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Legende: Ein bisschen Rotlicht im Frauenkloster: «Benedetta» – der erste gössere Aufreger am 74. Filmfestival Cannes. Guy Ferrandis / SBS Productions
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«Benedetta» in Cannes Sex, Wundmale und Machtspiele im Frauenkloster

Eine lesbische Nonne bewirkt Wunder und Skandale: Der 83-jährige «Basic Instinct»-Regisseur Paul Verhoeven mischt Cannes einmal mehr mit seinen Lieblingsthemen auf.

Lesbische Nonnen! Sex, Brüste und Folterkeller! Man könnte meinen, der «Nunsploitation»-Film der 1970er-Jahre sei wieder da. Und das im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes?

Der Holländer Paul Verhoeven hat immer gerne provoziert, mit seinen frühen europäischen Filmen genauso wie mit seinen satirischen  US-Produktionen wie «Robocop» oder «Starship Troopers».

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Standup-Comedian verliebt sich in Operndiva: Der Eröffnungsfilm «Annette» des Filmfestivals von Cannes trägt dick auf.
Aus Tagesschau vom 06.07.2021.
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Der Fund im Archiv

Auf Frankreichs schöne Virginie Efira als lesbische Schwester Oberin hat wohl auch sein letzter Cannes-Schocker vor fünf Jahren vorbereitet. Das war «Elle» mit Isabelle Huppert als vergewaltigter Business-Frau, die mit ihrem Vergewaltiger zu spielen beginnt.

Die Geschichte, die Verhoeven dieses Mal aufrollt, hat ein 30 Jahre altes Buch von Judith C. Brown aus italienischen Archiven ans Tageslicht gebracht.

Es ist die Geschichte der Benedetta Carlini, die im toskanischen Kloster von Pescia im 17. Jahrhundert als lesbische Äbtissin mit den Wundmalen Christi und anderen Wundern dem männlich dominierten Klerus die Stirn geboten hat.

Legende: Er kann's nicht lassen: Regie-Altmeister Paul Verhoeven auf dem Set von «Benedetta». Guy Ferrandis / SBS Productions

Sturz vom Klosterdach

Verhoeven bietet im Hintergrund einerseits alles auf, was die Kinogeschichte an einschlägigen Filmen zu bieten hat. Die französische Obsession mit Jeanne d’Arc und den kirchlichen Prozessen gegen die Kindfrau, die vielen ernsthaften Nonnen- und Klosterfilme wie «La religieuse» von Guillaume Nicloux oder «The Nun’s Story» mit Audrey Hepburn von 1959.

Aber auch Bilder welche direkt aus dem «Gothic Horror» der britischen Hammer-Filme stammen können, etwa wenn sich eine der Nonnen dramatisch vor blutrotem Abendhimmel vom Dach er Klosterkirche in die Tiefe stürzt.

Legende: Was läuft mit der Statue? «Benedetta» -auch ein lustvolles Spiel mit den Genre-Versatzstücken. Guy Ferrandis / SBS Productions

Maria und der Missbrauch

Und dazu kommt der Lesben-Sex zwischen Schwester Benedetta (Efira) und der Novizin Bartolomea (Daphné Patakia), den Verhoeven nach allen Regeln der Kunst langsam steigert bis hin zum einschlägigen Missbrauch einer kleinen hölzernen Marienstatue.

Dabei spielt der Film zwar lustvoll und ironisch mit den Genre-Versatzstücken. Aber Verhoeven lässt keinen Zweifel daran, dass ihn die soziale Dynamik, das Machtgefälle zwischen den Frauen und den männlichen Kirchenvertretern, das politische und taktische Geschick der Klosterfrauen viel mehr interessiert. Und die Möglichkeiten, die sich durch geschickt demonstrierten Glauben an die Wunderlehren der Kirche ergeben.

Legende: Eine gegen alle? «Benedetta» erzählt vom taktischen Geschick der Klosterfrauen. Guy Ferrandis / SBS Productions

Verspielter Ernst

Charlotte Rampling als Äbtissin Felicita steht, ziemlich grossartig, für diese Abgeklärtheit im Machtgefüge, als geschickte Verhandlerin um Klostergaben der Reichen, aber auch mit doppelbödigen Sprüchen wie dem Hinweis, dass noch kein echter Heiliger seine Wundmale im Schlaf bekommen habe, weil «im Bett noch nie ein Wunder geschehen ist».

«Benedetta» ist saftiges, spielerisches und zugleich sehr ernsthaftes Kino, das mit reisserischen Mitteln augenzwinkernd zu grundlegenden Erkenntnissen über Macht und Glaube gelangt.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 9.7.2021, 7:06 Uhr

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1 Kommentar

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  • Kommentar von Hanspeter Zaugg  (rägetag)
    Paul Verhoevens Filme sind bestenfalls aufgeplusterte Sex and Crime Storys mit viel Blut Tod und anderen unzulänglichkeiten des menschlichen dasseins. Sex und Religion geht immer ob der Film unterhaltend oder gut ist, bleibt eine andere Frage.