Ende Blut, alles gut? Wie harte Filme weich werden

Keinen Sex bitte – und erst recht keine Gewalt: In den USA bietet ein Internet-Portal Kinofilme und Fernsehserien in einer entschärften Fassung an. Natürlich gegen Bezahlung. Darüber kann man lachen. Wir tun es nicht.

Ein nackter Mann versucht, eine halbnackte Frau zu küssen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wer so etwas nicht sehen mag, ist bei vidangel.com richtig: Leonardo DiCaprio als «Wolf of Wall Street». Universal Pictures Switzerland

Manche mögen's hart. Andere haben es nicht so mit den Filmen von Quentin Tarantino. Jene Szene in «Django Unchained», in der ein Bluthund einen Sklaven zerfleischt? Da hat sogar der grosse Ennio Morricone weggeschaut: «Das war zu heftig.»

Komponisten, gerade die italienischen, sind eher zart besaitet. Deswegen fliegen sie aber noch lange nicht auf einen Dienst wie VidAngel. Das Internet-Portal aus Utah bietet seit Mitte 2015 Kinofilme und TV-Serien an: ohne Gewalt, Sex und Kraftausdrücke – je nach Vorliebe seiner zahlenden Kunden.

VidAngel hat sämtliche Tarantinos in einer Light-Version im Angebot: neben über 2000 weiteren Top-Titeln. Da ist auch Martin Scorseses «The Wolf of Wall Street» zu finden; wahlweise ohne Drogenexzesse, Sexszenen oder Zwergenwitze. Stichwort: «Cleanflix».

Der Schatten eines Cowboys, Blutflecken im Wüstensand Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Will er in die Primetime, kann er kürzer werden: «Django Unchained». Sony Pictures

Filme, glatt gebügelt

«Sex». «Gewalt». «Blasphemie». Bevor ein Film bei VidAngel hochgeladen wird, werden die heiklen Szenen mit sogenannten «Tags» versehen. Der geneigte User aktiviert seine «Lieber-nicht-Filter» – und schon ist der bissigste Tarantino zum zahmen Schosshündchen mutiert.

Der bereinigte Film – ein Spezialfall für Spinner und Sensibelchen? Tatsache ist: Man braucht sich nicht bei VidAngel zu registrieren, um in den zweifelhaften Genuss von Filmen zu kommen, die im Kino ein bisschen anders aussehen.

Denn nicht nur Vielflieger wissen: Noch immer werden von Filmen gekürzte Flugzeugfassungen angeboten. Die sind im Vergleich zu früher den Kinoversionen ähnlicher. Aber immer noch tendenziell gewaltfrei. Glatt gebügelt. Und gern gesehen – oft aus Mangel an Alternativen.

Tod des Abspanns

Geschnitten werden Kinofilme aber auch anderswo. Kein Bier vor vier, sagt der deutsche Arbeiter. Keine Gewalt um acht, ist das Credo bei den grossen Fernseh-Sendern. Programmiert das Schweizer Fernsehen einen «Django Unchained» in der Originalfassung, wird er nach zehn Uhr abends ausgestrahlt. Würde er in der Primetime um acht laufen, könnte er beschnitten werden.

Banale pragmatische Gründe, warum ein Film für das Fernsehen gestutzt werden muss: Er ist zu lang, er passt nicht in den ihm zugedachten Slot. Fast immer daran glauben muss mittlerweile der Abspann. Das sei besonders unschön, wenn sich ein Regisseur danach noch einen Scherz erlaube, sagt SRF-Redaktor Benedikt Eppenberger, der den Einkauf von Filmen und Serien mitverantwortet: «Da sind sie bei Pixar die grossen Spezialisten.»

Woyzeck lässt grüssen

Die Klage über den geschnittenen, den ver-schnittenen Film: Sie impliziert auch die Vorstellung, es gebe die eine, die wahre Ur-Fassung eines Films. Wahrer sei wohl: Es existieren immer mehrere Versionen nebeneinander, so Eppenberger.

Ein neueres Phänomen für dieses filmische «same same, but different»: In Hollywood nimmt man vermehrt Rücksicht auf die Herkunft der Geldgeber, achtet sorgsam auf die Besetzung der Bösewichte und schneidet gewisse Dinge aus einem Film heraus. Die globale Filmindustrie: Sie denkt zunehmend lokal.

So gesehen: Den einen Film gibt es also nicht. Benedikt Eppenberger bemüht ein Stück grosse Literatur zum Vergleich: «Das ist wie bei ‹Woyzeck›. Von dem Büchner-Stück gibt es auch keine autorisierte Fassung, sondern mehrere verschiedene, und alle sind sie gleichberechtigt. Das macht die Sache aber erst richtig spannend.»