Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Video 50 Jahre Dokfilm-Festival Nyon - Ein Rückblick abspielen. Laufzeit 01:32 Minuten.
Aus SRF Kultur vom 03.04.2019.
Inhalt

Essayfilm «Passion» Bin ich ein Spiesser geworden?

Christian Labharts neuer Film «Passion» ist die Lebensbilanz eines Leidenschaftlichen. Bildgewaltig – aber warum sonst so zurückhaltend?

Den Einstieg in «Passion» macht die erste Zeile aus Bertolt Brechts Gedicht «An die Nachgeborenen»: «Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!» Brecht wird am Ende den Film wieder schliessen.

Visions du réel

Visions du réel

In Nyon läuft seit Freitag die 50. Ausgabe des Dokumentarfilmfestivals Visions du Réel, Link öffnet in einem neuen Fenster. Insgesamt sind in Nyon 169 Filme aus 58 Ländern zu sehen – über die Hälfte davon Weltpremieren. Eine davon ist Christian Labharts «Passion – Zwischen Revolte und Resignation, Link öffnet in einem neuen Fenster».

Im Off-Kommentar erinnert sich Christian Labhart an seine eigenen Entwicklungstationen: 1968, die Aufbruchstimmung, die Demonstrationen, den Kampf gegen die AKWs, für ein AJZ, den RAF-Terrorismus.

Porträt Christian Labhart
Legende: Christian Labhart war Bauer und Anarchist, Hausmann, Lehrer – und seit 2000 Filmemacher. KEYSTONE/Christian Beutler

Labharts Biografie als engagierter Junglehrer, als Teil einer idealistischen Bauernhof-Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und ohne Chef, das Scheitern, die Familie, die Kinder, das Einfamilienhaus, das alles kommt fast beiläufig, bescheiden. Und irgendwann die Frage: Bin ich ein Spiesser geworden?

Symbolträchtige Tableaus

50 Jahre Gesellschaftsgeschichte in 80 Minuten: Labhart setzt vor allem auf die Kraft der Bilder, die er mit dem unterdessen verstorbenen Pio Corradi und Simon Guy Fässler aus allen möglichen Ecken der Welt geholt hat.

Beeindruckt hat Labhart auch Godfrey Reggios «Koyaanisqatsi» von 1982. Dieser auf Überwältigung setzende Film wurde zu einem Schlüsselwerk der weltweiten Öko-Bewegungen. «Koyaanisqatsi» ist aber auch Steinbruch der filmischen Werbeästhetik im Dienste aller Konsumprodukte.

In Labharts «Passion» zeigen grossartige Tableaus die Absurdität eines auf Konsum und Spektakel ausgerichteten Lebens. Fantastische Ausblicke auf zerfallende Monumente des Kommunismus in Bulgarien stehen für den Niedergang der Hoffnung. Zerbrechende Eismassen verweisen auf die Zerstörung der Welt.

Perfekte Matthäus-Passion

Immer, wenn die Hoffnungslosigkeit augenfällig ist, folgt der Schnitt auf eine konzertante Aufführung von Bachs «Matthäus-Passion», in Schwarz-Weiss, mit klaren Tönen, hellen Stimmen, einer perfekten Ordnung.

Das Problem von Labharts «Passion» liegt nur zum Teil in der Wiedererkennbarkeit eines Teils der Tableaus. Das Problem ist Labharts Zurückhaltung.

Ein Mann in einem Schlachthof
Legende: Labharts Sujet sind absurd – und doch teilweise absehbar. www.passion-film.ch

Ob aus Bescheidenheit, Feigheit, Kalkül oder aus deutschschweizerischer «Selbstverzwergung» heraus: Labhart streift seine Biografie meist nur beiläufig. Dafür holt er mit Gusto seine Lieblingsbücher aus dem Regal und lässt neben Brecht auch Kafka, Dorothee Sölle, Slavoj Žižek oder Ulrike Meinhof ihre Positionen wiederholen.

SRF-Koproduktion

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat diesen Film koproduziert, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Das macht «Passion» zu einem stellenweise absehbaren Kompendium, vor allem, wenn dann auch noch die rauchenden Zwillingstürme oder der feixende Donald Trump gezeigt werden.

Ein Filmemacher, der sich versteckt

Dass ein Filmemacher grossartige Bilder sucht, mag man ihm nicht ankreiden. Dass er sich hinter ihnen und seiner Wechseldramaturgie aber wegduckt, ist schade.

Gletschermasse
Legende: Schön und schauerlich zugleich: Labharts Tableaus von zerbrechenden Eismassen. www.passion-film.ch

Anstelle der wohlbekannten Wegmarken der Globalisierung bräuchten wir gerade die Einzigartigkeit einer Biografie, die der unseren ähnlich ist: Woran scheiterte die Bauernhof-Utopie der Freunde? Wie kam es zur Kleinfamilie mit Kindern im Einfamilienhaus?

Hinter den gewaltigen Bildern von Labharts Film stecken viel Arbeit und professionelles Können. Aber auch ein Filmemacher, der sich nicht über anerkannte Erkenntnisse hinaus aussetzt.

Kinostart: 18. April, ab 11. April Lunchkino

Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

Es wurden noch keine Kommentare erfasst. Schreiben Sie den ersten Kommentar.