Neu im Kino «Elle»: Die vergewaltigte Femme fatale

Mr. «Basic Instinct», Regisseur Paul Verhoeven, hat einen Lust-und-Gewalt-Akt jenseits von Gut und Böse gedreht.

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Im Kino: «Elle»

4:05 min, vom 1.2.2017

Wenn sich Menschen in Extremsituationen anders verhalten, als man es erwartet, geht man meistens davon aus, dass etwas nicht mit ihnen stimmt. Das Gefühl, dass etwas mit der Heldin nicht stimmt, zieht sich wie ein roter Faden durch «Elle».

Der Film beginnt mit einer Vergewaltigung im Haus des Opfers. Den Gewaltakt sieht man nicht, aber man hört ihn. Danach sieht man eine geschundene Frau, die sich vom Boden aufrafft.

Als wäre nichts geschehen

Als Erstes kehrt sie die Scherben des Verbrechens zusammen. Dann nimmt sie ein Bad und bestellt sich Sushi. Keine Anzeige, keine Polizei. Was stimmt mit ihr nicht?

Eigentlich stimmt alles mit Michèle – zumindest von aussen betrachtet. Sie ist erfolgreich, lebt alleine in einer schicken Vorstadtvilla und unterstützt ihre Familie finanziell.

Ausgerechnet sie, die knallharte Geschäftsfrau, die immer genau weiss, was zu tun ist, fällt einer Vergewaltigung zum Opfer. Und die Opferrolle passt ihr gar nicht. Also tut sie so, als ob nichts passiert wäre. Von Rache und Neugier getrieben, will Michèle den Täter selbst ausfindig machen. Was sie nicht weiss: Der Verbrecher steht ihr näher, als sie meint.

Keine Hollywood-Schauspielerin traute sich an diese Rolle

Gefährliche Frauen in Gefahr und der Thrill mit der Lust – seit «Basic Instinct» ist Paul Verhoeven der Mann für die erotische Provokation. Mit Filmen wie «RoboCop» oder «Total Recall» war der Niederländer auch im Hollywood der 80er und 90er Jahre gross im Geschäft, bevor es ruhig um ihn wurde.

Isabelle Huppert am Schreibtisch Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Michèle ist Inhaberin einer Videogame-Firma. Frenetic

Jetzt sorgt der 78-Jährige mit «Elle» wieder für Aufsehen. Der französische Thriller nach dem Roman «Oh…» von Philippe Djian beweist: Altersmilde ist der eigenwillige Regisseur noch lange nicht.

Eigentlich wollte Verhoeven sein Comeback in Hollywood starten. Nur wollte kein Hollywood-Star diese kontroverse Frauenrolle spielen.

Isabelle Huppert als alternde Femme fatale – fantastisch

Michèle ist nicht einfach nur eine Rächerin, die der Männerwelt beweisen will, dass sie sich mit der Falschen angelegt hat. Als sie herausfindet, wer der Täter ist, verhält sie sich erneut gegen alle Erwartungen.

Isabelle Huppert mit Mann Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Täter steht ihr näher, als sie meint. Frenetic

Die Heldin hat ihre eigenen Abgründe und spielt ihre eigenen Machtspiele. Wer hätte die eiskalte Femme fatale besser verkörpern können als Isabelle Huppert?

Der Film lebt von der französischen Filmdiva. Sie verleiht der Figur den nötigen Stolz, die nötige Eleganz. Unnahbar und trotzdem verletzlich, fühlt man sich zu dieser kaum fassbaren Figur schaurig hingezogen.

Für ihre Performance staubte Isabelle Huppert bereits einen Golden Globe ab. Ihre amerikanischen Kolleginnen dürften es bereuen, die Rolle abgelehnt zu haben – spätestens nach Hupperts Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin.

Verstörend genial

Mit «Elle» zeigt Paul Verhoeven, dass er immer noch der Meister des Unberechenbaren ist. Mit gekonnten Regelbrüchen und gesellschaftskritischem Humor lässt er die Grenzen zwischen Opfer und Täter, sowie gut und böse verschwinden.

Isabelle Huppert und Paul Verhoeven mit Golden Globes Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Golden Globes für Paul Verhoeven und Isabelle Huppert. Keystone

Michèle entscheidet nicht nur selbst, ob sie Opfer sein will oder nicht. Sie kehrt sogar den Spiess um und macht das, was ihr Peiniger mit ihr tat: Sie nimmt sich, was sie will.

Ein kontroverses, politisch inkorrektes und starkes Frauenportrait. Die Unberechenbarkeit der Heldin macht den Film spannend bis zum Schluss. Ein verstörender Thriller, der so gut ist, dass man sich hinterher selbst fragt, ob etwas mit einem nicht stimmt.

Kinostart: 02.02.2017

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

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    Aus glanz und gloria vom 9.1.2017

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