«Unerschütterliche Naivität»: Bettina Oberli über ihren Debütfilm

Bettina Oberli schuf mit der Komödie «Die Herbstzeitlosen» einen der erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten. In ihrem Debüt «Im Nordwind» gibt es indes nichts zu lachen. Die Regisseurin schaut im Interview auf ihren beklemmenden Erstling zurück.

Regisseurin Bettina Oberli und Schauspieler André Jung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Das Gefühl vom ersten Film hat man später nicht mehr»: Bettina Oberli mit Schauspieler André Jung beim Dreh. Columbus Film

Bettina Oberli überraschte vor vier Jahren das «Herbstszeitlosen»-Publikum: Statt einer weiteren Komödie drehte sie den dunklen Land-Thriller «Tannöd». Dass dies keine trotzige Verweigerung gegenüber dem Komödiengenre war, beweist ihr Erstling «Im Nordwind» aus dem Jahre 2004. Schon dort tauchte Oberli in tiefe menschliche Abgründe ab.

Frau Oberli, Regiedebütanten wagen sich ja zumeist an Stoffe, bei denen sie sich auskennen. Inwieweit traf das für Sie zu?

Die Geschichte von «Im Nordwind» ist nicht autobiographisch. Aber grundsätzlich ist die Familie ein gutes Themenfeld für den ersten Film, weil man die Dynamiken darin kennt.

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Der Film «Im Nordwind»

Der Film «Im Nordwind»

Columbus Film

Nach 17 Jahren wird Erwin Graf (André Jung) von seinem Arbeitgeber auf die Strasse gesetzt. Eine Schmach, die er seiner Familie nicht eingesteht. Er beginnt ein Versteckspiel, das immer tiefer einen Keil zwischen ihn, seine Frau Kathrin (Judith Hofmann) und die verschlossene Tochter (Alko Scheu) treibt. Eine beklemmende Sezierung einer Familie.

Die Hauptpersonen im Film haben alle mit grossen Ängsten und Unsicherheiten zu kämpfen. Fühlten Sie solche während der Entstehung ihres Debüts?

Für mich war es damals leichter als jetzt, einen Film zu machen. Ich ging sehr unbelastet an das Projekt heran, wollte einfach den Film drehen, unbedingt. Ich war so fixiert darauf, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass er später auch noch von Leuten gesehen wird. Schon beim zweiten Film war das anders.

Hielt sich somit auch die Enttäuschung in Grenzen, dass der Film nur 3000 Kinoeintritte verzeichnete?

Es war von Anfang an klar, dass wir den Fokus auf Festivals legten, um dort Kontakte zu knüpfen. In San Sebastián feierte der Film seine Weltpremiere. Das hat mir viel mehr bedeutet. Aufgrund dieser Festivalteilnahme ergab sich drei Jahre später auch das Angebot, «Tannöd» zu machen.

Welche grundlegenden Erfahrungen haben Sie bei der Herstellung von «Im Nordwind» gemacht?

Nach meinen Kurzfilmen, die ich während der Filmschule gemacht hatte, war ich plötzlich mit der «richtigen» Filmbranche konfrontiert. Der Druck von Geld und Zeit war neu für mich. Und natürlich war auch ein längerer Atem als bei den Kurzfilmen erforderlich.

Was braucht es für den ersten Film ausser einer Idee, Geld und guten Freunden?

Sicher einen Produzenten. Meinen lernte ich an einem Stoffentwicklungsprogramm kennen. Vor allem aber braucht es diese unerschütterliche Naivität, soviel Energie und Zeit in einen Film zu investieren, der dann nur drei Wochen im Kino zu sehen ist.

«  Ich würde den Film heute nicht weniger hart machen, aber extremere Momente einbauen – auch mehr positive. »

Beschränkte sich die Naivität lediglich auf den ersten Film, oder können Sie diese für jeden neuen wiederbeleben?

Ich glaube schon, dass man immer etwas betriebsblind werden muss. Aber das Gefühl vom ersten Film hat man später nicht mehr, wenn man den ganzen Zirkus einmal durchgemacht hat.

Gab es bestimmte Einflüsse aus der Filmwelt, die sich in «Im Nordwind» niederschlugen?

Ich habe den Film wegen des europäischen Stoffentwicklungsprogramms hauptsächlich in Deutschland und Österreich entwickelt. In Deutschland war gerade eine Komödienwelle, in der Schweiz lief «Achtung, fertig, Charlie!». In Österreich dagegen haben Leute wie Barbara Albert oder Jessica Hausner radikale Filme gemacht. Das gefiel mir, weil es eine Reflektion über die heutige Welt war und kein Eskapismus. Zur Entwicklungszeit hatten einige Ereignisse die Schweizer verunsichert, etwa der Amoklauf in Zug. Über dieses Gefühl wollte ich etwas erzählen.

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Zur Person

Bettina Oberli wurde am 6. November 1972 in Interlaken geboren. Nach dem Diplomabschluss an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich drehte sie 2004 ihr Debüt «Im Nordwind». 2006 folgte «Die Herbstzeitlosen», der fast 600‘000 Kinoeintritte verzeichnete. Oberlis neuester Film, die Komödie «Lovely Louise», startet am 5. September.

Wie finden Sie den Film heute?

Ich finde, seine Negativspirale dreht sich etwas zu gleichmässig. Ich würde ihn heute nicht weniger hart machen, aber extremere Momente einbauen, auch mehr positive. Was mir immer noch sehr gut gefällt, ist die Grundstimmung, die Kameraarbeit und die Schauspieler.

Fällt Ihnen zu diesem beklemmenden Film eine heitere Anekdote ein?

Es gibt die Szene, in der André Jung weinen muss. Wir hatten einen Take gedreht und er steigerte sich so richtig in das Ganze rein. Wir machten also einen zweiten Take, doch plötzlich kam der Produzent herein und sagte: «So, fertig!» Das machte er ein einziges Mal während des gesamten Drehs, und dann gleich im sensibelsten Moment.

Mussten Sie die Szene nochmals machen?

Nein, sie war o. k. Wir hatten eben schon Überstunden angesammelt, und er wollte den Dreh endlich abschliessen. Aber ich hätte die Szene gerne nochmals gedreht.

Wenn die Bettina Oberli von heute der Bettina Oberli von damals einen Rat geben könnte, wie würde der lauten?

Sie soll das Unbeschwerte behalten und versuchen, in jedem Film in diesen Zustand zu gelangen.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF zwei 21.07.2013 22:20

    CINEMAsuisse
    Bettina Oberli

    21.07.2013 22:20

    Bettina Oberli ist seit dem Riesenerfolg mit «Die Herbstzeitlosen» über die Schweiz hinaus bekannt. Die Tragikomödie ist aber nur ein Baustein ihres Werks, das um die Themen individuelle Freiheit und Verwirklichung in der Gemeinschaft kreist.