«Am Hang» – der Versuch, aus einem Dialog einen Film zu drehen

Markus Imbodens Verfilmung von Markus Werners Besteller «Am Hang» bringt trotz schauspielerischer Glanzleistung die sprachlichen Feinheiten der Vorlage nur fragmentiert auf die Leinwand. Das Ergebnis ist ein Rührstück, das mit dem trockenen Humor des Autors nur noch wenig gemein hat.

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Trailer zum Film «Am Hang»

1:45 min, vom 5.10.2013

Thomas (Max Simonischeck) ist Mitte 30, Felix (Henry Hübchen) um die 60. Thomas ist ein auf Scheidungsrecht spezialisierter Jurist, Felix spielt beruflich Cello. Thomas glaubt nicht an die beständige Liebe, geschweige denn an die Ehe. Felix hat beides erlebt, ist aber kläglich gescheitert dabei. Die beiden fremden Männer treffen sich zufällig auf einer Restaurantterrasse im Tessin, bechern gemeinsam karaffenweise Wein und beginnen ein Gespräch über die Liebe, das sich über mehrere Tage hinziehen wird.

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0:23 min, vom 5.10.2013

Die Ironie des Schicksals will es, dass sich die Erzählungen der beiden Protagonisten um ein- und dieselbe Frau (Martina Gedeck) drehen. Felix war ihr Ehemann, Thomas ihr Liebhaber. Felix merkt rasch, von wem die Rede ist, Thomas hingegen ahnt vorerst nichts. Auch die Leser des 2004 erschienenen Romans von Markus Werner waren damals uneingeweiht, denn der Autor gab sein Geheimnis erst im letzten Drittel des Buches preis. Im Film hingegen trifft man Martina Gedeck schon früh in allen Rückblenden an, und der Fall ist klar.

Freie Umsetzung

Die Vorwegnahme des Twists ist nicht das einzige Schlüsselement des Buchs, mit dem Markus Imboden und die beiden Drehbuchautoren Klaus Richter und Martin Gypkens freizügig umgegangen sind: Der Anfang und der Schluss der Erzählung wurden massgeblich umgeschrieben und an vielen Stellen wurden Aktions- und Emotionsmomente eingebaut. Diese Bemühungen, die Dialog-lastige Vorlage für die Leinwand mit mehr Handlung anzureichern, sind unübersehbar – aber sie haften leider nur schlecht am Endergebnis.

Denn ausgerechnet die Handlung ist nicht die Stärke von Werners Roman: Sie basiert auf einem unwahrscheinlichen Zufall und besteht aus einem viel zu perfekt ausformulierten Gespräch, als dass es von zwei betrunkenen Männern aus Fleisch und Blut spontan in einem Restaurant auf diese Weise glaubhaft geführt werden könnte. Die Szenerie war für Werner eigentlich nur ein Vorwand, um zwei divergierende männliche Sichtweisen auf Liebe, Partnerschaft und Sex verbal aufeinander loszulassen. Was ihm mit viel Ironie und Hintersinn auch gelungen ist.

Zu viel Drama

Mann und Frau. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Ehefrau des einen, die Geliebte des anderen: Valérie, gespielt von Martina Gedeck. filmcoopi

Im Film ist von dieser Leichtigkeit und Doppelbödigkeit kaum noch etwas zu spüren. Immerhin zünden einige Regieeinfälle – etwa wenn der baumlange Thomas in seinem Tessiner Chalet ständig den Schädel vor der Zimmerdecke einziehen muss, als sei ihm als deklarierter Widersacher des Ehestandes tatsächlich das Dach über dem Kopf zuwider.

Generell aber haben die Drehbuchautoren dem O-Ton der literarischen Vorlage einfach zu wenig vertraut und unnötige dramatische Elemente eingeflochten. Das Ergebnis verkommt zu einem Rührstück, das mit dem trockenen Humor des Autors nur noch wenig gemein hat.

Dass es auch anders gegangen wäre, beweisen derweil die Schauspieler: Hübchen und Simonischek blühen regelrecht auf in den Szenen, in denen sie sich an Werners genauen Wortlaut halten dürfen.