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Film & Serien Drinnen vor der Tür: Zu Besuch bei Peter Handke

Manche schimpfen ihn Spinner. Dabei stickt Peter Handke lieber. Corinna Belz zeigt den streitbaren Schriftsteller in ihrem Dokumentarfilm «Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte» von seiner häuslichen Seite. Eine Homestory mit höheren Ansprüchen.

Peter Handke liest auf einem Sofa sitzend ein Buch.
Legende: Wer die Stiefel so schön putzt, braucht selbstverständlich keine Hausschuhe: Peter Handke, Handke lesend. Look Now!

Ruhe, bitte. «Ich habe noch nie vor einem Computer gesessen», sagt Peter Handke. Schon damals, als die elektrischen Schreibmaschinen aufkommen, bleibt der Schriftsteller vor seiner mechanischen sitzen. Das elektrische «Erwartungsbrummen»: Es erotisiert Handke nicht.

Legende: Video Trailer zu «Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte» abspielen. Laufzeit 1:43 Minuten.
Aus Kultur vom 09.11.2016.

Und heute, da die Menschen mit ihren Computern verwachsen scheinen, schreibt Handke von Hand. Ein Computer kommt ihm nicht ins Haus. Da wäre ja auch kein Platz auf den Tischen, auf denen Äpfel liegen. Federn. Und Stifte ohne Ende.

Ein offenes Tagebuch

Dafür hat Peter Handke die Filmemacherin Corinna Belz in sein Haus in Chaville bei Paris gelassen – drei Jahre lang, immer wieder.

Er hat ihr sogar seine Tagebücher geöffnet. Corinna Belz filmt die bunt beschriebenen Seiten ab, als wären sie Kunstwerke. Dazu klingt Klaviermusik. Kein Zweifel: Es ist Andacht angebracht im Hause Handke.

Man merkt es nach wenigen Takten: Corinna Belz versteht sich auf das taktvolle Porträt des Künstlers als älterer Mann. Sie hat auch dem deutschen Maler Gerhard Richter ein sehenswertes filmisches Denkmal gesetzt. Und Richter ist keiner, der das Kameralicht der Öffentlichkeit sucht.

Stimme des Stummen

Peter Handke hat es nicht immer gescheut. Er ist ja auch berühmt für seine Skandale: In jungen Jahren wirft er Kollegen und Kritik «Beschreibungsimpotenz» vor, kollektiv. Im reiferen Alter schlägt er sich im Krieg auf dem Balkan auf die serbische Seite – zum Leidwesen des Feuilletons.

Die Wunde eitert weiter; sie steht kaum zufällig im Zentrum des Films. Handke selbst fühlt sich bis heute unverstanden. Für ihn – da wiederholt er unwidersprochen alten Text – muss der Schriftsteller dahin gehen, wo es weh tut. Und sei es auch ihm selbst.

«Im Wald» indes, wie der Titel vermuten lässt, hält sich Handke sich im Film kaum auf. Aber draussen vor der Haustür, im wilden Garten mit dem Eisentor, das ihm die «scheissdurchkalkulierte Welt» vom schmalen Leibe hält. Gartenarbeit – so geht sie poetisch: Peter Handke säumt einen Gehweg mit Muscheln. Es braucht nicht jeder ein Meer, um abzutauchen.

«Du sollst Zeit haben»

Corinna Belz zeigt Peter Handke als Asketen – und sein Allein-Sein als Voraussetzung für ein Dichterleben, das keine Kompromisse kennt.

Handke: Das ist der Solitär unter den Schriftstellern deutscher Sprache. Der Menschenscheue, der gerne frecher wäre. Der Prophet, der sich elfte Gebote erfindet. Und einer, der ziemlich oft «Scheisse» sagt für einen, der hauptberuflich am Feinstofflichen webt.

Ältere Porträts zeigen Peter Handke meist in der Natur – der selbst ernannte «Pilznarr» vor dem Herrn. In «Bin im Wald» sitzt er eher am Tisch und schneidet einen Pilz in Stücke, verletzend und verletzt zugleich: «Ist das nicht schön?»

Schrifsteller Peter Handke lesen in seinem haus bei Paris.
Legende: Ein stilles Örtchen: Peter Handke in seinem Paradies bei Paris. Look Now!

Goldener Faden, roter Faden

Handke webt. Er stickt aber auch. Eine der bezeichnendsten Szene von «Bin im Wald»: Wie Handke versucht, einen goldenen Faden durch ein Nadelöhr zu führen. Minutenlang.

Die roten Fäden durch diesen Film: alte Interview-Aufnahmen mit dem jungen Handke. Handke, der Handke liest – tastend, als wäre er sich fremd. Und immer wieder alte Polaroid-Aufnahmen aus dem Fundus des Wortbildermalers.

Handkehrum fehlen in «Bin im Wald» die in konventionelleren Künstlerporträts auch nicht immer gern gesehenen Blicke von aussen. Da sind zwar die Töchter und die Ehefrau. Aber nicht die Würdigung der Weggefährten. Nicht die Elogen der Exegeten. Nicht die Nöte der Neider. Nicht das Lob der Leser.

«Es ist schwer, in Handkes Werk nicht etwas zu finden, das einen umhaut», hat Handkes Schriftstellerkollege Clemens Setz einmal gesagt. Für diesen feinen Film gilt dasselbe.

Kinostart: 17. November 2016

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