Das geliebte Monstrum Mensch

Fotografieren bedeutet wörtlich «Malen mit Licht». Das klingt nach hoher Kunst. Wirklich passend ist diese Übersetzung aber nur bei den grossen Meistern. Sebastião Salgado gehört zu diesem Kreis, wie die Doku «Das Salz der Erde» zeigt. Salgados Bilder reflektieren Licht und Schatten der Menschheit.

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Filmkritik: «Das Salz der Erde»

4:22 min, vom 12.11.2014

Der Mensch ist ein Monster. Sebastião Salgado muss es wissen, schliesslich hat der Brasilianer über 100 Länder mit seiner Kamera bereist. Trotz dieser bitteren Erkenntnis ist der sozial engagierte Fotograf dem liebenden Blick auf sein Lieblingssujet treu geblieben. Empathie und Entsetzen finden in seinem Werk zueinander. Salgado zeigt den harten Kontrast, die hellen und dunklen Seiten des Menschen. Nicht zufällig sind fast alle seiner Fotografien schwarz-weiss.

Schwarz-Weiss-Foto von zwei streitenden Arbeitern am Hang vor einer brasilianischen Goldmine. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sie wirken wie Sklaven. Doch in Wahrheit gehorchen diese Arbeiter einer Goldmine nur der eigenen Gier. Sebastião Salgado Amazonas Images

Grossartige Bilder allein machen aber noch keinen grossen Film. Unbewegte erst recht nicht. Regisseur Wim Wenders, selbst passionierter Fotograf und seit Jahren ein Bewunderer Salgados, hat lange gesucht, um die geeignete Form zu finden. Wenders wusste, dass ein konventionell gedrehter Film wie eine Diashow wirken würde. Klassische Interview-Sequenzen – das Kernstück vieler langweiliger Dokus – wollte er ebenfalls vermeiden. Doch wie? Wenders tappte lange im Dunkeln, bis er genau dort die Lösung fand.

Technische Tricks in der Dunkelkammer

Im Film taucht Sebastião Salgado immer wieder wie ein Geist aus seinen eigenen Bildern auf. Versunken in Erinnerungen an diese, spricht er dabei direkt in die Kamera. Fotograf und Werk verschmelzen zu einer gespenstisch-wirkungsvollen Einheit. Wenders erzeugte die Magie, indem er in einer Dunkelkammer filmte – mit einem zweckentfremdeten Teleprompter.

Am häufigsten wird dieses alte technische Hilfsmittel von TV-Stationen genutzt. Moderatoren können dank dem Gerät, das direkt an der Kamera befestigt wird, ihren Text ablesen – ohne dass ihr Blick abschweift. Wenders projizierte dagegen Fotos auf den Prompter und filmte Salgado beim Betrachten seiner eigenen Bilder. Ein einfacher Trick, der durch den Zauber der Dunkelkammer aber weit mehr ist als ein simpler Effekt. Form und Inhalt harmonieren in «Das Salz der Erde» perfekt. Als ob der Teleprompter erst durch Wim Wenders zu seiner wahren Bestimmung gefunden hätte.

Menschliches Salz statt himmlisches Licht

Weniger zeitraubend als die Suche nach der richtigen Erzählweise gestaltete sich für Wenders die Titelwahl. «Ihr seid das Salz der Erde» sagt Jesus in der Bergpredigt und erinnert seine Jünger damit an ihre Verantwortung für die Welt. Salz konserviert Fleisch, schützt symbolisch das Gute vor dem Verderben. Im poetischen Bibelwort steckt aber auch eine Drohung: «Wenn das Salz seinen Geschmack verloren hat, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt nichts mehr; es wird weggeworfen und zertreten.» (Matthäus 5,13)

Regisseur Wim Wenders spricht mit Fotograf Sebastião Salgado sitzend über seine Bilder. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zwei Künstler begegnen sich: Regisseur Wim Wenders und Fotograf Sebastião Salgado. Donata Wenders

Das Gleichnis vom «Salz der Erde» ist gut gewählt, da es Salgados ambivalentes Verhältnis zur eigenen Spezies widerspiegelt. Der Mensch ist für Salgado das «Salz der Erde», das die eigene Menschlichkeit jederzeit verlieren kann – zumindest nach Wenders‘ Deutung. Vom «Licht der Welt», dem anderen grossen Gleichnis der Bergpredigt, spricht Wenders dagegen nicht. Seine Begründung leuchtet ein: «Das Licht der Welt» klingt zu stark nach einer Hymne an die Menschheit. Eine Beschreibung, die der vielschichtigen Dokumentation nicht gerecht wird.

«Das Salz der Erde» ist vielmehr ein kleines Kunstwerk. Ein Film, der als Ode an die Fotografie genauso gut funktioniert wie als Porträt von Sebastião Salgado. Der Brasilianer hat in seinen Bildern stets den Menschen ins Zentrum gerückt. Und war trotzdem weit davon entfernt, ihn zu glorifizieren.

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