Neu im Kino «Dancer»: Der Bad-Boy des Balletts

Kein Film über ein Wunderkind, sondern eine Dokumentation über einen talentierten Tänzer dessen Talent zum Gefängnis wurde: Mit acht wurde Sergei Polunin zum Hoffnungsträger der Familie. Mit 19 jüngster Solotänzer des Londoner Royal Ballet. Dann brach er aus und rebellierte.

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Im Kino: «Dancer»

3:29 min, vom 8.12.2016

In der Ballettwelt ist Sergei Polunin ein Star. Sogar in Zürich scheint es viele Ballett-Fans zu geben: Der 26-jährige Ukrainer erscheint zum Interview am Sechseläutenplatz vor dem Opernhaus, um über DOK-Film «Dancer» zu reden. Da muss er kaum weniger Autogramme verteilen und für Fan-Selfies herhalten als so manch anderer Star auf dem Festival.

Junge beim Ballett Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 6 Stunden Training pro Tag. «Der Spass war vorbei» Praesens Film

Am Leistungsdruck zerbrochen

Sergei Polunin ist nicht nur ein berühmter Tänzer, sondern auch das Enfant Terrible des Balletts. Diesen Ruf bekam er, als er mit 22 auf dem Höhepunkt seiner Karriere dem Royal Ballet in London den Rücken kehrte.

Dabei schaffte er mit 19, was vor ihm kein Gleichaltriger erreicht hatte: Er wurde der jüngste Solotänzer des Royal Ballet. Doch er zerbrach physisch wie psychisch unter dem Leistungsdruck.

«Meine Leidenschaft für das Tanzen verlor ich mit 19 Jahren. Seit ich 4 Jahre alt war trainierte ich 6 Stunden pro Tag. Das war harte körperliche Arbeit. Später auf der Royal Ballet School in London musste ich sehr diszipliniert leben. Ein Fehler und ich hätte das Land verlassen müssen und meine Chance wäre vorbei. Ich lebte sehr beherrscht und arbeitete viel. Bis ich irgendwann explodierte.»

«Keiner nahm mich mehr ernst.»

Die Welt war schockiert als Polunin das Royal Ballet verliess. Man nannte ihn einen Rebellen. Wegen seiner vielen Tattoos und den Party-Exzessen bekam er den Ruf des «Bad Boy of Ballet». Dabei vergass man, dass der begnadete Tänzer in erster Linie noch ein Teenager war.

«Wenn man einen schlechten Ruf hat, dann will niemand mehr mit einem zusammenarbeiten und es ist schwer Arbeit zu finden oder das Vertrauen der Leute. Das Image machte mir nichts aus, aber die Theater wendeten sich von mir ab – und das ohne Grund. Ich habe noch nie einen Arbeitstag ausgesetzt. Ich war wie gebrandmarkt. Keiner nahm mich mehr ernst.»

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Bildlegende: Polunin tanzte sich in Russland wieder ganz nach oben. Praesens Film

Der Ruf war gerettet, die Qualen blieben

Polunin verliess England und versuchte sich in Russland einen neuen Ruf aufzubauen. Es dauerte nicht lange, bis er sich auch dort mit seinem Talent durchsetzen konnte.

Er etablierte sich als Solo-Tänzer des Stanislawski-Ballett in Moskau. Der Ruf war gerettet, doch die körperlichen Qualen und der Druck blieben.

«Mein Talent fühlte sich wie mein Gefängnis an und ich wollte ausbrechen und etwas Neues wagen. Aber alle sagten nur, wenn du kein Tänzer sein willst, was dann? Ich wollte etwas verändern. Ich wollte mich selbst sein und nicht nur als Tänzer bekannt sein.»

Inspiration für Tänzer weltweit

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Bildlegende: Sergei Polunin während den Dreharbeiten zu «Take Me to Church» in Hawaii. Praesens Film

Polunin zog sich wieder zurück. Suchte neue Wege. Zusammen mit einem seiner engsten Freunde kreiert er eine neue Performance aus Ballett und Ausdruckstanz.

2014 drehten sie damit das Tanzvideo «Take Me to Church». Der vierminütige Clip wurde ein Online-Hit und inspirierte Tänzer weltweit.

Ein Tanzschritt in die Filmwelt

Polunin tanzt heute immer noch, doch sieht er sich nicht nur als Tänzer, sondern als vielseitiger Künstler. Er will es auch als Schauspieler versuchen.

Der eindrückliche Dokumentarfilm über sein bewegtes Leben ist schon mal ein gelungener Schritt in die Filmwelt. «Dancer» begleitet den Wunderknaben während vier Jahren, zeigt private Archivaufnahmen und erzählt von Polunins strenger Kindheit in der Ukraine bis zu seinem Aufstieg zum Ballett-Star.

Kinostart: 08.12.2016