«Blancanieves»: Drama und Leidenschaft in schwarzweiss

Der spanische Film «Blancanieves» erzählt das Märchen «Schneewittchen» hinreissend, eigenwillig, schwarzweiss - und stumm. Das fährt deshalb besonders ein, so der Regisseur Pablo Berger, weil ein Stummfilm das Publikum mit Bildern zu hypnotisieren vermag - für ihn die ultmative sinnliche Erfahrung.

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«Schneewitchen» als Torera

2:16 min, vom 25.1.2013

Kein Wunder schickte Spanien «Blancanieves» ins diesjährige Oscar-Rennen - es ist ein Märchen, wie wir es schon als Kinder liebten: voller Schönheit und Dramatik, leidenschaftlich und erschreckend. Und alles in Schwarzweiss und stumm. Der spanische Drehbuchautor und Regisseur Pablo Berger nimmt uns mit auf eine doppelte Zeitreise: er geht formal zurück in die 1920er-Jahre, die goldenen Ära des Stummfilms, und inhaltlich entführt er uns in die Welt der Stierkämpfer im Andalusien der 20er-Jahre.

«Schneewittchen» als Torera

Portrait«Schneewitchen» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Schneewitchen» wie man sie noch nie gesehen hat - als Torera in Schwarzweiss. Ganz grosses Kino. Xenix Filmdistribution

«Schneewittchen» ist die Tochter eines berühmten Stierkämpfers, der nach einem Unfall im Rollstuhl landet. Die Mutter stirbt bei Schneewittchens Geburt, die böse Stiefmutter zieht ins Haus. Sie sperrt den wehrlosen Vater weg und verdammt das kleine Mädchen zu den niedrigsten Arbeiten, während sie sich bei Domina-Spielchen mit dem Chauffeur vergnügt. Nach dem Tod des Vaters kommt Schneewittchen bei sieben Zwergen unter, die als kleine Toreros mit einer Stierkampfshow über Land tingeln.

«Schneewittchen» wird selber ein Star in der Arena, doch sie entkommt ihrem Märchenschicksal nicht… Ob ein Prinz sie am Ende wachküsst? Das wird hier nicht verraten.

Ein Traum geht in Erfüllung

Totale, Zirkusambiente in s/w Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 25 Jahre träumte Pablo Berger von einem Kinofilm in Schwarzweiss Xenix Filmdistribution

Pablo Berger sah vor 25 Jahren, als junger Mann, seinen ersten schwarzweissen Stummfilm: «Gier» von Erich von Stroheim. Er war hingerissen.

« Ein Stummfilm ist die ultimative sinnliche Erfahrung. Der Zuschauer ist wie hypnotisiert. Ich glaube auch, dass man in Schwarzweiss träumt, es ist abstrakter, poetischer, reiner und es lässt mehr Raum für die Phantasie. »

2005 begann Berger, seinen eigenen Stummfilm zu drehen: acht Jahre lang arbeitete er an «Blancanieves», drehte auf Super 16mm-Film - in Farbe, um Kosten zu sparen. Der Film verschlang schliesslich vier Millionen Euro. Diese waren nur schwer aufzutreiben. «Die Produzenten hielten mich für verrückt, einen Stummfilm zu drehen» erinnert sich Berger. Erst der Erfolg von «The Artist», der letztes Jahr fünf Oscars gewann, widerlegte das Vorurteil gegenüber schwarzweissen Stummfilmen.

«  Stummfilme können kommerziell erfolgreich sein. Man braucht einfach gute Geschichten »

Moderne Hommage an die Stummfilmzeit

Für seine gute Geschichte findet der Regisseur unvergessliche Bilder aus der Welt des Stierkampfs. Sein Spiel mit Licht und Schatten erinnert an die alten Stummfilmmeister. Zentral für seine Hommage an die goldene Ära des Films war die Besetzung: «Ich brauchte Gesichter, Augen, ikonenhafte, kraftvolle Frauen und Männer mit viel Präsenz» sagt Berger.

Die Schaupieler trugen auf dem Set speziell farbenprächtige Gewänder und sie waren überschminkt, damit die Kontraste im späteren Schwarzweiss klar sichtbar würden. «Wir arbeiteten quasi im klassischen Hollywood-Stil. Aber nicht im Sinn der Stummfilm-Darstellung. Ich wollte keine Pantomimen, keine Übertreibungen. Ich wollte näher am wirklichen Leben sein».

Märchenhafte Wiederbelebung des Stummfilms

Der Aufwand hat sich gelohnt: mit seinen hinreissend gestalteten Bildern und einem  wunderbaren Soundtrack gelingt Pablo Berger eine märchenhaft schöne Wiederbelebung des Stummfilms.

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Die märchenhafte Auferstehung des Schwarzweiss-Films

5:06 min, aus Kulturplatz vom 23.1.2013

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 23.01.2013 22:20

    Kulturplatz
    Mit Eva Wannenmacher auf dem Friedhof Sihlfeld

    23.01.2013 22:20

    Eine melancholische Poesie gehört zum Ort des Friedens, wo Menschen ihre Verstorbenen verlassen und sich an sie erinnern. «Kulturplatz» besucht den Zürcher Friedhof Sihlfeld und erzählt Geschichten vom Abschied und vom Überleben.