Engagiertes Kino als effiziente Form des Widerstands

Seit zwei Jahren leitet Isabelle Gattiker das Filmfestival und internationale Menschenrechtsforum FIFDH in Genf, das sie einst mitbegründet hat. Die 38-jährige Festivaldirektorin vereint in ihrer Person zwei Leidenschaften: die für das Kino und die für die Menschenrechte.

Eine Frau mit weisser Mütze hält das grosse Bild eines Mannes mit kleiner Brille. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: War am FIFDH ein Thema: die Ermordung des russischen Politikers und Putin-Kritikers Boris Nemtsow. Keystone

Das Engagement für die Menschenrechte ist Isabelle Gattiker in die Wiege gelegt worden. Ihr Grossvater war der Journalist Reto Caratsch, der ab 1933 als politischer Korrespondent der NZZ in Berlin stationiert war.

Als Anti-Nazi wurde er 1940 aus Deutschland weggewiesen. «Seine Geschichte hat tiefe Spuren in unserer Familie hinterlassen», sagt die Genferin. Auch ihre Eltern seien politisch engagiert gewesen. «Erstaunlich genug, dass mein linksextremer Vater Diplomat wurde.»

Eine junge Frau allein in einem Kinosaal. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Isabelle Gattiker, Festivaldirektorin. Keystone

Die prägenden Jugendjahre verbrachte Isabelle Gattiker in Bogota. Dabei wurde die Diplomatentochter für die Menschenrechte sensibilisiert, befand sich Kolumbien doch in den frühen 1990er-Jahren im Bürgerkrieg. Isabelle Gattiker durfte das Haus nur in Begleitung verlassen und wurde sich bewusst, welchen Terror die lokale Bevölkerung durchmachen musste.

Passion und Opposition

Das Engagement für die Menschrechte ist nicht zu trennen von Isabelle Gattikers Passion fürs Kino. Das Kino habe sie früh fasziniert, weil es starke Geschichten erzählt und ebenso starke Bilder zeigt, und deshalb auf Themen wie Unterdrückung, Folter und Korruption sensibilisieren könne.

Kino sei ein modernes Medium und eines, das zu berühren vermag. «In Bezug auf die Menschenrechte ist das Kino ein Schlüsselmedium», sagt Isabelle Gattiker. Denn engagiertes Kino könne Oppositionskräfte bündeln, davon ist die Festivaldirektorin überzeugt.

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Das FIFDH in Genf

Das Internationale Filmfestival und Forum für Menschenrechte in Genf ist die weltweit wichtigste Veranstaltung, die sich dem Kino und den Menschenrechten widmet. Das einzigartige Konzept des FIFDH: grosse Kinofilme präsentieren und diese mit internationalen, öffentlich zugänglichen und übers Internet gesendeten Debatten verbinden.

Das Filmfestival und internationale Menschenrechtsforum zeigt nicht einfach Filme, es ordnet sie auch zusammen mit Debatten zu Themenabenden ein. So bildeten in der diesjährigen Ausgabe Saudi-Arabien, Russland, Eritrea und der Klimawandel die thematischen Angelpunkte.

Anspruchsvolle Auswahl

Als Festivalverantwortliche ist Isabelle Gattiker von einem Team aus Menschenrechtsexperten und Kinoprogrammateuren umgeben. Sie ist für die Auswahl der Filme verantwortlich, die am Filmfestival und Menschenrechtsforum FIFDH gezeigt werden. Der Weg zur Auswahl sei anspruchsvoll und auch schmerzhaft, weil man gerne möglichst alles zeigen und diskutieren wolle.

«Natürlich wollen wir auch Themen ins Rampenlicht holen, die weniger bekannt sind.» Weniger bekannt als das Dauerthema Migration etwa. «Dieses wird uns auch in der Ausgabe 2017 weiter beschäftigen.»

Zeigen, was passiert

Bei aller Begeisterung für das Kino und die gute Sache der Menschenrechte dürfen die realen Schicksalsgeschichten nicht vergessen werden, die hinter den Filmen stehen. Doch wo andere Menschen in den Resignationsmodus schalten, hat Isabelle Gattiker ihre Motivation gefunden. Sie erachtet es als grosse Chance, Menschen zu treffen, die durch ihre schrecklichen Erlebnisse zu Opfern wurden.

Diesen Menschen ein Gesicht und eine Stimme zu geben, ist das Credo des Filmfestivals. «Wir wollen hier in Genf darüber reden, was diesen Menschen widerfahren ist», betont Isabelle Gattiker. Die Sichtbarkeit der Opfer verstärken, das ist das Ziel des Festivals. Weil nur auf diesem Weg die Debatte lanciert werden kann. Für die Menschen, deren Rechte mit Füssen getreten werden, ist dies der erste und wichtigste Schritt heraus aus der Anonymität.

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