Film-Tipp des Tages: «À perdre la raison – Unsere Kinder»

Das junge Paar Murielle und Mounir beschliesst zu heiraten. Aus finanzieller Not ziehen sie bei Mounirs Ziehvater André ein. Dieses anfangs so bequeme Arrangement wird für Murielle zum Gefängnis, aus dem sie nur über eine schreckliche Tat herausfindet.

Eine Frau und ein Mann mit zwei Mädchen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Tahar Rahim als Mounir, Émilie Dequenne als Murielle. SRF/Box Productions

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Sendeplatz

Montagnacht um 00:50 Uhr auf SRF 1

Murielle (Émilie Dequenne) und Mounir (Tahar Rahim) sind bis über beide Ohren verliebt. Mounir lebt seit über 20 Jahren bei André (Niels Arestrup), der ihn einst als Ziehsohn adoptiert und von Marokko nach Europa geholt hat.

Als das junge Paar heiratet, bietet André an, dass beide zu ihm ziehen. Bald ist das erste Kind da. Kaum kann es gehen, rückt schon das zweite nach, ebenso kurz darauf das dritte. André unterstützt Mounir und Murielle auch finanziell. Aber mit der Familie wächst Murielles Unbehagen gegenüber der Abhängigkeit von André. Immer mehr engt sie die buchstäbliche «Ménage à trois» ein.

Ungehörte Proteste

Ein Lichtblick ist Mounirs Plan, als Familie zurück nach Marokko zu ziehen. Als André deswegen wütend wird, krebst Mounir zurück und überredet Murielle, mit ihm und André in ein Haus mit mehr Platz zu ziehen, schliesslich ist bereits das vierte Kind unterwegs.

Murielle gibt klein bei, stürzt aber mehr und mehr in eine Depression. Leise begehrt sie gegen die starke Vater-Sohn-Beziehung auf, die ihre eigene Liebesbeziehung mit Mounir mehr und mehr in den Schatten stellt. Doch sie findet bei den Männern kein Gehör. Emotional komplett isoliert begeht Murielle schliesslich eine schreckliche Tat.

Von Grosszügigkeit zu purer Macht

Mit «À perdre la raison – Unsere Kinder» legt der belgische Filmemacher Joachim Lafosse ein ebenso beklemmendes wie berührendes Drama vor. Wie seine Hauptdarstellerin Émilie Dequenne die stille Verzweiflung einer ursprünglich glücklichen Frau spielt, ist beeindruckend. An den Filmfestspielen in Cannes wurde sie dafür als Beste Schauspielerin ausgezeichnet.

An Dequennes Seite spielt Tahar Rahim, dessen Karriere seit seiner umwerfenden Darstellung in «Un prophète» aufwärts geht. Die psychologisch wohl interessanteste Figur, André, wird vom belgischen Charakterdarsteller Niels Arestrup gespielt. André tritt als paternalistischer Gönner auf, dessen Grosszügigkeit nach und nach ins Possessive und schliesslich in pure Macht umschlägt.

Mounir und Murielle opfern dem zunächst so bequemen Arrangement ihre Freiheit und Autonomie als Paar, Murielle schliesslich auch ihren Verstand.