Eine Familie zerbricht an Papas Homosexualität

Der Film «Unter der Haut» erzählt, wie eine Familie am Coming-out des Vaters zerbricht. Und der erste lange Spielfilm der Zürcherin Claudia Lorenz geht tatsächlich unter die Haut.

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Keine 3 Minuten: «Unter der Haut»

3:02 min, vom 25.2.2015

Alice (Ursina Lardi) und Frank (Dominique Jann) sind seit 18 Jahren verheiratet. Sie haben drei Kinder, Sohn und Tochter im Teenageralter und ein Nesthäkchen, und sie sind eben in ein neues Haus eingezogen. Die Kamera führt uns zunächst ganz unbeteiligt in diese Räume hinein, ins Wohnzimmer, ins Schlafzimmer, Bad, Balkon.

Eine blonde Frau steht am Ufer eines Sees. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wut, Verzweiflung, Apathie: Alice (Ursina Lardi). Xenix Film

Am Ende werden wir ein Jahr mit der Familie verbracht haben, vor allem mit Alice, meistens im Haus, stets in dieser Position eines unbemerkten, unfreiwilligen Beobachters. Wir sind Zeugen von Franks zunehmender Unruhe, seinem kurzen Ausraster an einem Kindergeburtstag.

Wir sind dabei, als Alice am Familien-PC auf zuvor aufgerufene Schwulenseiten stösst und verlegen ihren Sohn auf allfällige unerwartete Präferenzen hin abklopft. Seine ebenso souveräne wie spöttische Reaktion lässt ihr dann allerdings nur noch wenig Verdachtsspielraum und Alice wird zunehmend panisch.

Der Zuschauer wird zum Komplizen

Mit «Unter der Haut» erzählt Claudia Lorenz auf sehr erwachsene Weise eine sehr erwachsene Geschichte. Eigentlich liegt fast immer alles offen; die zunehmend dramatische Spannung wird vor allem aufgebaut durch Alices frenetische Versuche, das Abdriften ihres Mannes zu einem anderen Mann zunächst nicht wahrzunehmen und dann zu verdrängen. Und als das nicht mehr geht, folgen Wut, Verzweiflung, Bösartigkeiten, Rettungsversuche und Apathie.

Es sind ganz alltägliche Szenen, die Claudia Lorenz inszeniert. Als Zuschauer sehe ich, was Alice sieht, bin aber lange vor ihr bereit, die schmerzlichen Schlüsse zu ziehen. Das macht mich zum Komplizen ihres Schicksals. Und wie zur Erinnerung daran, zeigt mir die Kamera nach den meisten Szenen den ruhigen Blick auf eines der Wohnungsfenster und das, was draussen zu sehen ist.

Filmkritik zu «Unter der Haut»

2:57 min, aus Kultur kompakt vom 25.02.2015

Fenster als Szenentrenner

Die sehr methodisch eingesetzten Szenentrenner sind das einzige etwas aufdringliche Gestaltungselement des Films. Die Fenster-Einstellungen stehen dort, wo in anderen Filmen die Schwarzblenden wären, oder im Stummfilm die Kapitel-Zwischentitel. Darüber hinaus aber kommentieren sie immer noch ein wenig, sei es durch einen Vorhang, der den halben Ausblick verdeckt, durch eine Jalousie, welche den Blick vergittert, oder den eindeutigen, klirrenden Winter auf den Zweigen vor dem Fenster – dem zwangsläufig auch wieder ein Frühling folgen wird.

«Unter der Haut» ist nicht der erste Film, der die dramatischen Auswirkungen eines späten Coming-out auf die Umgebung eines Menschen thematisiert. 2009 lief in Solothurn «Maman est chez le coiffeur» von der Kanada-Schweizerin Léa Pool. Sie siedelte die Geschichte in den 60er-Jahren an, wo zum Familiendrama noch das Tabu in der gesellschaftlichen Wahrnehmung kam. Mama packte erst mal die Koffer und verreiste, als sie von der Affäre ihres Mannes mit seinem Golfpartner erfuhr.

Und 2013 stürzte in Deutschland Stephan Lacant mit «Freier Fall» einen Polizeirekruten und werdenden Vater ins Dilemma seiner zu spät entdeckten Homosexualität.

Der Sohn bringt den Schmerz auf den Punkt

Claudia Lorenz – ihr Erstlingsfilm geht unter die Haut

4:57 min, aus Kulturplatz vom 21.1.2015

Aber «Unter der Haut» geht gerade darum stärker und unausweichlicher unter die Haut, weil das Dilemma von Alice und Frank – und natürlich auch das der Kinder – sich zunächst gar nicht vom Drama anderer zerbrechender Familien unterscheidet: Geht einer fremd, bleiben die anderen verletzt zurück.

Dann aber ist es der Sohn, der den eigentlichen Schmerz auf den Punkt bringt, als er seine Mutter fragt, unter was für Umständen und Voraussetzungen er denn überhaupt gezeugt worden sei. Die Möglichkeit, dass alles, was einst Zugehörigkeit, Geborgenheit, Gewissheit war, sich als Illusion oder gar Lüge entpuppen könnte: Das ist das eigentliche Drama dieses Films.

Schmerzlich und menschlich

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SRF-Koproduktion

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat diesen Film koproduziert.

Claudia Lorenz und ihr Ko-Drehbuchautor Rolando Colla konstruieren mit realistischen Dialogen und glasklaren, durchdachten Szenen dieses fragile Gebilde, die Familie als Idee, als Konstruktion, als gläsernes Herz. Und sie haben den Mut, dort weiter zu denken und zu schreiben, wo es wirklich weh tut.

Dort, wo ein Melodrama sich auf die Gefühlswolke zurückzieht und dem wohligen Schmerz das Feld überlässt, gehen Lorenz und Colla den entscheidenden Schritt weiter. Und – ebenso entscheidend – Ursina Lardi und Dominique Jann gehen mit. Die Intimität einzelner Szenen und ihres Spiels kontrastiert mit der distanzierten aber unausweichlichen Anwesenheit der Kamera; sie beschämt und berührt uns als Zuschauer. Und es gibt keine Musik, die einen akkustischen Rückzugsraum öffnen würde.

«Unter der Haut» ist ein reifer, intelligenter und in seiner schmerzlichen Konsequenz überaus menschlicher Film. Diese Art von Präzisionsarbeit, wie sie «Unter der Haut» darstellt, würde man gerne häufiger auf der Leinwand sehen.