Alexander J. Seiler erhält den Schweizer Ehren-Filmpreis

Am 21. März werden im Zürcher Schiffbau die Schweizer Filmpreise 2014 vergeben. Der diesjährige Ehrenpreis für das Gesamtwerk geht an den 86-jährigen Filmemacher Alexander J. Seiler. Als Dokfilmer und Publizist war und ist er ein politischer Kopf mit klarer Haltung.

Porträt eines älteren Mannes mit Brille und weissen Haaren. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Er regte sich auf, wenn immer es nötig war: Sein Schaffen als Dokumentarfilmer verstand Alexander J. Seiler politisch. Keystone

Mit Dokumentarfilmen wie «Siamo Italiani» von 1964, mit kulturpolitischen Initiativen und mit unzähligen Aufsätzen und Publikationen hat sich Alexander Seiler unermüdlich eingemischt in die «eigenen Angelegenheiten» der Schweiz.

In den 60er-Jahren wurde in ganz Europa das Kino erneuert, in jedem Land begannen junge Filmemacher das Illusionskino der 50er-Jahre auszumisten und mit dokumentarischen Ansätzen neue, durchaus politisch verstandene Ansprüche zu etablieren. Das war keine koordinierte Bewegung, das waren eher spontane Eruptionen, überall aus ähnlichen Bedürfnissen geboren.

Ehrenpreis: Alexander J. Seiler

13 min, vom 21.3.2014

Dokfilm über italienische «Gastarbeiter»

Alexander Seiler war einer dieser neuen Filmemacher. Er war 36 Jahre alt, als er 1964 mit dem Dokumentarfilm «Siamo italiani» ein heisses Eisen der Schweizer Politik aufgriff, an dem auch andere in jener Zeit herumschmiedeten: Die italienischen «Gastarbeiter», wie man sie damals nannte, jene Menschen, die gekommen waren, anstelle der Arbeitskräfte, die man gerufen hatte, wie es Max Frisch formulierte.

Alexander Seiler filmte sie als Menschen und liess sie erzählen, sein Film brachte tausende von Menschen dazu hinzuhören und sich aufzuregen. Diese Aufregung über ungehörige Zustände, sie war immer einer der Motoren von Alexander Seiler. In seiner Kolumne in der Wochenzeitung hat sich der damals 79-Jährige vor sieben Jahren noch über die Gelassenheit aufgeregt, welche vor allem die Schweizer Medien seiner Meinung nach den Ungerechtigkeiten des Alltags entgegenbrachten.

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Sendungen zum Filmpreis

«glanz& gloria» berichtet am Sonntag, 23. 3., 18:50 Uhr auf SRF 1 in einer Schwerpunktsendung über den Filmpreis. SRF zwei zeigt drei mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnete Filme: «Stationspiraten» (Freitag, 21.3., 20 Uhr), «La nuit de l'ours» (Freitag, 21.3., 21:40 Uhr) und «Sister» (Sonntag, 23.3., 21:55 Uhr).

Man könnte also sagen, entgegen der landläufigen Vorstellung war es nicht die Gelassenheit, welche Alexander Seiler zu seinem schönen Alter von 85 Jahren verhalf, sondern die Fähigkeit, sich wenn immer nötig aufzuregen.

Seiler war getrieben von Neugier

Zu seinem 80. Geburtstag erschien 2008 ein Buch von Alexander Seiler. Unter dem Titel «Daneben geschrieben» versammelte es Texte aus 50 Jahren, skizzierte die Konturen einer sehr persönlichen, kultur- und sozialpolitischen Chronik der Schweiz. Die Textsammlung zeigte unter anderem, wo sich Seiler seine permanent systemkritische Haltung geholt hatte: Unter anderem bei US-amerikanischen Avantgarde-Künstlern, Autoren, die in der McCarthy-Zeit erlebt hatten, wie staatliche Kontrolle ausser Kontrolle geraten kann. Seiler hat schon in jungen Jahren international gedacht und «genetzwerkt», getrieben von Neugier und aufgeschlossen für Erfahrungen und Gedanken.

Mehr als nur ein «Motzer»

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DVD-Hinweis

Alexander J. Seilers wichtigste Filme sind auf 8 DVDs erschienen, produziert von Dschoint Ventschr und herausgegeben unter dem Label Pelican Films.

Nein, auch wenn er in der Schweiz oft als politischer Kopf und als «Motzer» mit klarer Haltung in Erscheinung getreten ist: Die reine Empörung war nie die wichtigste Triebkraft im Leben von Alexander J. Seiler. Seine Filme, seine Aufsätze und nicht zuletzt «Xandi» Seilers grosses Netzwerk an Freundinnen und Freunden, zeugen davon, dass vor allem seine Begeisterungsfähigkeit sein wirklicher Motor war und ist.

Mit dem Schweizer Ehrenfilmpreis 2014 ist es nun an der offiziellen Schweiz und an der «Filmbranche» (deren jüngerer Generation Seiler in den letzten Jahren doch ein wenig fremd geworden ist), sich ihrerseits noch einmal zu begeistern für das Werk und die Haltung eines Menschen, der das eine nie vom anderen getrennt wissen wollte.

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