«Acorda Brasil»: Mit Geigen gegen Ghetto-Gewalt

Den Eintritt ins Spitzenorchester hat er vermasselt. Darum unterrichtet ein Geiger eine Schulklasse in einem Armenviertel von São Paulo. «Acorda Brasil – The Violin Teacher» ist ein gelungenes Feel-Good-Movie – mit einem charismatischen Hauptdarsteller.

Zwei jugendliche Brasilianer spielen lachend Geige. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Geige statt Ghetto: «Acorda Brasil» ist eine Hommage an die heilende Kraft von Musik. Xenix Film

Nennen wir das Genre einfach den «Lehrerfilm»: 1955 disziplinierte und motivierte Glenn Ford in «Blackboard Jungle» erstmals eine Schulklasse mit rebellischen Rockern, Michelle Pfeiffer tat Vergleichbares in «Dangerous Minds» (1995) und Hilary Swank war 2007 in «Freedom Writers» an der Reihe.

Der frischgebackene Lehrer Laerte (Lázaro Ramos) spielt in einem leeren Konzertsaal Geige. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der frischgebackene Lehrer Laerte (Lázaro Ramos) kennt das Konservatorium besser als die Favelas. Xenix Film

In diese Tradition reiht sich nun auch der brasilianische Spielfilm «Acorda Brasil – The Violin Teacher» ein – wenn auch nicht völlig nahtlos.

Der Lehrer heisst diesmal Laerte (Lázaro Ramos), und er ist im Grunde kein Ausbilder, sondern Berufsviolinist. Eigentlich würde er viel lieber in einem renommierten Orchester spielen, doch er hat soeben die Aufnahmeprüfung vermasselt. Nicht aus mangelndem Talent allerdings, sondern aus Nervosität.

Eine Geige kann's nicht richten

Als er nun seinen neuen Job in den Favelas antritt, wissen wir bereits: Trotz seiner imposanten Erscheinung ist der Mann weder unendlich belastbar, noch ist er ein Musterpädagoge. Er ist ein impulsiver Mensch mit Schattenseiten, der durch seine jungen Schüler mit reichlich Kleinkriminalität konfrontiert wird: Drogen, gestohlene Kreditkarten, Handfeuerwaffen. Damit ist für Spannung gesorgt, denn das wird eine Geige allein nicht richten können.

Trailer «Acorda Brasil»

2:03 min, vom 29.7.2016

Dennoch: Musik wird in «Acorda Brasil» vorbehaltlos dargestellt als eine Schule fürs Leben, die verbindet, die emotional stärkt, und die alle Beteiligten befeuert, ihnen aber auch viel harte Arbeit abverlangt.

Die Betonung liegt dabei auf «alle Beteiligten»: Auch Laerte macht während der Ausübung seines Amts einen erheblichen Lernprozess durch.

Altbewährtes, gekonnt aufgefrischt

Formal betritt «Acorda Brasil – The Violin Teacher» zwar kaum Neuland, aber dennoch handelt es sich um einen mitreissenden Film. Gerade weil die Macher die Grundregeln des Feel-Good-Movies und die Codes des eingangs erwähnten «Lehrerfilms» genaustens kennen, gelingt ihnen ein dramatischer und teils witziger Film: Einer, der die bekannten Schemen dort übernimmt, wo sie dem Publikum den notwendigen Halt geben, und der dort von ihnen abweicht, wo sich mit einem Normbruch eine maximale Wirkung erzielen lässt.

Im Kino: «Acorda Brasil»

3:41 min, aus Kultur kompakt vom 28.07.2016

Vor allem aber haben der Regisseur Sérgio Machado und sein Team die drei wichtigsten Komponenten zusammengetragen, die ein solches Projekt ausmachen: Einen charismatischen, glaubwürdigen Hauptdarsteller mit dem Talent zur Nuance – Làzaro Ramos ist schlicht gewaltig. Eine überzeugende Darstellung der mittellosen Jugendlichen, deren hitziges Gemüt oft gefährlich zwischen Übermut und Frustration schwankt. Und schliesslich – weil hier ja die heilende Kraft von Musik illustriert werden soll – ein grandioser Soundtrack zwischen heissen Tropical Beats und klassischen Melodien, vom allseits bewährten Pachelbel bis zum Donauwalzer.

Kinostart: 28. Juli 2016

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