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Dialekt im Spielfilm «Mach mich nöd z lache»

Welche Mundart soll's denn sein? Über «richtige» und «falsche» Dialoge in aktuellen Schweizer Mundartfilmen.

Filmszene: Mann und Frau Stehen nebeneinander. Er schaut nach links oben, sie nach rechts oben.
Legende: Wie sagt man's richtig? Barbara Terpoorten diskutiert gerne mit ihrem Kollegen Mike Müller über Dialekte. SRF/Sava Hlavacek

Etwas bringt die Deutschschweizer Volksseele vor dem Fernseher regelmässig zum Kochen: Wenn die Mundartdialoge im Schweizer «Tatort» mal wieder so hölzern wie ein Bergwald daherkommen.

Wenn in der Krimiserie «WILDER» der Gemeindepräsident, ein Berner Oberländer, kein passables Berndeutsch spricht. Wenn im Bankenthriller «Private Banking» der Schnösel-Banker Marco sagt: «Mach mich nöd z lache».

«Verzell kän Säich» heisst das gefälligst.

Ein Mann öfnnet in einem Tresorraum ein Bankenschliessfach und zeigt den Inhalt einer Frau, die daneben steht.
Legende: Wie spricht ein Zürcher Banker mit Tessiner Wurzeln? Marc Benjamin als Marco Antonelli in «Private Banking». SRF/Sava Hlavacek

«Bluemeti Trögli»-Dialekt oder urbane Mischsprache?

Dabei übersieht man gern, dass dieser Marco ein Secondo mit Tessiner Wurzeln ist. Dass er in seinem Banker-Alltag ständig zwischen Mundart, Hochdeutsch und Englisch wechselt. Soll dieser Möchtegern-Kosmopolit etwa reden wie ein Alpöhi? Das würde ebenso wenig passen.

Nicht alles, was in Schweizer Mundartfilmen sprachlich aneckt, ist falsch oder schlecht. Natürlich: Wenn die Luzerner Tatort-Ermittlerin ihre Kollegen mit dem Satz brieft «Lut em russischen Usliferigsgsuech isch er Draatzieher vo mehrere Attetat uf russischem und tschtschenischem Bode gsi», übersäuert dem Sprachfreund der Magen.

Mythos Tatort

In solch krasse sprachliche Schlaglöcher geraten Mundartdialoge aber immer seltener. Das beweisen Produktionen wie «WILDER», «Private Banking» und «Der Bestatter». Denn mittlerweile wird auf der ganzen Produktionskette an Verbesserungen der Sprache gearbeitet.

Urs Fitze, Bereichsleiter Fiktion bei SRF, sagt: «Wir wollen auf dem Papier, auf dem Set und in der Szene besser werden.» Heisst: An der Verbesserung der Mundartdialoge müssen alle Beteiligten arbeiten: Autorinnen, Redaktoren, Regisseurinnen und Schauspieler.

SRF bietet Workshops zum Thema «Filmdialoge auf Mundart» an, so Lilian Räber von der SRF-Filmredaktion. Ausserdem erhält die erfahrene SRF-Hörspielredaktion neue Filmscripts regelmässig zur kritischen Prüfung vorgelegt.

Ein Frau und ein Mann sprechen miteinander in einem Wohnwagen. Sie trägt Winterkleidung mit Wollmütze und hlät ein Papier in der Hand,
Legende: Sarah Spale ist Baslerin. Für die Krimiserie «WILDER» lernte sie Berndeutsch. SRF/Oscar Alessio

Die Synchronisation braucht mehr Platz

Dass der «Tatort» manchmal noch holperig daherkomme, liege nicht mehr an der Synchronisation, sagt Räber. Früher wurde auch mal der Satz «s hät mich gfreut, Sie käneglernt z haa» in die Kamera gesprochen wurde – obwohl im Dialekt ein «s hät mich gfreut» ausreicht.

Grund für die Überlänge: Die Lippenbewegungen mussten auch im Hochdeutschen möglichst synchron sein. Heute muss der Schweizer «Tatort» keine Rücksicht mehr auf die bundesdeutsche Version nehmen.

Mythos Drehspass

Kaum Kritik an der Sprache erntet die Krimi-Serie «Der Bestatter». Hört man Barbara Terpoorten zu, die die Rolle der Polizistin Anna-Maria Giovanoli spielt, verwundert das auch nicht.

Sie seien ein kleiner Besserwisserklub, was Sprache und Mundart anbelange: Mike Müller, Suly Röthlisberger, Samuel Streiff und sie selbst würden manchmal ewig um die korrekte Formulierung ringen.

Nicht auf dem Set allerdings – da fehlt die Zeit. Richtig gut funktionierende Szenen entstehen nicht erst beim Drehen, sondern in den Leseproben davor. Da werde an der Sprache gefeilt, sagt Terpoorten.

«Tüet nid eso schwanger»

Barbara Terpoorten habe zwei zusätzliche Sicherheitschecks: Mutter und Tochter. Einmal habe sie den Satz: «Steht euren Mann» sagen müssen - das gehe gar nicht auf Mundart. Ihre Tochter habe vorgeschlagen: «Tüet doch nid eso schwanger». Dabei blieb es.

Porträrtaufnahme von Barbara Terpoorten.
Legende: Barbara Terpoorten hat zwei Dialektcoaches: Ihre Mutter und ihre Tochter. SRF/Sava Hlavacek

Wann ist ein Dialog hölzern?

Warum reden die Schauspieler nicht einfach so, wie sie im Alltagsgespräch reden? «Ein Filmdialog ist eine Kunstsprache und niemals dasselbe wie ein Alltagsgespräch», sagt Lilian Räber.

Die Sätze sollten «den Schauspielerinnen ganz leicht aus dem Mund herausploppen», wie Barbara Terpoorten es ausdrückt. Aber die Sätze selber sind eben nicht alltägliche Sprachfetzen, sondern Teil einer Handlung, die vorwärts getrieben werden muss.

Der Zuschauer braucht, gerade in Krimis, viele inhaltliche Informationen. Die Dialoge müssen zugespitzt und auf den Punkt gebracht sein. Faktoren, die die Natürlichkeit eines Dialogs beeinträchtigen.

«Wenn der Zuschauer das Gefühl hat, er werde jetzt mit Informationen beliefert, ist ein Dialog hölzern», so Lilian Räber. Und Barbara Terpoorten: «Wenn man spürt, dass ein Schauspieler einen Satz möglichst korrekt aussprechen will, ist er schon schlecht.»

Fazit: Mundartdialoge sind eigentlich ganz einfach. Das macht sie so schwierig.

6 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Wildhaber (Sueno)
    Was mich an Schweizerfilmen oft stört, ist dass so viel geflucht wird. ‚Gopfertami‘ und andere heftige Flüche wären m.E. nicht nötig, um einen Film schweizerisch zu machen...
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  • Kommentar von Peter Holzer (Peter Holzer)
    Da wirft man SRF vor es wäre alles viel zu teuer und gleichzeitig stört man sich an nicht konformem (was das auch sein mag) Schweizerdeutsch von schweizer Schauspielern. Wäre mir neu, dass in jedem Kanton alle Einwohner den selben Dialekt sprechen, selbst im Berner Oberland. Tja, dann kostet es halt etwas mehr wenn man den Schauspielern noch einen neuen Dialekt perfekt beibringen muss. Qualität kostet :)
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  • Kommentar von James Klausner (Harder11)
    Beachtenswert wäre auch, wie die Fernsehwerbung die Schweizer Dialekte massakriert. Da hört man täglich manch überaus garstige Satz-Konstrukte, die einem Pein und Übersäuerung bereiten. Am schlimmsten sind die Werbespots, welche man vom Deutschen mal schnell auf eine Art Schweizerdeutsch umfrisiert und dabei Syntax, Grammatik, Wortschatz und Sprachgefühl völlig vergewaltigt. Nein, es freut uns gar nicht, wenn man so mit uns spricht, die so beworbenen Produkte lasse ich im Laden gerne liegen
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    1. Antwort von Henriette Rub (ehb)
      Ich lasse beworbene Produkte ziemlich konsequent im Ladeni liegen. Die tägliche Werbeflut ist kaum auszuhalten. Warum also sollte sie mit Erfolg belohnt werden.
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