Film-Tipp des Tages: «Der Schnee am Kilimandscharo»

Ein pensionierter Gewerkschafter und seine Frau werden überfallen und beraubt. Ihre Reaktion ist so unerwartet wie menschlich. Warmherziges Sozialdrama aus Marseille.

An einem Pic-Nic-Tisch im freien. Im Hintergrund hält sich ein Päärchen in den Armen. Im Vordergrund sitzen zwei Frauen und diskutieren. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Trotz allem glücklich. SRF/Agora Films

Michel (Jean-Pierre Darroussin) und seine Marie-Claire (Ariane Ascaride) sind seit vielen Jahren glücklich verheiratet. Die Kinder sind erwachsen, und die Enkel freuen sich, dass der Grossvater bei der letzten Massenentlassung am Hafen zum Frührentner geworden ist und jetzt mehr Zeit hat. An ihrem 30. Hochzeitstag veranstaltet das Ehepaar ein grosses Fest, zu dem neben Familie und Freunden auch die anderen entlassenen Kollegen eingeladen sind. Der langjährige, allseits beliebte Gewerkschafter Michel, der sich aus Solidarität selbst auf die Liste der Entlassenen gesetzt hatte, bekommt von Freunden und Kollegen ein grosszügiges Geldgeschenk für eine Reise, die er und seine Frau sich schon lange wünschen.

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Sendeplatz

Donnerstagnacht um 00:05 Uhr auf SRF 1.

Überfall

Wenige Tage später – Michel und Marie-Claire sitzen mit Raoul (Gérard Meylan) und dessen Ehefrau Denise (Maryline Canto) beim Kartenspiel – dringen zwei vermummte Männer in ihr Haus ein, fesseln die vier und verlangen die Herausgabe des Geldes. Es ist offensichtlich, dass die Täter von dem Geldgeschenk wussten. Der brutale Überfall verändert das Leben der beiden Paare. Denise, die Schwester von Marie-Claire, leidet seither unter Alpträumen und meidet die Öffentlichkeit. Ihr Mann Raoul entwickelt in der Folge eine immer grössere Wut auf die Täter. Auch Marie-Claire und Michel, der bei dem Überfall eine Schulter gebrochen hat, zweifeln am Leben.

Als sich herausstellt, dass es sich bei einem der Täter um den jungen Christophe (Grégoire Leprince-Ringuet) handelt, der ebenfalls zu den Entlassen aus der Werft gehört, ist Michel zuerst enttäuscht und wütend. Doch je mehr er über die Situation des jungen Arbeitslosen erfährt, der allein für seine beiden kleinen Brüder sorgt, desto grösser wird sein Gewissenskonflikt: Wenn Christophe ins Gefängnis muss, was passiert mit den Buben, die von ihm abhängig sind? Er ahnt nicht, dass sich Marie-Claire hinter seinem Rücken bereits um Jules und Martin kümmert.

Das Leben der kleinen Leute

Es ist das Leben der kleinen Leute, das im Fokus des am 3. Dezember 1953 geborenen französischen Autorenfilmers Robert Guédiguian steht. Seine Heimat ist die Hafenstadt Marseille, in der die Klassengegensätze am sichtbarsten sind und die Kriminalitätsrate die höchste Frankreichs ist. Hier sind auch alle seine Filme angesiedelt. Die zweitgrösste Stadt Frankreichs, die «französische Hauptstadt des organisierten Verbrechens» («Die Welt») ist aber auch der Ort, wo Robert Guédiguian Menschlichkeit und Wärme findet bei Leuten wie sie Victor Hugo schon in seinem Gedicht «Les pauvres gens» besungen hat, das den Regisseur zu «Der Schnee am Kilimandscharo» inspirierte. In der Hauptrolle ist wie immer seine Ehefrau Ariane Ascaride zu sehen, die dafür mit einer Nomination für den César, dem französischen Oscar ausgezeichnet wurde.