Dem Monsterhaus Pixar gehen die Ideen aus

Das Animationsstudio Pixar wurde einst für seine frischen Ideen gelobt. Das ist nun vorbei. «Monsters University» ist der Start zu einer regelrechten Fortsetzungswelle, bei der bewährte Figuren wieder ins Kino kommen. Am Anfang der Kreativitätskrise steht die Übernahme durch Disney.

Bilda aus «Monsters University», dem neusten Pixar-Animationsfilm. Die beiden Hauptcharaktere stehen etwas ratlos in einer Türe und besehen ihren neuen Schlafraum. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Puppen, Figuren, Spielzeug: Disney erwirtschaftet mit dem Merchandising bis zu 10 Mal mehr, als mit dem Film. pixar

Wer sich in die bunte Welt von Pixar hineinwagt, kommt aus dem Staunen nicht raus. Verblüffendes zu schaffen, dafür steht Pixar ein. Seit bald 20 Jahren begeistert das Animationsstudio mit Filmen, die ans Herz gehen – nicht nur bei Kindern. Sei es der Rentner Karl, der in «Up» bunte Ballons an sein Haus bindet und nach Südamerika fortschwebt, oder der einsame Roboter «Wall-E», der auf einer verlassenen Erde Müll sortiert – die einfallsreichen Geschichten und die Detailverliebtheit von Pixars Werken sprechen auch ein erwachsenes Publikum an.

«Keine Fortsetzungen!»: Das war der Schlüssel zum Erfolg

Von 2003 bis 2009 schwebte Pixar auf seinem kreativen Höhepunkt und etablierte sich als Marke für originelle Animationsfilme. 27 Oscars gewann die Firma, die pausenlos danach strebte, frische Ideen umzusetzen. Ihr oberstes Credo lautete: Keine Fortsetzungen. Jeder Film soll für sich alleine stehen. Idealismus pur. Das ist nun vorbei.

Für seine Filmproduktion ist Pixar auf die finanzielle Unterstützung von Disney angewiesen. Am Anfang umfasste der Deal zwischen Pixar und Disney drei gemeinsame Filme. «Toy Story» war 1995 der erste gewesen. Der Film schlug an den Kinokassen derart ein, dass Disney den Höhenflug wiederholen wollte. Notfalls sollte Teil 2 auch ohne Pixars Beteiligung entstehen. Im Clinch entschied die kreative Leitung bei Pixar: Wenn schon, dann machen wir das Sequel selbst. Dieser Entscheid war goldrichtig: «Toy Story» entwickelte sich zu einer Trilogie, Teil 3 wurde zum erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten.

Marketingmaschine übernimmt Pixar …

2006 kam schliesslich die vollständige Übernahme durch Disney. Pixar existierte zwar unter seinem eigenen Namen weiter, wurde aber in Disneys riesige Vermarktungsmaschinerie eingegliedert. Jetzt generierten die Pixar-Filmhelden auch ausserhalb des Kinos Geld.

… und presst 10 Mal mehr Geld aus den Filmen. 

Vergnügungsparks wurden zum einen Eckpfeiler dieser Absatzförderung, das Merchandising zum anderen. Das zeigte sich vor allem beim Film «Cars» (2006), der qualitativ nicht mit anderen Pixar-Filmen mithalten konnte. Die coolen sprechenden Autos zielten nur noch auf Kinder ab – und auf die Portemonnaies der Eltern.

Trotz schlechter Kritiken folgte 2011 «Cars 2». Beide «Cars»-Filme zusammen spielten an den Kinokassen 1 Milliarde Dollar ein. Beachtlich. Aber mit Spielzeugautos und unzählig weiteren Lizenzprodukten setzte Disney gleich zehn Mal so viel um. Und der Umsatz wächst bis heute weiter.

«Monsters University»: Nur noch für Kinder

Deshalb bringt Disney Pixars Helden immer wieder aufs Neue ins Kino – um sie als Marke zu stärken. «Monsters University», der jetzt im Kino anläuft, erzählt die Vorgeschichte zu «Monsters Inc.», einer von Pixars ersten grossen Hits. Wie schon «Cars» ist dieser Film nur noch auf die kleinsten Kinogänger ausgerichtet. Auf die Plüschtier-Generation, die sich den wuscheligen Sully und den erbsigen Einäuger Mike als Spielzeug wünschen.

Und das ist nur der Anfang einer regelrechten Fortsetzungswelle bei Pixar. Schon im August folgt «Planes», ein Ableger von «Cars». Mit entsprechenden Flugzeugen. Für 2015 ist die «Finding Nemo»-Fortsetzung «Finding Dory» angekündigt. Auch andere Pixar-Helden wie die «Incredibles» oder «Merida» sind für Fortsetzungen im Gespräch. Und dann soll sogar ein vierter «Toy Story» kommen.

Ausverkauf, kein Geschäftssinn

Statt frischen Ideen herrscht bei Pixar das Prinzip Franchise-Bildung. Was zählt, sind die Lizenzprodukte. Die Filme werden nur noch gemacht, um Produkte dazu zu verkaufen. Die Fortsetzungen garantieren, dass diese Geldmaschine in Endlosschlaufe läuft. Vernünftiges Wirtschaften kann man das nennen. Oder Ausverkauf.

Von den zehn erfolgreichsten Kinofilmen jedes Jahr sind durchschnittlich sieben Fortsetzungen. Gegen diesen Trend kämpfte Pixar früher an, brachte mit seinen originellen Werken frischen Schwung in die abgestandene Kinospitze. Jeder ihrer Filme hatte Erfolg. Doch Disney hat Pixars Kreativität erstickt. Und das ist jammerschade.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • «Monsters University» (USA 2013)

    Aus Box Office vom 16.6.2013

    Auch Monster gehen zur Uni. Dort studieren sie Gruselogie, Erschreckerei, und steigern ihren Furchteinflöss-Quotienten mit Grimassenschneiderei. So will uns der neuste Streifen aus dem Hause Pixar Glauben machen. Das Resultat: ein niedlich-lustiger Film für die ganz kleinen Kinogänger. Jene, die sich vor dem Monster unterm Bett noch fürchten.

    Anita Egger

  • Kreativitäts-Krise bei Pixar?

    Aus Box Office vom 16.6.2013

    «Monsters University» erzählt die Vorgeschichte von «Monsters Inc» - 2001 einer der ersten grossen Hits von Pixar. Das Animationsstudio wurde einst für seine frischen Ideen gelobt. Seit der Übernahme durch Disney (2006) wird aber vermehrt auf Fortsetzungen gesetzt. Bewährte Pixar-Helden werden ins Kino zurückgeholt, um die Marke zu stärken und mit Lizenzprodukten ein Milliardengeschäft zu machen.

    Lory Roebuck