Ein Buch feiert die Regie-Ikone Wes Anderson

Wes Andersons Komödien sind verspielt, verschnörkelt, verzaubernd. Wer seine ungewöhnlichen Filme mag, kann sich nun ins Werk des expressiven Kinokünstlers einlesen. An der «Wes Anderson Collection» hat der amerikanische Autor Matt Zoller Seitz 20 Jahre gearbeitet.

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Buchtrailer zu «The Wes Anderson Collection» (engl.)

2:59 min, vom 4.3.2014

«The Wes Anderson Collection» wirkt auf den ersten Blick wie einer dieser schönen, belanglosen Bildbände, die oft auf Salontischen liegen. Wenn man sich dann aber die Mühe macht, das Buch zu lesen, stellt man erstaunt fest: Das ist kein blosser Wohnzimmer-Schmuck, sondern die bisher beste Monographie über den amerikanischen Autorenfilmer.

«Bottle Rocket» – das verkannte Debüt

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Buchhinweis

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Abrams Books

Matt Zoller Seitz: «The Wes Anderson Collection», Abrams Books.

Gegliedert ist die über 300 Seiten starke Werkanalyse in sieben zweiteilige Kapitel. Zu jedem Film liefert der Autor zunächst einen klugen Aufsatz, mit dessen Thesen er dann jeweils Wes Anderson im Interview konfrontiert. Das erste Kapitel dreht sich folglich ganz um Andersons Regiedebüt «Bottle Rocket». Diesen Spielfilm wollte 1996 keiner sehen.

Ein Platz im Programm des Filmfestivals Sundance war Wes Anderson Zielvorgabe. Doch sein Film blitzte ab. Auch von allen anderen bedeutenden Festivals hagelte es für die Komödie mit Owen Wilson als Co-Autor und Hauptdarsteller nur Absagen. Und das, obwohl der Independent-Film von James L. Brooks, dem Produzenten der «Simpsons», massiv gefördert wurde. Von einem Karriere-Traumstart kann also nicht die Rede sein. Stattdessen musste Wes Anderson schon früh lernen, das sich sein schräger Humor vielen nicht auf Anhieb erschliesst.

«Rushmore» – der Kritiker-Liebling

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Webvideos zu den 7 Kapiteln

Kapitel 1: «Bottle Rocket»
Kapitel 2: «Rushmore»
Kapitel 3: «The Royal Tenenbaums»
Kapitel 4: «The Life Aquatic»
Kapitel 5: «The Darjeeling Limited»
Kapitel 6: «Fantastic Mister Fox»
Kapitel 7: «Moonrise Kingdom»

Doch weil Produzent James L. Brooks weiter an Wes Anderson glaubte, folgte schon zwei Jahre später der nächste Kinofilm: «Rushmore». Wieder war Owen Wilson mit von der Partie. Diesmal allerdings nur als Drehbuchschreiber. Die Hauptrolle des High-School-Sonderlings Max Fischer spielte der damals noch völlig unbekannte Jason Schwartzman. Eine echte Entdeckung. Mittlerweile gehört der Kalifornier zu Wes Andersons Stammpersonal. Auch weil die zwei auf dem Set von «Rushmore» Freunde wurden. Apropos Verbündete: Die wichtigste Nebenrolle konnte Anderson mit einer Hollywood-Ikone besetzen: Bill Murray.

Der Komödien-Star war vom Skript so begeistert, dass er sich bereit erklärte, zum Minimaltarif der Schauspielergilde für Anderson zu arbeiten. Dieser betrug damals 375‘000 Dollar. Auszahlen liess sich Murray schlussendlich aber bloss läppische 9000 Dollar. Trotz Gagen-Verzicht zahlte sich das Engagement für Bill Murray aus. Für seinen Part wurde er für den Golden Globe nominiert. Die Kritik feierte aber nicht nur ihn, sondern begann mit «Rushmore» auch den Regisseur Wes Anderson für sich zu entdecken.

Der Wes-Anderson-Stil wird zur unverwechselbaren Marke

Vom typischen Wes-Anderson-Stil begannen die Kritiker laut Autor Matt Zoller Seitz aber erst im Jahre 2001 zu schwärmen. Damals kam mit «The Royal Tenenbaums» Andersons dritte Komödie in die Kinos. Ein Film, der fast schon paradigmatisch alles enthält, was man heutzutage mit Wes Anderson verbindet: Zum Beispiel ein handverlesenes Schauspiel-Ensemble. In «The Royal Tenenbaums» besteht dieses unter anderem aus Bill Murray, Anjelica Huston, Owen Wilson, Luke Wilson, Ben Stiller, Gene Hackman, Danny Glover und Gwyneth Paltrow.

Inhaltlich stehen meist liebenswerte Aussenseiter, dysfunktionale Familien und merkwürdige Liebesbeziehungen im Vordergrund. Formal gehören streng symmetrische Bildkompositionen, lange Plansequenzen und Gebäude-Querschnitt-Aufnahmen zu Andersons Markenzeichen. Diese Liste liesse sich freilich beliebig erweitern. Im Netz kursieren unzählige Fan-Videos und Parodien, die sich mit den Charakteristika von Wes-Anderson-Filmen beschäftigen.

Sie alle beweisen, dass der Regisseur mit seinen eigenwilligen Komödien längst zur Marke geworden ist. Wer wissen will, welche kreativen Impusle hinter dieser stehen, dem sei «The Wes Anderson Collection» von Matt Zoller Seitz wärmstens empfohlen. Einziger Wermutstropfen: Das Buch endet mit dem Kapitel über «Moonrise Kingdom». Über «The Grand Budapest Hotel», Andersons neusten Film, erfährt man nichts. Als Einstimmung auf den jüngsten Regie-Streich ist die liebevoll gestaltete Monographie dank seiner inhaltlichen Tiefe aber trotzdem geradezu ideal.