sich Hitler, Stalin und Churchill in der Hölle

Ein böser Traum wird wahr: Der russische Altmeister Aleksander Sokurov erweckt alte Bekannte zum Leben. Handwerklich eindrucksvoll, inhaltlich eigenartig.

Was seine Machart angeht, ist Alexander Sokurovs neuer Film «SKAZKA» («Fairytale») ziemlich ansprechend: Es ist ein animiertes Kompositum aus hunderten von Dokumentarfilmaufnahmen von Stalin, Hitler, Mussolini, Churchill und etlichen mehr. Die ehemaligen Herrschenden tummeln sich darin in einer schwarzweissen Vorhöllenlandschaft, die ihrerseits von Gustave Dorés Dante-Illustrationen inspiriert ist.

Zu Beginn wacht der tote Stalin neben dem toten Jesus auf und beide beklagen sich ein wenig. Nur schon die Frage, was ausgerechnet Jesus in der Vorhölle verloren hat, treibt Stalin um. Er macht sich lustig über Gottes Sohn.

Bald tauchen Hitler und Churchill auf. Es werden zunehmend mehr Personen, die unaufhaltsam über sich gegenseitig reden. Überhaupt reden alle dauernd, nur hört keiner keinem wirklich zu. Was die Figuren möchten und warum sie da sind, interessiert auch niemanden.

Der Teufel steckt im Detail

Neben der technisch schön gemachten Animation und den zum Teil abstrusen Sätzen, die den diktatorischen Widersachern da in den Mund gelegt werden, fallen zahlreiche Details ins Auge.

Alexander Sokurov am Fimfestival in Locarno.
Legende: Alexander Sokurov war schon mehrmals beim Filmfestival in Locarno zu Gast – auch dieses Jahr. 2006 wurde ihm am Lago Maggiore der Ehrenleopard verliehen. IMAGO/Independent Photo Agency Int.

Etwa eine Toilette an einer Felswand, zu der die Leitungen dreier sehr hochgelegener Spülkästen führen. Später, als Hitler auf dem Topf sitzt, wird klar, warum. Leider sind die komischen Details dünn gesät. Angesichts der versammelten Niedertracht und Völkermordverschuldung vielleicht angemessen dünn.

Diktatoren mit vielen Gesichtern

Aber darin steckt auch ein zentrales Problem dieser 78 Minuten: Die multiplen Gegenspieler haben überraschend viele Gesichter, da die Dokumentarfilmaufnahmen von ihnen aus ganz verschiedenen Epochen stammen. 

Illustration einer brüchigen Brücke, die zu einem grossen Eingang in der Felswand führt.
Legende: Die Szenerie in «Skazka» erinnert an Dantes Beschreibungen der Hölle. © Intonations

Hitler ist mal verhärmt und verkrümmt, dann wieder voll im Saft. Churchill steht als junger Wüstenkommandant neben seinem alten Prime-Minister-Ich. Selbst Mussolini wirkt nicht immer furchteinflössend, sondern manchmal auch menschlich. Etwa, wenn er auf die Leiche seiner selbst und seiner Frau blickt und das kommentiert.

Das «Volk» dagegen, das vor allem Hitler und Stalin immer wieder ansprechen, bleibt eine anonyme, fliessende Masse. Allenfalls redet einmal ein halbverwester Soldat aus dem Schlamm des Schützengrabens drohend herauf – ohne je ein Gesicht oder eine Persönlichkeit zu bekommen.

Menschen stehen im Nebel um eine Windmühle herum.
Legende: Sokurovs Inszenierung seines Films aus Animationen und historischen Aufnahmen wirkt bedrückend und düster. © Intonations

Eine eigenartige Hölle 

Die Handlung ist stark interpretationsfähig: ein eigener Höllenkreis für diese Klientel? Vielleicht gar keine abwegige Idee. Und wenn dann Churchill gar vor die Himmelspforte gelangt und eingelassen wird, stellen sich weitere Fragen. Das ist ganz anregend.

Am Ende bleibt das Gefühl, einem altmodischen Karussell zugeschaut zu haben, wie es sich dreht und dreht und nirgendwo hinführt. Bis man dankbar merkt, dass der Film zu Ende ist und man aus der eigenartigen Hölle aussteigen darf.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 08.08.2022, 17:10 Uhr

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