Filmfest Basel Bill Viola versetzt Religiöse und Atheisten in einen Bildrausch

Hypnotisch. Meditativ. Tiefschürfend. Die Installationen von Videokünstler Bill Viola erschüttern einen bis ins Mark. Das Special des Basler Filmfestivals Bildrausch transportiert sein pulsierendes Werk nun in die Kinosäle.

Hamburger Museumsbesucherin im Juni 2017 vor einer Videoinstallation von Bill Viola. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bill Violas bewegte Bilder brennen sich ins Gedächtnis ein. Keystone

Nein, man muss nicht an Gott glauben, um von Bill Violas Werken gepackt zu werden. Schliesslich setzt sich Violas Videokunst mit Themen auseinander, die wirklich jeden betreffen: Geburt, Transformation und Tod.

Kaum hat man den Blick auf eine seiner Installationen gerichtet, ist man mittendrin im Geschehen. Man brennt, taucht unter oder hängt kopfüber – meist in Zeitlupe.

Trotz grösster Dramatik wirkt alles betörend schön – fast wie ein Gemälde, dessen Figuren durchs Betrachten soeben zum Leben erweckt wurden. Wer sich Violas animierten Tableaus hingibt, macht seinen Geist frei für Grenzerfahrungen existentieller Art.

Museumsbesuche als spiritueller Akt

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Bildrausch Basel 2017

Beat Schneider und Nicole Reinhard

Die Festivalleitung: Beat Schneider und Nicole Reinhard. Bildrausch

Zwischen dem 21. und dem 25. Juni präsentiert Bildrausch zum siebten Mal Festival-Entdeckungen, die durch ihre Filmsprache international für Furore gesorgt haben.

Kein Wunder wurden seine Werke immer wieder in Kirchen ausgestellt. Im Frühling 2014 beispielsweise unter dem Titel «Passions» im Berner Münster. Besonders viel Energie steckt in den beiden Installationen, die seit einigen Jahren in der Londoner St. Pauls-Kathedrale zu bewundern sind: «Mary» und «Martyrs».

Zwölf Jahre lang hat Bill Viola mit der Realisierung der beiden religiös aufgeladenen Auftragsarbeiten gerungen. Zwölf Jahre, die der britische Regisseur Gerald Fox nun zu einem Dokumentarfilm verdichtet hat. Während der langen Entstehungszeit von «Bill Viola: The Road to St. Paul's» ist es Fox immer wieder gelungen, essentielle Momente im künstlerischen Prozess mit seiner 16mm-Kamera einzufangen.

Der Film dokumentiert aber nicht nur die Erschaffung zweier Kunstwerke. Er wächst weit über den geplanten Zweck hinaus, als Bill Viola während der Dreharbeiten schwer erkrankt. Die Doku gewinnt dadurch an Dringlichkeit und Grösse: Sie wird selbst zum Echoraum für Violas Themen Tod und Transformation.

Pionier der Videokunst

Der Kanton Basel scheint für Bill Violas Kunst ein besonders gutes Pflaster zu sein. Das Schaulager im nahen Münchenstein beherbergt seit geraumer Zeit eine wichtige Viola-Sammlung, wie Insider wissen.

Bill Viola instruiert die Maria-Darstellerin für eine seiner Installationen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Visionär bei der Arbeit: Bill Viola mit einer Darstellerin. Bildrausch

Und wer die Kunst des gebürtigen New Yorkers noch nicht kennt, kriegt durch das Filmfestival Bildrausch einen idealen Einstieg geboten. Das Oeuvre des 66-jährigen Pioniers der Videokunst erstreckt sich inzwischen über vier Dekaden.

Als Meister seines Fachs gilt Viola nicht zuletzt, weil er mit seinen Installationen oft Wundersames schafft: Die Zeit radikal zu entschleunigen, um Oasen der Achtsamkeit zu schaffen.

Jenseits dogmatischer Leitsätze

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Bill Viola am Bildrausch

Bill Viola am Bildrausch

Regisseur Gerald Fox präsentiert am Sonntag, 25. Juni seinen Dokumentarfilm «Bill Viola: The Road to St. Paul‘s». Am frühen Nachmittag zeigt das Filmfest Bill Violas Kurzfilme «The Reflecting Pool» (1977-1979) und «The Passing» (1991).

Wer will, kann darin buddhistische Prinzipien erkennen, zumal Viola fast zwei Jahre lang in Japan lebte, wo ihn Zen-Meister Daien Tanaka unterrichtete. Aber auch über christliche und sufistische Einflüsse liesse sich an dieser Stelle munter philosophieren; wenn man damit nicht das Ziel der Übung verfehlen würde.

Bill Violas kreative Auseinandersetzung mit den menschlichen Grundsatzfragen einer bestimmten Tradition zuzuordnen, wäre nämlich nicht im Sinne des weitsichtigen Bildmystikers. Schliesslich besteht der Reiz von Violas Kunst gerade im universellen, religionsübergreifenden Charakter seiner Spiritualität.

Die erhöhte Sensibilität fürs Wesentliche, die im Bildrausch auftritt, holt das Beste aus uns allen heraus. Ob man Muslim, Christ oder Atheist ist, wird da zur Nebensache.