Das Auge hört mit: Die preisgekrönte Musik zu «Der Goalie bin ig»

Die Musik zu «Dr Goalie bin ig» von Peter Von Siebenthal und Richard Köchli hat den Schweizer Filmpreis für die beste Musik gewonnen. Sie besteht im Prinzip aus ein paar Gitarrenakkorden und einigen eingestreuten Songs. Es sind Klänge, die auf den Zuhörer wirken, obwohl sie fast unsichtbar sind.

Filmszene: Ernst sitzt in einer Beiz am Tisch, die Kellnerin Regula stützt sich auf den Tisch und spricht mit Ernst. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Verbindung zwischen Ernst und Regula ist auch eine musikalische, weil zwei klangliche Motive zusammenfinden. Ascot Elite Entertainment Group

Film ist Bild. Film ist Schauspielkunst. Ist Dialog, Drehbuch, Schnitt, Ausstattung. Am 21. März wurde beim Schweizer Filmpreis auch die «Beste Filmmusik» prämiert und damit eine Kategorie, die meist auf unser Unbewusstes abzielt. Filmmusik färbt die Wahrnehmung. Das Auge hört mit.

Unvergessen die Szene in Stanley Kubricks «2001: A Space Odyssey». Eben noch wirbelt ein roher Knochen durch die Luft. Ein Urahn des Menschen hat ihn in den Himmel geworfen. Ein paar hundert Generationen, aber nur einen Filmschnitt später ist dieser Knochen, dieses erste Werkzeug des Menschen in ein Raumschiff verwandelt. Es gleitet durchs All zu den Klängen von Johann Strauss' Walzer «An der schönen blauen Donau». Das Universum ein Ballsaal: willkommen in der Zivilisation.

Prominente Auftritte sind die Ausnahme

Beste Filmmusik: Peter von Siebenthal und Richard Köchli

5:00 min, vom 21.3.2014

Einen solch prominenten Auftritt hat Filmmusik indes selten. Wenn Lars von Trier seinen Film «Melancholia» (2011) in Richard Wagners «Tristan»-Vorspiel geradezu ertränkt, ist das im gegenwärtigen Filmschaffen eher die Ausnahme. Dieser Regel folgt auch die Musik zu Sabine Boss' Film «Dr Goalie bin ig» nach dem Roman von Pedro Lenz. Für den Schweizer Filmpreis wurde der Film in sieben Kategorien nominiert. Rekord. Auch in der Kategorie Filmmusik, die deren Schöpfer nun gewonnen haben: Peter Von Siebenthal und Richard Köchli.

Im Prinzip müsste man auch die Musiker von Züri West, jener Band, in der Peter von Siebenthal 16 Jahre lang Gitarre spielte, zu den Gewinnern zählen. Denn sie lieferten den Titelsong, der allerdings erst im Abspann zu hören ist. Womit Kuno Laueners Band eher für mediale Aufmerksamkeit sorgte, als für die musikalische Einfärbung während der Projektion des Films. Dennoch kann man sagen, fasst ihr Song den Charakter des so weichherzigen wie hartschaligen «Goalie» Ernst (Marcus Signer) gut zusammen.

Der Goalie, ein einsamer Cowboy

Ernst, wie der «Goalie» eigentlich heisst, der Rückkehrer aus dem Gefängnis. Der gebrandmarkte Aussenseiter. Der milde Macho, der es schliesslich schafft, mit der Kellnerin Regula ein paar Wochen am spanischen Meer zu verbringen. In einem Paradies auf tönernen Füssen, denn das Haus, in dem die beiden wohnen ist gekauft vom Geld aus einem schmutzigen Deal. Eben jenem Deal, für den Ernst Ablenkungsmanöver war. Opfer seiner eigenen Freunde, die er selbst nie und nimmer verraten hätte.

Ein sanfter Held. So schildert ihn uns die Geschichte. Und so malt ihn auch die Musik. Eine einsame Bluesgitarre begleitet diesen «lonesome Cowboy» bei seiner Rückkehr in eine Berner Kleinstadt. Egal, ob wir in deren Gegenwart der tristen 80er-Jahre sind, oder ob Ernst sich in Erinnerungen an seine Kindheit ergibt: Sein Motiv, erst ein paar Melodietöne, später akkordisch grundiert und ausgebaut, begleitet ihn wie das treue Pferd den Westernhelden.

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Zu den Personen

Der Gitarrist Peter von Siebenthal war Gründungsmitglied von Züri West. 2000 verliess er die Band und ist seither unter anderem als Produzent tätig. Richard Köchli ist Gitarrist und Songwriter. Er hat mehrere Blues-Alben veröffentlicht und ist Verfasser von drei Büchern über Gitarren.

Die Melancholie verbindet

Peter Von Siebenthals und Richard Köchlis Prinzip des Leitmotivs gilt für viele Filmmusiken und ist aus dem Musikdrama Richard Wagners abgeleitet. Folgerichtig hat auch die Kellnerin Regula ihr Motiv. Immer noch auf der Gitarre zart gezupft, werden die dem Ernst-Motiv verwandten Klänge hier bewegter, wärmer in der Harmonik, die Melodik zielt nach oben.

In ihrer Melancholie verwandt sind beide Motive. Und sieht und hört man genauer hin, so ist dieses zweite Motiv eigentlich auch ein Ernst-Motiv. Dasjenige der Verbindung, der zwischenmenschlichen Wärme, wie sie auch Ernsts Begegnung mit seinem bestem Jugendfreund Ueli kennzeichnet. Von dem sich erst später herausstellt, dass auch er Ernsts Naivität für den grossen Deal ausgenützt hat.

Diskrete Annäherung

Diese beiden Gitarrenmotive werden sorgfältig eingeführt. Viele Szenen der ersten Hälfte des Films sind «weiss», ohne Musik. Oder nur mit ein paar Takten grundiert. Es ist eine diskrete Annäherung des Klangs. Musik, die sich erst allmählich in unserer Wahrnehmung einnistet. Ähnliches kann man auch von den eingestreuten Blues- und Rocksongs sagen, die im Film wahlweise aus dem Autoradio zu kommen scheinen, von einem alten Plattenspieler oder auch ganz aus dem freien Willen der Regisseurin.

Mit Textzeilen wie «Sweet daddy please come home» (aus «Weary Blues») wird dem Wunsch Regulas Wort gegeben, Ernst möge doch zum Abendessen heimkommen. Wenn er dann endlich da ist, betrunken, und auf dem Sofa einschläft, statt am Tisch das Essen einzunehmen, kommentiert eine Frauenstimme mit der Zeile «Siempre caigo en los mismos errores» (Immer verfalle ich dem gleichen Irrtum), wie dem Goalie eben immer dieselben Fehler passieren.

Diskret, aber beharrlich

Auf der Schwelle zwischen solch sanfter Ironie und der geradezu zärtlich zu nennenden Treue der beiden Leitmotive bewegt sich Peter Von Siebenthals und Richard Köchlis Filmmusik. Diskret, aber beharrlich. Und wenn wir in Marcus Signers so zerfurchtes wie unschuldig von blonden Haaren umrandetes Gesicht blicken, so prägt die Musik unser Bild vom «Goalie» entscheidend mit.