Eine Nonne kämpft gegen die Einkerkerung im Kloster

1792 erschien der Roman «La religieuse» des französischen Kirchenskeptikers Denis Diderot. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das nicht ins Kloster weggesperrt werden will. Der französische Regisseur Guillaume Nicloux hat das Buch neu verfilmt als Kritik an religiösem Fanatismus.

Die junge Nonne Suzanne wird von der Äbtissin an die Wand gedrückt. Suzanne wendet das Gesicht von ihr ab. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Novizin Suzanne (Pauline Etienne) wird von der Äbtissin (Isabelle Huppert) bedrängt. Frenetic

Denis Diderots Roman «La religieuse» basiert, so darf man annehmen, auf eigenen Erfahrungen: Schliesslich hat ihn sein Vater vorübergehend in einem Kloster einsperren lassen, um eine nicht standesgemässe Liaison mit einer Frau zu unterbinden. Das Buch wurde bereits mehrfach verfilmt, zum Beispiel 1966 von Jacques Rivette mit Anna Karina in der Titelrolle und Liselotte Pulver in der Rolle einer der Äbtissinnen.

In der aktuellen französischen Verfilmung von Guillaume Nicloux hat Isabelle Huppert die Rolle dieser Madame de Chelles inne, und sie spielt die Äbtissin hart an der Grenze zur Karikatur, als schmerzlich getriebene Lesbe, die sich immer wieder neue Favoritinnen unter ihren Nonnen aussucht.

Kinotrailer «La religieuse»

1:58 min, vom 30.10.2013

Das Kloster wird zur Hölle auf Erden

Das mag angelegt sein als Gegenpol zu den anderen Äbtissinnen. Die erste Klostervorsteherin, welche die 17-jährige Novizin Suzanne Simonin (Pauline Etienne) unter ihre Fittiche nimmt, hat ein grosses Herz und eine grosse Berufung. Sie ist es, welche der von ihrer Familie unter den Schleier gezwungenen jungen Frau die Vorstellung vom Nonnengelübde zumindest erträglich macht.

Nach ihrem Ableben unter ungeklärten Umständen übernimmt allerdings eine sadistische Fanatikerin das Szepter und für Suzanne wird das Kloster zu einer eigentlichen Hölle.

So wie Isabelle Huppert ihre Mutter Superior spielt, ist sie durchaus als Gegenentwurf zur bürgerlichen Ehefrau zu verstehen, als eine Frau, die sich dahin zurückgezogen hat, wo sie ihre Natur und ihre Gefühle zumindest heimlich ausleben kann. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob Diderot ihr im Roman die gleiche Mehrdimensionalität zugestanden hat. Und darum wirkt Hupperts Spiel in Nicloux’ Film ein wenig komisch, erinnert an Klosterklamotten der 70er Jahre.

Kritik am Fanatismus

Nicloux inszeniert in historischem Dekor im französischen Stil zwischen Rivette und Historienschinken. Gerade realistisch genug, um im Zeitkolorit zu bleiben. Und doch abstrahierend, um die Brücke in unsere Zeit zu schlagen.

Den Roman von Diderot habe er als Jugendlicher entdeckt. Aber erst vor rund drei Jahren sei ihm klar geworden, dass Diderot entgegen seinem Ruf nicht die Religion kritisieren wollte, sondern den religiösen Fanatismus.

Genau das mache die Aktualität von «La religieuse» aus. Im Zentrum stehe die aktuelle Diskussion rund um die Religionsfreiheit, und wie sie die persönliche Freiheit erst ermöglicht oder allenfalls einschränkt, sagt Guillaume Nicloux.

Ein Drama, das nachklingt

Diese Interpretation unterstützt die junge Hauptdarstellerin Pauline Etienne, die Suzanne als moderne, aufgeklärte und sehr selbstbewusste Frau zu spielen weiss, ohne anachronistisch zu wirken. Martina Gedeck ist ihre Mutter, die ihr zur Erklärung ihrer Abschiebung ins Kloster auch einen Teil des Geheimnisses ihrer Herkunft aufdeckt.

Alles in allem ist «La religieuse» ein beeindruckendes und stark nachklingendes Drama. Der Film wird Diderots Absichten wahrscheinlich gerechter als der doch ein wenig zwischen Gothic Novel und Jane Austen schwankende Plot seines Briefromans es eigentlich zulassen würde. Das ist keine kleine Leistung der Regie – aber auch der Hauptdarstellerin. Denn sie schlägt die Brücke in die Realität.