Film-Tipp des Tages: «Grizzly Man»

Der Exjunkie, Schauspieler und Bärenfreund Timothy Treadwell wurde 2003 in Alaska ausgerechnet von jenen Kreaturen zerfleischt, zu deren Schutz er alles aufgegeben hatte. Werner Herzog hat mit Treadwells Videomaterial und Interviews von Hinterbliebenen einen verstörenden Film geschaffen.

Zwei Grizzlybären laufen über eine Wiese, im Hintergrund sind Berge zu sehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Liebe zu Grizzlybären wurde Timothy Treadwell zum Verhängnis. SRF/Lionsgate

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Sendeplatz

Donnerstagnacht um 00:15 Uhr auf SRF 1

Jahrelang zog der naiv-romantische Tierfreund Timothy Treadwell jeweils im Sommer in die Wildnis Alaskas, um dort die warme Jahreszeit mit einer Gruppe Grizzlys zu verbringen. Mit allen Mitteln versucht er dabei, eine Beziehung zu den gewaltigen Bären aufzubauen und damit zu beweisen, dass Mensch und Tier in Harmonie miteinander leben können. Seine Bemühungen hält er über all die Jahre mit einer Videokamera fest.

Treadwell wandelt sich dabei vom passiven Beobachter zum Aktivisten, der bereit ist, zum Wohle «seiner» Bären auch schon einmal handgreiflich gegen Behörden, Jäger, Touristen und alle anderen vorzugehen, die er als Feinde der Grizzlys identifiziert hat. Er radikalisiert sich und gerät dabei in Konflikt mit dem Gesetz. Resultat ist ein immer paranoideres Verhalten. Treadwell idealisiert die Bären in einem Masse, dass er die reale Gefahr, die von wilden Bären ausgeht, zunehmend ausser Acht lässt. 2003 werden er und seine zufällig anwesende Freundin von den Bären attackiert, zerfleischt und anschliessend aufgefressen.

Spezialist für Filme über Menschen in Extremsituationen

Einige Zeit später gelangt Videomaterial aus Treadwells Nachlass in die Hände des deutschen Filmemachers Werner Herzog. Herzog ist bekannt für seine Spielfilme über Menschen in Extremsituationen. Berühmt gemacht haben ihn Werke wie «Aguirre - Der Zorn Gottes» oder «Fitzcaraldo ». Zuletzt realisierte der in den USA lebende Deutsche mit «Into the Abyss» einen eindringlichen Dokumentarfilm über Todeskandidaten in US-Gefängnissen sowie «Cave of Forgotten Dreams», ein 3D-Filmessay über die Steinzeitmalereien in den südfranzösischen Chauvet-Höhlen.

Herzog, Filmer der Extreme, fühlt sich von der Person Treadwells, wie auch von dessen unter extremen Bedingungen entstandenen Bildmaterial unmittelbar angesprochen, und begann damit, daraus einen Film zu montieren. Gleichzeitig drehte er Interviews mit Hinterbliebenen, Freunden und Feinden des Bärenmannes. Er forschte in der Biografie Treadwells und kam so allmählich einem Mann auf die Spur, der als Reaktion auf eine als verpfuscht empfundene Jugend, auf unerwiderte Liebe, auf Alkoholexzesse, auf berufliche Misserfolge sowie Image- und Indentitätsprobleme seine ganze Zuwendung auf die Bären Alaskas richtete. Hier wollte er endlich Akzeptanz finden. Er projizierte seine ganze ungefilterte Zuwendung auf die Raubtiere und hoffte von ihnen im Gegenzug das zu erhalten, was die Menschen ihm verwehrten: Liebe.

Natürlich ist «Grizzly Man» auch ein Film über Grizzlys. Im Kern aber lässt Herzog einen Mann mit seinen eigenen Worten und Bildern beschreiben, wie ein Selbstfindungstrip ausser Kontrolle gerät und schliesslich an den Abgrund führt, wo ausser Einsamkeit, Stille und Tod nichts mehr anderes zu existieren scheint.

SRF 1 zeigt den aussergewöhnlichen Dokumentarfilm «Grizzly Man» im Rahmen von «Delikatessen» exklusiv in Zweikanalton.