Oscars 2017 Die Oscarverleihung: Wie politisch soll sie sein?

Die Oscarverleihung erreicht ein weltweites Publikum. Darum wurde der Anlass immer wieder für politische Statements genutzt. Was erwartet uns dieses Jahr?

Aktivistin Sacheen Littlefeather steht in traditioneller indianischer Kleidung vor einer grossen Oscar-Statue. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Erschien in Vertretung für Marlon Brando bei der Oscars 1973: die indianische Aktivistin Sacheen Littlefeather. Getty Images

  • Die grosse Reichweite der Oscarverleihung wurde von Hollywoodgrössen immer wieder genutzt, um sich politisch zu positionieren.
  • Die Academy verbietet das nicht. Sie bekennt sich offen zum Recht auf freie Meinungsäusserung.
  • Angesichts der angespannten Lage in den USA wird erwartet, dass sich die Hollywood-Prominenz politisch zeigt.

Marlon Brando hat es 1973 getan (in absentia und vertreten durch eine indianische Aktivistin), Vanessa Redgrave im Jahr 1978, Michael Moore im Jahr 2003. Sie alle haben die weltweite Ausstrahlung der Oscar-Nacht dazu genutzt, ihre teils militanten politischen Überzeugungen ins Zentrum ihrer Preisrede zu stellen.

Das kam jeweils überraschend und nicht immer gut an, aber strikte Regelverstösse waren es nicht. Die Academy bekennt sich offen zum Recht auf freie Meinungsäusserung.

Politische Statements sind willkommen

Der ehemalige Präsident der Academy, Frank Pierson, sagte einst: «Wer auch immer die 45 Sekunden Redezeit in unserem öffentlichen Forum für die Äusserung von politischen Überzeugungen nutzen möchte, darf das tun.»

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Überraschende Oscar-Ansprachen

Das Zitat stammt aus dem Jahr 2004, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich an dieser Haltung der Academy seither etwas geändert hat.

Die US-Bevölkerung: gespalten und uneinig

Was sich verändert hat, sind die äusseren Umstände. Der aktuelle US-Präsident polarisiert wie kaum einer zuvor. Die abschottende und nationalistische Politik Trumps befremdet die einen und erfreut die anderen.

Selten klafften die Hoffungen und Befürchtungen der US-amerikanischen Bevölkerung weiter auseinander. Da liegt es auf der Hand, dass die Hollywood-Prominenz zu dieser Spaltung Farbe bekennen sollte.

Raushalten aus der Politik!

Oder eben nicht. Noch Ende Januar titelte das Branchenblatt Variety: «Warum die Oscars politisch werden sollten».

Und prompt stellten sich Online-Portale wie Screen Rant auf die Gegenseite und schrieben etwa: «Warum sich Hollywood an der Oscar-Verleihung aus der Politik heraushalten sollte». Eine derartige Kontroverse ist typisch für die amerikanische Gesellschaft von 2017. Noch nicht einmal hierüber ist man sich einig.

Alle gegen Trump

Zunächst die Argumente, die gegen mehr Politik an den Oscars sprechen: Die Öffentlichkeit weiss schon lange, dass Donald Trump in Hollywood wenig Sympathien geniesst.

Meryl Streep holte bereits an den Golden Globes mit einer flammenden Rede aus, während die hollywoodnahe Satiresendung «Saturday Night Live» mit ihren bitterbösen Sketchen über die Trump-Regierung zu einer ungeahnten Form aufläuft.

Schon seit Monaten schiessen fast alle US-Leitmedien und US-Late-Night-Shows regelmässig auf Trump. So sind Reaktionen auf politische Statements an den Oscars zu erwarten.

Bevormundung und Boykott

Sollte sich jemand überraschenderweise auf die Seite des Präsidenten stellen, würde diese Person mit Sicherheit ausgebuht und müsste sich karrieretechnisch neu orientieren.

Äussert sich hingegen jemand explizit gegen die Politik Trumps, würde es von den zahlreichen Gleichgesinnten im Saal als mutig empfunden werden. Während die Trump-Befürworter in ihren medialen Kanälen dies als herablassende Bevormundung bezeichnen und zum Boykott dieser Person aufrufen würden.

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Einreiseverbot für Filmemacher?

Trotzdem gibt es gute Gründe die Politik nicht gänzlich aus der Oscar-Veranstaltung herauszuhalten. Erstens erwartet die Öffentlichkeit, dass ein kultureller Event dieser Grössenordnung – und mit seiner politischen Vergangenheit – angesichts der angespannten Lage Haltung zeigt.

Zweitens gibt es nicht nur ideologische, sondern auch ganz konkrete Gründe, warum politische Aussagen fast unvermeidlich sind.

Der Iraner Asghar Farhadi etwa, nominiert für den besten fremdsprachigen Oscar mit «The Salesman», wird als Reaktion auf Trumps Einreiseverbot wahrscheinlich fernbleiben. Gewinnt sein Film, würde dieser Entscheid zweifellos als politisch gewertet.

Dezente Kritik der Prominenz

Showbusiness bleibt Showbusiness, und alle Beiteiligten an der Veranstaltung beherrschen die Kunst, ihre politischen Überzeugungen notfalls auch durch die Hintertür in den Saal zu tragen.

Mit harmlosen Aufrufen etwa, sich vom aggressiven politischen Klima nicht einschüchtern zu lassen und Andersdenkenden gegenüber offen zu bleiben.

Moderator bleibt verschwiegen

Oder mit Ironie. In einem Gespräch mit dem Hollywood Reporter liess der diesjährige Moderator Jimmy Kimmel vor einer Woche noch alles offen, was allfällige Trump-Witze anbelangt: «Das hängt davon ab, wieviele verrückte Dinge bis dahin noch passieren werden.»

Damit spielt er auf seinen grossen Vorteil als Comedian an. Die hämischsten Bemerkungen, die offensten Anfeindungen und die bissigsten Satiren zu Trump sind heute bereits Volksgut. Nur schon Verweise darauf sorgen für Lacher – und das geht auch, ohne anzuecken. Die eigene politische Meinung ändern wird wegen den Oscars ohnehin kaum jemand.